Sigmar Polke

Seine Malerei ist geprägt von der Auseinandersetzung mit der alltäglichen Wahrnehmung von Wirklichkeit, der trivialen Alltagskultur. In ironischer Manier überträgt Polke Banales und Werbewirksames in seine Kunst, führt eingebürgerte Lesarten und Sichtweisen ad absurdum.

Sigmar Polke wird 1941 in Oels / Schlesien geboren. Nach einer Lehre als Glasmaler studiert er 1961 — 1967 bei Karl Otto Götz und Gerhard Hoehme Malerei an der Düsseldorfer Kunstakademie. Von 1977 bis 1991 lehrt Polke an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg.

Polkes Malerei ist geprägt von der Auseinandersetzung mit der alltäglichen Wahrnehmung von Wirklichkeit, der trivialen Alltagskultur. Die Omnipräsenz der Bilder fordert ihn zur Auseinandersetzung mit deren Wahrheitsgehalt und Scheinwirklichkeit heraus. In ironischer Manier überträgt Polke Banales und Werbewirksames inseine Kunst, führt eingebürgerte Lesarten und Sichtweisen ad absurdum.

In den frühen Arbeiten verwendet Polke gezielt kleinbürgerliche Dekorations- und Kleiderstoffe als Malgründe seines Themenrepertoires, das ebenso Porträts von Film-Idolen wie banale Gegenstände wie Würste, Socken und Schokolade umfasst (Wurstesser 1963, Socken 1963, Urlausbild 1966). Ornament und Bild, Muster und Grund interagieren in seinen comicartigen Collagen und Rätselbildern. Anders als bei den Vetretern der Pop Art leben Polkes eigenwillige Bilder vomgleichermaßen zynisch-kritischen wie albernen Ton der Persiflage.

Neben der Werbewelt und dem Wunschpotential, das sie erweckt, interessieren Polke die fotografischen Reportagen der Printmedien. In den Rasterbildern (1963 — 69) raubt er den auf Authentizität und Wahrheit pochenden Fotos der Medien ihre Illusionskraft, indem er sie auf ihr Gemacht-Sein zurückführt, sie in großeRasterpunkte auflöst (BZ am Mittag 1965, Freundinnen 1965) und die Betrachter zu distanzierten Betrachtung zwingt. Die Arbeiten bedienen sich aber auch Vorlagen aus der Kunstgeschichte, verfremden Stil- und Motivzitate durch Übermalung und Überklebung und durchbrechen damit etablierte Vorstellungen künstlerischer Originalität. Ab den 70er Jahren arbeitet Polke zunehmend mit Fotomaterial, das er von seinen Reisen nach Mexiko, Australien, Afghanistan und Pakistan mitbringt,und experimentiert mit der Technik des Offsetdrucks.

Der Akt der technischen Bildgestaltung und Materialisierung tritt in den 80er Jahren zunehmend in den Vordergrund. Polke experimentiert mit unterschiedlichen chemischen Substanzen und nutzt deren prozesshafte Wandlungsfähigkeit, um veränderliche ästhetische Wirkungen auf dem Bildträger zu erzeugen. Zu den verfremdet genutzten »Malmitteln« gehören Hydro- und Thermofarben, deren chemische Zusammensetzung abhängig von den jeweiligen Raumbedingungen unterschiedliche und meist unsteuerbare Farbeffekte hervorruft. Polkes so in Schütt- und Drip-Verfahren erstellten Bilder provozieren damit unvorhersehbare und geheimnisvolle Wirkungen. Die mystisch anmutenden Wandlungen seiner jetzt entstehenden Werke vergleicht der Künstler selbst mit evolutionären Naturvorgängen und alchemistischen Traditionen. Tatsächlich zeigt sich in ihnen jedoch auch eine Bildinvention, die dem virtuellen Bild ähnlich scheint: Interaktive Phänomene, rückläufige Reaktionen der Bilder scheinen momenthaft wahrnehmbar. Neben seinem Beitrag für den Deutschen Pavillon der Biennale in Venedig von 1986 magdies auch Polkes Arbeit Laterna Magica 1988 — 1996, eine Installation aus einer Folge von Transparentbildern, deren Holzrahmen wie Paravents frei im Raum stehen, verdeutlichen. Die Projektionen ermöglichen ungewöhnliche Formen einer zeitlich andauernden und nicht fixierbaren Kunst-Wahrnehmung.

Polkes Arbeiten setzten sich in den 90er Jahren erneut mit zeitaktuellen gesellschaftspolitischen Themen (Aufschwung Ost, 1992) auseinander, nutzen jedoch darüber hinaus das gewonnene ästhetische Vokabular, um changierende Standpunkte und nicht-fixierbare Perspektiven im Bild sichtbar zu machen (Mercedes,1994).

Sigmar Polke starb am 10. Juni 2010 in Köln.

Literaturauswahl

Sigmar Polke. Die Editionen 1963 — 2000: Ausst.-Kat. hg. von Jürgen Becker und Claus von der Osten, Ostfildern Ruit 2000

Sigmar Polke. Die drei Lügen der Malerei: Ausst.-Kat., Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, hg. v. Hans Belting, Bonn, Stuttgart 1997

Erfle, Anna: Sigmar Polke. Der Traum des Menelaos, Köln 1997

Sigmar Polke. Neue Bilder: Ausst.Kat., Städt. Museum Abteiberg Mönchengladbach, hg. v. Dierk Stemmler, Mönchengladbach 1992 //Schulz-Hoffmann, Carla; Bischof, Ulrich: Sigmar Polke. Schleifenbilder, Stuttgart 1992

Sigmar Polke. Athanor, il Padiglione: Ausst.-Kat. XLII Biennale di Venezia 1986, Pavillon der Bundesrepublik Deutschland, Venedig 1986

 

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Foto: Tobias Roch, Hagen

Zu Sammlung hinzufügen…

×
×
×

Liebe Besucherinnen und Besucher,

seit 2006 gibt die museumsplattform nrw einen umfassenden Einblick in die Sammlungen und Aktivitäten ausgewählter NRW-Museen – und regt damit zugleich auch ein neues Publikum zum Museumsbesuch an. Monatlich 13.000 Besucher*innen belegen das Interesse an diesem einzigartigen Instrument zum interaktiven und kommunikativen Umgang mit Kunst im Netz.

Ein intensiv gepflegter und konstant ausgebauter Newsbereich mit Hinweisen zu Ausstellungen und Veranstaltungen oder Features aus der Kunstszene NRWs gehört ebenfalls dazu. 2013 erhielt die bereits seit zehn Jahren aktive Online-Plattform den bedeutenden Grimme Online Award.

Für den Ausbau dieses Online-Angebots sind wir auf den dauerhaften Beteiligungswillen der Museen angewiesen. Auch wenn die aktive Ausgestaltung derzeit nicht erfolgen kann, laden wir Sie doch herzlich ein, unser breites Angebot zum interaktiven und kreativen Umgang mit der Bildenden Kunst und ihren vielfältigen Formen medialer Vermittlung spielerisch zu erkunden.

Ihr NRW KULTURsekretariat