René Magritte

Seit 1924 Mitglied der belgischen Surrealisten, strebt er ausdrücklich danach, im Sinne des schweizer Sprachforschers Ferdinand de Saussure, die kulturell gewachsene Übereinstimmung von Form als Signifikant und Inhalt als Signifikat zu irritieren, zu hinterfragen, zu pathetisieren oder sogar zu leugnen. René Magrittes Bilder sind reine Fragen an den Betrachter.

René Magritte ist am 21. November 1898 in Lessines in Belgien geboren. Als er zwölf Jahre alt ist, ertränkt sich seine Mutter in der Sambre und wird erst 17 Tage später gefunden. Die Umstände, die dem Kind teils mitgeteilt teils verschwiegen wurden, traumatisieren Magritte. In den Jahren 1916 — 18 studiert er Malerei an der Académie des Beaux-Arts in Brüssel. Er orientiert sich bis 1922 am Expressionismus, an den Fauves, dem Kubismus, an der »klassischen« Periode von Picasso und am italienischen Futurismus. 1921/22 während seiner Militärzeit entstehen traditionelle Halbfigurenporträts seiner Vorgesetzten. Ebenfalls 1922 beginnt er als Musterzeichner in einer Brüsseler Tapetenfabrik und versucht sich ab 1924 als Werbegraphiker für eine Modelinie, den Pelzhandel und der Automarke Alfa Romeo.

Magritte erlebt 1922 zugleich mit der Kenntnis der Werke von Giorgio de Chirico, dem Begründer der pittura metafisica den entscheidensten Einfluss auf seine weitere künstlerische Entwicklung. Die Torsi und Figurinen, die Zusammenführung disparater Elemente in einer Komposition, die in sich geschlossenen, bühnenhaften Bildräume, jene der Stofflichkeit enthobene Malweise und die Versatzstücke banaler Alltäglichkeit wie Perückenköpfe oder kopflose Modellpuppen sind Elemente der Bildwelt von de Chirico, die nun sukzessive Eingang in die Arbeiten von Magritte finden. Im Jahr 1926 entsteht Der verlorene Jockey und gilt als erstes surrealistisches Gemälde Magrittes. In ihm manifestieren sich die lebenslangen Kunstfragen Magrittes: Mittig in der unteren Bildhälfte erscheint die Silhouette eines galoppierenden Pferdes im Profil mit den ihn antreibenden Jockey. Pferd und Reiter, wie im Gegenlicht zu einer Figur verbacken, sind kompositionell eingeklammert von exakt zentralperspektivisch verlaufenden, dünnen Mauergevierten, die mittig eine Gasse zum Horizont frei lassen. Der rechte Bildrand ist von einem gerafften Vorhang flankiert, daran setzt die rechte Mauer, parallel zum unteren Bildrand geführt, an und bricht vor dem Reiter im rechten Winkel zum Horizont ab, mit einer schmalen Lücke wird der linke Mauerverlauf symmetrisch geführt. Ganz nah an den unteren Bildrand gerückt flankieren riesige, weiße, bläulich schattierte Balusterkegel, denen im oberen Drittel Äste mit Blattwerk entwachsen die Mauerecken und rahmen den Jockey. Jeder dieser Bilbouquets – das Bild zeigt acht – weist eine individuelle Schichtungsfolge von Balusterformen und Trennscheiben auf. Zur Horizontlinie hin werden die, jeweils zu viert angeordneten aber asymmetrisch gesetzten Baluster zentralperspektivisch verkürzt. Dieses Gemälde wiederholt Magritte in delikater, klassisch lasierender Malweise erneut im Jahr 1942, auch darin zeigt sich seine Bedeutung für den Künstler. Mit dieser Komposition manifestieren sich die zentralen Elemente von Magrittes Bildern: das Bühnenhafte des Bildraumes, Symmetrien und Asymmetrien, die figurinenhaften Baluster, hier als Signifikat für Baumstämme eingesetzt, Versatzstücke des Naturräumlichen (Mensch, Tier, Blattwerk) deplaziert in einem konstruierten Raumkomplex. Hier stehen sich Naturgesetzliches und die Eigengesetzlichkeit des Bildes einander irritierend gegenüber. Der Titel verschärft noch das semantische Problem der Darstellung. Im Jahr 1938 sagt Magritte in einem Vortrag, dass er seine Titel so wähle, dass sie verhindern, seine Bilder »im vertrauten Bereich« anzusiedeln.

Magritte, seit 1924 Mitglied der belgischen Surrealisten, strebt ausdrücklich danach, im Sinne des schweizer Sprachforschers Ferdinand de Saussure, die kulturell gewachsene Übereinstimmung von Form als Signifikant und Inhalt als Signifikat zu irritieren, zu hinterfragen, zu pathetisieren oder sogar zu leugnen.
In der Brüsseler Galerie Le Centaure hat Magritte 1927 seine erste Einzelausstellung. Im gleichen Jahr übersiedelt er nach Le-Perreux-sur-Marne bei Paris und ist bis 1930 in der Pariser Surrealistenszene aktiv. Er begegnet Max Ernst und nimmt 1928 an der 1. Gruppenausstellung der Surrealisten teil. In dieser Zeit, in der auch sein Aufsatz Le mots et les images in der 12. Nummer der Zeitschrift La Révolution Surréaliste erscheint, entstehen seine Sprachbilder. Er komponiert 41 Bilder mit Wörtern, in denen sich jene semantische Befragung der Wahrnehmungsstruktur und deren Wahrheits- oder Realitätsgehalt noch steigern. Magritte vermeidet hier alles Mimetische, das darstellend Verweisende oder Emotionale. Seine Bilder sind reine Fragen an den Betrachter. Er dramatisiert diese Bildfragen bzw. Darstellungsrebusse durch die traumartige Alogik der Bildgegenstände und durch die protokollarische Klarheit seiner Formen wie durch seine altmeisterliche Lasurtechnik, die alle Stofflichkeit vermeidet. Immer wieder kommt es zu Eigenzitaten, Serien oder mehreren Versionen eines Sujets. Thematisch sind die Pariser Jahre geprägt durch Provokationen des bürgerlichen Selbstverständnisses und Gewaltphantasien, die durch die Fantômas-Filme von Feuillade beeinflusst sind.

Im Jahr 1936 ist Magritte sowohl bei der Londoner international surrealist exhibition vertreten als auch in New York bei der Julian Levy-Gallery und deren AusstellungFantastic Art, Dada and Surealism. Seither wird sein Werk international rezipiert, 1938 in einer Einzelausstellung in Paris gezeigt. Seit 1930 erneut in Brüssel ansässig, entwirft Magritte 1953 modelli für die Wände des runden Saales im Casino in Knokke-Le-Zonte, die unter seiner Anleitung al fresco direkt auf dem Putz ausgeführt werden. Die Freskenfolge, die Einzelbilder sind durch verspiegelte Wandvorlagen getrennt und trägt den Titel Die verzauberte Domäne. Sie überführt mit etwa 4 Metern Höhe und einer Länge über 70 Metern Magrittes märchenhafte, symbolische Bildwelt ins Monumentale. 1954 ehrt ihn Brüssel mit einer Retrospektive.

René Magritte stirbt am 15. August 1967 in Brüssel.

Literaturauswahl

Meuris, J.: René Magritte, Köln 2007

Ollinger-Zinque, G.: Magritte in the Royal Museum of Fine Arts of Belgium, Brüssel, u.a. Wien 2005

René Magritte. Der Schlüssel der Träume: Ausst.-Kat. Kunstforum Wien, Gent 2005

Spitzbart, E.: »Systematisches Vergessen«. Zum Bildfindungsprozess bei René Magritte, in: Zeiträume, München 2005

Sylvester, D.: Magritte, Köln 2003

Sylvester, D. u. Whitfield, S.: René Magritte. Catalogue raisonné, 8 Bde., Antwerpen, London 1992 — 96

Blavier, A. (Hg.): René Magritte. Sämtliche Schriften, Frankurt a.M. 1985

Schreier, Chr.: René Magritte, Sprachbilder 1927 — 1930, zugl. Diss. phil., Hildesheim 1985

Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014

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