Sean Scully

Die assoziativen Belegungen seiner Bilder sind besonderes Anliegen – ein Wahrnehmungsakt, der oftmals bereits durch Scullys Titelgebung ausgelöst wird und scheinbar abstrakte Bilder zu metaphorischen Verkörperungen werden lässt.

Sean Scully wird 1945 in Dublin geboren. Er studiert zunächst von 1965 — 1968 am Croydon College of Art in London und setzt dann seine Ausbildung bis 1972 an der Newcastle University in England fort. Anschließend lehrt Scully von 1973 — 1975 an der Chelsea School of Art und der School of Art des Goldsmiths College in London. Im Jahr 1975 übersiedelt er in die USA und lehrt von 1977 bis 1983 an der Princeton University in New Jersey. Einen Lehrauftrag an der Akademie der Bildenden Künste in München erhält Scully von 2002 bis 2007.

Scullys Frühwerk operiert mit seriellen musterartigen Rasterbändern, deren virbrierende Bildwirkung seine Nähe zur Op Art Bridget Rileys belegt. Von diesen optischen Experimenten löst er sich jedoch mit Beginn der 1980er Jahre. Weiterhin nutzt er das formale Gerüst der farbigen Streifen, die stets horizontal bzw. vertikal ausgerichtet sind. Doch verankert er sie nun als körperhafte Gebilde, die im pastosen Farbauftrag an materieller Substanz gewinnen und schließlich das gesamte Bildfeld einnehmen. Dabei trägt Scully die Farbe in mehreren Schichten auf: Pinselduktus und raue Oberflächen erzeugen den Eindruck geologischer Substrate (Stone Light 1992). Die Farbigkeit bleibt reduziert auf warme Rot- und Orange-Töne, Erdfarben und Grau- bzw. Schwarz-Töne. Oftmals gegeneinander versetzt scheinen die Streifen auch Ansichten und Aufsichten zu erzeugen, wodurch auch architektonische Bezüge hergestellt werden. Der blockartige Eindruck entsteht dadurch, dass die Leinwände auf massive und meist sichtbare Holzkonstruktionen gespannt werden. Auch einzelne Leinwände setzt Scully zu Triptychen zusammen, konstruiert die Bilder im wahrsten Sinne.

Statt minimalistischer Reduktion strebt Scully die Rückkehr zur kulturellen Verortung an. Dabei dient ihm die Fotografie als Dokumentationsinstrument, das ihm Aufschluss über die Rolle abstrakter architektonischer Formen in unterschiedlichen kulturellen Bezugsräumen bietet. Türen und Fenster sind bevorzugte Bildmotive. Neben Hinweisen auf kubische Formationen, die in Ansichten oder Aufsichten vor linearen Streifengebilden sichtbar werden (Catherine 1992; Pink Bar 1998), nutzt er vornehmlich das Schachbrettmuster, um damit die Erinnerung an Mauern oder Pflasterformationen hervorzurufen. Auch hier werden Einschlüsse und Leerstellen im geometrischen Muster für Scully zum Mittel, Irregularität und Irritation erzeugen. Als Sinnbilder stehen sie für die Öffnung eines Ordnungskanons und das Eintreten neuer Elemente, die Scully auch mit kulturellen und figuralen Belegungen versieht (Africa 1989; Passenger 1997).

Die assoziativen Belegungen seiner Bilder sind besonderes Anliegen – ein Wahrnehmungsakt, der oftmals bereits durch Scullys Titelgebung ausgelöst wird und scheinbar abstrakte Bilder zu metaphorischen Verkörperungen werden lässt (Brennus 1979). Vor allem die Metropole New York hat Scully erklärtermaßen zum Bezugspunkt seiner »Bildarchitekturen« gemacht. Er betrachtet seine Arbeiten als »Gemälde, die, aus der Stadt kommend, deren Energie widerspiegeln. In der Stadt, wie ich sie verstehe, haben wir es mit einer geometrisch-organischen Realität zu tun. Ihre Architektur ist in Schichten angeordnet, so dass sie uns zu bestimmten Erfahrungen zwingt. Die Menschen stehen zueinander in Beziehung auf unterschiedlicher Ebene und sie sind unterschiedlich weit von einander entfernt, nämlich von einer Straßenseite zur anderen (…). Viele meiner Bilder sehen wie Mauern aus oder sind wie Wände aufgebaut. Im Augenblick faszinieren mich vor allem Gemälde voller Uneinigkeit, und das liegt womöglich daran, dass ich mich heute stärker als in der Vergangenheit mit New York verbunden fühle. Daher rührt wohl die Zurücknahme des Defensiven, die größere Offenheit und Freiheit.« (Scully, in: Kunstforum International Bd. 141, 1998).

Die Arbeiten Scullys sind seit 1973 auf zahlreichen Ausstellungen vertreten. Zu den jüngeren Werkschauen zählen diejenigen in der Kunsthalle Bielefeld im Jahr 1995 und 1996 in der Frankfurter Schirn Kunsthalle, dann die Wanderausstellung in München, Düsseldorf und Valencià im Jahr 2001. Jüngst zeigt das Kunstmuseum Liechtenstein in Vaduz eine umfassende Retrospektive seiner Werke (2006).

Sean Scully lebt und arbeitet in London und New York.

Literaturauswahl

Sean Scully – A retrospective: Ausst.-Kat. hg. v. Danilo Eccher, Lorand Hegyi, London 2007

Sean Scully, Walls of Aran: Ausst.-Kat. London 2007

Sean Scully. Die Architektur der Farbe: Ausst.-Kat. Kunstmuseum Liechtenstein, hg. v. F. Malsch. Mailand 2006

Carrier, David: Sean Scully, London 2004

Sean Scully. Gemälde, Pastelle, Aquarelle, Fotografien 1990 — 2000: Ausst.-Kat. Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen Düsseldorf u.a., Düsseldorf 2001

Sean Scully: Ausst.-Kat. Galerie Nationale du Jeu de Paume, hg. v. F. Bonnefoy u. S. Clément, Paris, 1996

Sean Scully. The Catherine Paintings: Ausst.-Kat. Kunsthalle Bielefeld, hg. v. H.-M. Herzog, Ostfildern 1995

Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger

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