Raimund Girke

»weiss ist reine energie / weiss ist ruhe / weiss ist schweigen / weiss ist verharren, gespanntes verharren / …/weiss ist aktivität / weiss ist erregung / …/ weiss fordert meditation«. Raimund Girke setzt sich mit einem Konzept der Bildordnung mit der zeitgenössischen Kunst des Informel und Tachismus auseinander. Lebenslang bleibt Girke, der sich als klassischer Leinwandmaler versteht, dieser Anfangsdevise der analytischen Ordnung und formellen Organisation der gegenstandsfreien Malerei treu.

Raimund Girke wird am 28. Oktober 1930 in Heinzendorf in Niederschlesien geboren. Er studiert 1951/52 an der Werkkunstschule in Hannover, wechselt 1952 an die Kunstakademie in Düsseldorf. Hier setzt er sich mit einem Konzept der Bildordnung mit der zeitgenössischen Kunst des Informel und Tachismus auseinander. Lebenslang bleibt Girke, der sich als klassischer Leinwandmaler versteht, dieser Anfangsdevise der analytischen Ordnung und formellen Organisation der gegenstandsfreien Malerei treu.

Girkes erster Schritt erfolgt bereits 1957 mit der Farbreduktion. Dominant wird die Farbe Weiß, zeitweise als absolute Monochromie eingesetzt, doch meist in Mischungsverhältnissen zu Grau oder Schwarz variiert. Girkes erste Ordnungshandlung ist das Verlassen der Farbhierarchie, wie er es selbst nennt, und zugleich die Entscheidung für eine der Nichtfarben, die jedoch zugleich »alle anderen farben enthält« und die die »komplexeste Farbe« sei. Seine Entscheidung für die Monochromie wertet er als »Beschränkung der Quantität«, die eine »Steigerung der Qualität« zur Folge hat. Auch seine weiteren Werkphasen paraphrasieren dieses Weniger ist Mehr. Auf der Basis der weißen Farbmaterie analysiert Girke, der 1966 in 43 Schreibmaschinenzeilen die Farbe Weiß charakterisierend umschreibt, Farbschichtungen, Farbbewegungen, Pinselduktus, letztlich auch wieder den malerischen Auftragsduktus.

Zunächst untersucht er Ende der 50er Jahre die Welt der irisierenden, weißen Farbigkeit, durchmisst die Skala der gewählten Tonalität und sucht Werk für Werk deren Rhythmen, Vibrationen sowie ihre Kälte- und Wärmeanmutungen. Mit seinen monochromen Serien dieser Zeit sucht er mit eigenen Worten die »unerschlossene Farbigkeit des Schwarz-Weiß-Grau«, die »voller Geheimnisse und Abenteuer« sei. Ab 1960 strukturiert Girke seine monochromen Arbeiten durch pastosen Pinselduktus, so dass geometrische Farbfeldzonen mit sichtbarer Pinselführungsstruktur entstehen. Mitte der 60er Jahre sucht er im Gegenteil, im automatisierten Farbauftrag aus der Spritzpistole, verbunden mit geometrischen Binnenstrukturen wie Quadrat, Kreis oder vertikaler Bildstreifen die Farben Weiß-Grau-Schwarz erneut zu analysieren. Mittlerweile arbeitet er (1966 — 1971) als Dozent an der Werkkunstschule in Hannover, bevor er 1971 eine Professur für freie Malerei an der Berliner Akademie der freien Künste erhält, die er bis 1995 inne hat. Anfang der 70er kehrt Girke zum System klassischer Leinwandmalerei zurück, in dem er Schicht für Schicht einen Farbkörper, ähnlich den Arbeiten Gotthard Graupners, aufbaut.

Auf der Documeta VI 1977 ist er vertreten. Anfang der 80er Jahre entscheidet sich Girke vorsichtig und gemäßigt zum gestischen Farbauftrag, der ja das Zentrum informeller Malerei war. Girke bleibt jedoch vornehmlich im Monochromen, auch wenn seine Königsfarbe Weiß Konkurrenz u.a. durch Blautönen erhält. Der Lichtfarbe Weiß, der Schattenfarbe Schwarz, der unbunten Buntfarbe Grau gesellt sich nun die Luft- und Wasserfarbe Blau als Elementarfarbe hinzu.

Girke der will, dass seine Arbeiten keine Gestaltassoziation beim Betrachter hervorrufen, arbeitet in den 90er Jahren mit ausschnitthaft arrangierten Gesten, die immer einer kompositionellen Hauptachse (Vertikale, Horizontale, Diagonale) des Bildformats folgen und letztlich greift Girke zu Bildtiteln wie Weißmodulation (1994) oder Im Zwielicht (1999), die sich ganz klar auf naturräumliche Phänomene beziehen. Seine lebenslange Beschäftigung mit der Farbmaterie, dem Farbwert und -ausdruck, der Farbstruktur und -symbolik von Weiß fasst er bereits 1966 luzid in folgende Worte: »weiss ist reine energie / weiss ist ruhe / weiss ist schweigen / weiss ist verharren, gespanntes verharren / …/weiss ist aktivität / weiss ist erregung / …/ weiss fordert meditation«.

Raimund Girke stirbt am 12. Juni 2002 in Köln, wo er neben Berlin gelebt und gearbeitet hat.

Literaturauswahl

»paint it blue« – Werke aus der ACT Art Collection Siegfried Loch: Ausst.-Kat. Neues Museum Weserburg, hg. v. R. Spiegel, Bremen 2007

Girke, R; v.d. Koelen, D.: Aufbrechendes Licht, Mainz 2005

Rimund Girke zum Siebzigsten: Ausst.-Kat. Kunstsammlungen Chemnitz, Kunstmuseum Heidenheim, hg. v. I. Mössinger, Ostfildern-Ruit 2000

Raimund Girke. Malerei: Ausst.-Kat. Sprengel-Museum Hannover, hg. v. D. Elger, Ostfildern-Ruit, 1995

Boehm, G.: Weißes Licht. Über Raimund Girke, in: Künstler. Kritisches Lexikon der Gegenwartskunst, 9, 1990

www.raimundgirke.de

Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014

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