Reinhard Döhl

Buchstaben-Bilder, Schrift-Bilder, metrische und akustische Poesie, phonetische Poesie, stochastische und topologische Poesie, kybernetische und materiale Poesie. Reinhard Döhl selbst definiert sich ab 1989 als »Schriftstellerwissenschaftler«.

Reinhard Döhl wird am 16. September 1934 in Wattenscheid / Westfalen geboren. 1935 ziehen die Eltern nach Göttingen, in der Grundschule kann Reinhard Döhl als besonders Begabter die dritte Klasse überspringen und besucht anschließend das Gymnasium. 1949 besucht er Göttinger Theateraufführungen, ab 1950 übt er sich in ersten eignen Schreibversuchen. In der 12. Klasse verlässt Döhl, wohl aus Protest gegen das elterliche Bildungsbürgertum das Gymnasium. Es folgen Jahre der existenziellen Experimente und Orientierungen. 1953 ist er Helfer bei der Apfelernte in der Lüneburger Heide, unternimmt dort lange Wanderungen und es entstehen seine Landstreichergedichte. In der Folge ist er Praktikant und Werkhelfer in einer Göttinger Tischlerei, hört in dieser Zeit Günter Eichs Hörspiel »Die Mädchen von Viterbo« und unternimmt erste Linolschnittversuche. 1954 absolviert Döhl ein einjähriges Praktikum in Göttingens Städtischer Bücherei und eine Skandinavienreise. Zu Döhls derzeitiger Lektüre gehören Kirkegaard, Rudolf Steiner und die dadaistische Literatur von Schwitters und Arp. Im gleichen Jahr beginnt Döhl eine Ausbildung an der Hamburger Büchereischule. Dort entdeckt er auch für sich die Welt der Antiquariate, den Jazz und die klassischen Komponisten Satie, Schönberg und Eisler. Er liest Gottfried Benn und Hans Henny Jahn. Künstlerisch experimentiert er nun mit der Fotografie (bis 1959), bewirbt sich mit seiner Amateurfotomappe um die Aufnahme an der Hamburger Akademie, wo er jedoch abgelehnt wird. Die Büchereischule bricht Döhl 1955 ab und kehrt nach Göttingen zurück. Doch die beiden Jahre erbringen Grundlegendes für Döhls spätere künstlerische Entwicklung: eine erste biographische Station mit Äpfeln, poetische Versuche, Basteleien, Literaturliebe, Dadaismus, Einblicke in Philosophie und Anthroposophie, Kontakt zu zeitgenössischer Musik und Literatur. 1956/57 holt Döhl das Abitur nach und immatrikuliert sich schließlich im Sommer 1957 an der Göttinger Georgia Augusta in den Fächern Theaterwissenschaften, Geschichte und Philosophie.

Döhls erste poetische Arbeit, seine missa profana (1. Fass. 1958/59, 2. Fass. 1959/60), abgedruckt in der Studentenzeitschrift prisma, 4. Jg., 4. Heft, Juni 1959, führt zum handfesten universitären Skandal. Von zwei Hannoveraner Studenten wird er wegen Verstoß des §166 StGB (gute Sitten) angezeigt, im Wintersemester 59/60 beurlaubt und erhält schließlich einen Verweis des Universitätsrektors, der trotz für Döhl erfolgreich verlaufendem Gerichtsverfahren bestehen bleibt. Döhls missa profana folgt formal als weltliche Messe dem liturgischen Ritual eines feierlichen Hochamts (Gotteslästerung), einer Missa Solemnis. Sie prangert hart und offen die politischen, sozialen und ethisch moralischen Missstände der End-1950er-Jahre an. Der juristisch ausgetragene intellektuellen Eklat hat Döhls Umzug nach Stuttgart und die Weiterführung seines Studiums an der dortigen TU zur Folge. Jetzt ist Döhls Kunstverständnis durch die Documenta II erweitert. Es entstehen Plakate, Collagen und mail-art-Projekte. An der TU Stuttgart belegt Döhl Literaturwissenschaften, Ästhetik und Philosophie unter Max Bense und Geschichte unter Golo Mann. Döhl ist nun im Zentrum der Stuttgarter Schule angelangt, die sein weiteres künstlerisches und wissenschaftliches Agieren bestimmt. Zu den bereits bestehenden internationalen Künstlerkontakten lernt Döhl in Stuttgart Helmut Heißenbüttel, Ludwig Harig, Thomas Lenk, Georg Karl Pfahler und Franz Mon kennen. Künstlerisch befasst er sich mit Konkreter Poesie und überdruckten Zeitungen, die er use-papers nennt.

Stuttgart ist für Döhl und seinen Sprachkunstansatz das ideale Milieu. Bereits 1959 werden mit dem Stuttgarter Großrechner ZUSE Z 22 technisch generierte Wortfolgen, quasi mechanische Gedichte aus einem Fundus von 200 programmierten Wörtern erstellt. Zusammen mit Max Bense erstellt Döhl 1964 eine Art Manifest der Konkreten Poesie. In der Schrift Zur Lage werden alle Begriffe formuliert, die das Gesamtwerk von Döhl beinhaltet: Buchstaben-Bilder, Schrift-Bilder, metrische und akustische Poesie, phonetische Poesie, stochastische und topologische Poesie, kybernetische und materiale Poesie. 1965 schließt Döhl seine Promotion »Das literarische Werk Hans Arps 1903 — 1923« ab, erfindet mit seinem ersten Apfel-Piktogramm die Inkunable der Konkreten Poesie, in der Dingname und Dingabbild in eins gesetzt sind. Die semiotische Grundfrage vom Verhältnis von Signifikant zu Signifikat ist zugleich Döhls künstlerische Fragestellung. Sein Apfel-Projekt in seiner historisch, christlich-abendländischen Symbolfülle, dem biographischen Verweis und der aktuellen Aufladung durch die Labelgründung der Beatles (1969), aber auch der Computerproduktion von Apple Macintosh verfolgt Döhl lebenslang.

Zugleich entstehen Serien wie die catalogues aus gefalteten Katalogen, letters- und enevelope-Serien folgen. Döhl nutzt Lihtographien und Radierungen und beschäftigt sich mit japanischer Kalligraphie. Mit Autorenfreunden in Japan entstehen nahtlose Gedichtfolgen. Sein erstes Hörspiel Herr Fischer und seine Frau oder die genaue Uhrzeit wird am erstmalig 29. März 1967 im Saarländischen Rundfunk gesendet. Ab 1970 beschäftigt sich Döhl in Radioessays für den Westdeutschen Rundfunk über 16 Jahre mit dem Versuch einer Geschichte und Typologie des Hörspiels in Lektionen. Dieses Projekt mündet in einem wissenschaftlichen Standardwerk zur Geschichte des Hörspiels. Verankert in der akademischen Lehre, seinen Forschungsprojekten, seinen poetischen und künstlerischen Serien zieht sich Döhl ab 1972 aus der Stuttgarter Kulturszene vorübergehend zurück. Doch bis dahin entstehen zahlreiche Widmungen und Hommagen für Reinhard Döhl. Ernst Jandel widmet ihm Ernst for Reinhard 7.7.69 / i love concrete / i love pottery / but i’m not / a concrete pot.
Wie es der Wort-Dadaismus historisch vorgibt, spielen auch Döhl und seine Künstlerfreunde mit ironisierenden Doppeldeutigkeiten und verballhornten Volksweisheiten.

Reinhard Döhl habilitiert sich 1979. Seit 1984 hat er eine Professur an der TU Stuttgart. In der Audiothek der Documenta VIII ist er 1987 mit man präsent. Er selbst definiert sich ab 1989 als »Schriftstellerwissenschaftler«. In Zusammenarbeit mit Johannes Auer agiert und publiziert Döhl ab 1996 nur noch via Internet. Es entsteht 1996 das Epitaph für Gertrude Stein, Das Buch Gertrud und die interaktive Poesie Der Tod eines Fauns. Zur gleichen Zeit entstehen im Netz Hommagen an DöhlsApfel-Projekte, u.a. Auers Worm applepie for doehl (1997) und apple in space (2004) von Réne Bauer und Beat Suter. 2001 zeigt das Wilhelmspalais in Stuttgart eine Retrospektive »Reinhard Döhl – Gegenwelten«.

Am 29. Mai 2004 stirbt Reinhard Döhl in Stuttgart-Botnang.

Literaturauswahl

www.reinhard-doehl.de

www.stuttgarter-schule.de

www.reinhard-doehl.de/forschung (17.3.2009)

Auer, J.: Netzliteratur und Radio – ein Werkstattbericht, Frankfurt/M. 2008

Suter, B.: Reinhard Döhls Bedeutung für die digitale Literatur, Literatur in Westfalen, Beiträge zur Forschung 8, 2006

Gauss, U.: Reinhard Döhl: Werkgruppen der 60er und 80er Jahre, in: Festschrift für Eberhard Kornfeld zum 80. Geburtstag, 457 — 462, Bern 2003

Döhl, R.: Zwischen allen Stühlen, Biobibliographie, 2001

Döhl, R.: Vom Computertext zur Netzkunst. Vom Bleisatz zum Hypertext, Karlsruhe 2000

Krauss, R.H.: Reinhard Döhl. FotoBild, Stuttgart 1997

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger

Zu Sammlung hinzufügen…

×
×
×

Liebe Besucherinnen und Besucher,

seit 2006 gibt die museumsplattform nrw einen umfassenden Einblick in die Sammlungen und Aktivitäten ausgewählter NRW-Museen – und regt damit zugleich auch ein neues Publikum zum Museumsbesuch an. Monatlich 13.000 Besucher*innen belegen das Interesse an diesem einzigartigen Instrument zum interaktiven und kommunikativen Umgang mit Kunst im Netz.

Ein intensiv gepflegter und konstant ausgebauter Newsbereich mit Hinweisen zu Ausstellungen und Veranstaltungen oder Features aus der Kunstszene NRWs gehört ebenfalls dazu. 2013 erhielt die bereits seit zehn Jahren aktive Online-Plattform den bedeutenden Grimme Online Award.

Für den Ausbau dieses Online-Angebots sind wir auf den dauerhaften Beteiligungswillen der Museen angewiesen. Auch wenn die aktive Ausgestaltung derzeit nicht erfolgen kann, laden wir Sie doch herzlich ein, unser breites Angebot zum interaktiven und kreativen Umgang mit der Bildenden Kunst und ihren vielfältigen Formen medialer Vermittlung spielerisch zu erkunden.

Ihr NRW KULTURsekretariat