Piero Manzoni

Manzonis seit den ausgehenden 1950er Jahren entstehende Arbeiten zeugen von großer Ambivalenz. Sie stehen im Spannungsverhältnis zwischen einerseits der subjektiven, informellen Geste und andererseits wiederum dem Wunsch, diese auszulöschen.

Piero Manzoni (der Conte Meroni Manzoni di Chiosca e Poggiolo) wird 1933 in Soncino, Cremona geboren. Er wächst in Mailand auf, verbringt die Sommerferien mit seinen Eltern in Albisola Capo an der Ligurischen Küste, wo er Lucio Fontana kennen lernt. Nach der Schulzeit nimmt Manzoni 1951 zunächst das Jurastudium in Mailand auf, wechselt jedoch 1954 zum Kunst- und Philosophiestudium nach Rom und setzt es 1955 in Mailand fort.

1956 schließt sich Manzoni der Gruppe »Arte nucleare« um Enrico Baj, Giani Dova
und Cesare Peverelli an. Seine Debutausstellung hat er in der »Fiera Mercato« im Castello Sforzesco in Soncino. Nach früheren surrealistisch orientierten Bildexperimenten, entwickelt er im Umfeld der Gruppe eine abstrakte, scheinbar schwebende Figürlichkeit auf materialbetonten, z.T. mit Teer behandelten Bildgründen, schließlich die anthropomorphen Formen der schablonenhaften Ominidi und die Impronte, Abdrücke von Alltagsgegenständen. Für die weitere Arbeit bleibt die Trennung zwischen der Materialität des Bildgrundes und der reduzierten oder schablonenhaften Figuration an der Grenze zum Objekt wesentliche Vorgabe. 1959 eröffnet Manzoni mit Enrico Castellani die Produzentengalerie »Azimuth« und mit ihr die gleichnamige Zeitschrift. Reisen führen Manzoni 1961 bis 1962 in die Niederlande, nach Deutschland, Yugoslawien und Belgien, wo er sich an Ausstellungen beteiligt.

Manzonis seit den ausgehenden 1950er Jahren entstehende Arbeiten zeugen von großer Ambivalenz. Sie stehen im Spannungsverhältnis zwischen einerseits der subjektiven, informellen Geste und andererseits wiederum dem Wunsch, diese auszulöschen. Das Spektrum umfasst die malereiorientierten Werkgruppen derAchromes und Linee, führt über den Eier-Verzehr in der Aktion Consumazione dell’arte, die verpackten Körperäußerungen der Merda d»artista und Fiato d«artista bis zu den Körpern und Körperteilen der späten Sculture viventi.
In der Auseinandersetzung v.a. mit dem Informel konzentriert sich Manzonis Interesse stark auf das Material, seine eigene Struktur und Farbe wie deren Abwesenheit. In den Achromes, den seit 1957 entwickelten, über 600 monochromen Arbeiten mit Gips und Kaolin geht es Manzoni – im Gegensatz zu Yves Klein – darum, »eine vollständig weiße Fläche zu schaffen (ja, gänzlich farblos, neutral), die in keiner Weise auf irgendein malerisches Phänomen oder Element bezogen ist, das außerhalb der Beschaffenheit der Fläche liegt.« (Manzoni, zit. n.: Ausst.-Kat. Essen 1967, o.S.). Erst spätere Varianten der Achromes zeigen z.B. Stoff-Oberflächen auf geteilten Bildträgern oder objekthafte duftige Baumwoll-, und Fiberglasstrukturen, nun auch in fluoreszierender Farbe. Hier verschiebt sich zugleich der Fokus vom Material zum Bildträger selbst.

Mit den Linee (1959 — 61) – zunächst einzelnen Blättern, die durch eine Linie geteilt werden, dann einzelnen Tinten-Linien von 2 bis 7200 Metern Länge auf Papierrollen, die Manzoni in schwarzen Pappzylindern platziert und erstmalig in der Mailänder Galleria Azimuth zeigt –, vollzieht sich ein wichtiger Schritt: Manzoni löst sich, wenngleich in der linearen Setzung ein gestisches Moment beibehalten ist, von der Oberfläche des Bildes und entzieht die Arbeiten der Betrachtung. Nur noch die exakten Angaben zu Länge und Entstehungsdatum der Linien auf den Behältern verweisen auf die Präsenz einer Arbeit, die tatsächlich für die Betrachter unsichtbar geworden ist – ein konzeptueller Ansatz der Entmaterialisierung wie Verkörperlichung, der überdies die Wahrnehmbarkeit des Werks durch die Idee der Imagination ersetzt und dabei auf Originalität, Werk- und Multiple-Charakter rekurriert.

Auch nachfolgende Arbeiten wie Corpi d’aria (Luftkörper) oder Fiato d’artista (Der Atem des Künstlers) von 1960 beziehen sich auf das Konzept des Wahrnehmungsentzugs und deuten im letzteren Fall zugleich die Identität von körperlicher Entäußerung des Künstlers und Werk an. Mit der Aktion Consumazione dell’arte dinamica (übers. Kunstverzehr – Publikumsdynamik – Kunstverschlingen bzw. Konsumierung der dynamischen Kunst durch das Publikum, Kunstverschlingen) im gleichen Jahr vollzieht sich ein weiterer Wandel, wenngleich Manzoni auch hier in gewisser Weise an die Idee der Entmaterialisierung bzw. des Verschwindens des Werks wie die performativen Aspekte der Linee anknüpft. Erstmalig als Akteure in das performative Geschehen einbezogen, erhalten die Besucher hier hart gekochte Eier zum Verzehr, die Manzoni zuvor mit seinem Daumenabdruck gestempelt, also körperlich bezeichnet und zum Kunstwerk erhoben hat. Die Signatur verliert sich im Prozess von Eier-/ Kunst-Konsum und Verdauung ebenso wie das signierte Objekt selbst. Die Bedingungen der Kunst stehen ebenso zur Diskussion wie die radikale Reduktion des künstlerischen Objekts.

Die Aktion Lebende Skulpturen (1961) steigert den Aspekt der körperlichen »Bezeichnung« und Künstler-Werk-Identität noch dadurch, dass nun auch fremde Körper als Medium eingesetzt und durch Manzoni signiert werden. Vergleichbar den Scultura vivente-Sockeln (1961), zeichnet sich einmal mehr in Manzonis Werk die Abwendung vom Bild hin zum Körper ab. Als folgerichtiger Schritt und vermutlich spektakulärste Arbeit Manzonis erscheint Merda d’Artista (Künstlerscheiße) aus dem Jahr 1961 – insgesamt 90, jeweils mit 30 Gramm Inhalt befüllte, handliche Dosen mit Aufkleber zu Inhalt, Nettogewicht und Konservierungsart. Dass Manzoni den Preis für die Dosen an den Goldpreis pro Gramm anlehnt, entbehrt nicht der Ironie und betont überdies den merkantilen Aspekt der Exkremente im Fleischkonserven-Format. »Nicht die stinkende und verwesende Realität seines künstlerischen Mediums macht den Italiener zu einem der einflussreichsten Künstler der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, sondern ein neuer, epochal sich erweiternder Kunstbegriff, der in seinen künstlerischen Körperäußerungen Ausdruck findet.« (M. Engler 2000).

Piero Manzoni stirbt 1963 in Mailand.

Literaturauswahl

Piero Manzoni: Ausst.-Kat. MADRE Museo d’Arte Contemporanea Donnaregina, Neapel, hg. v. G. Celant, Milano 2007

Engler, M.: Piero Manzoni. Metonymien des Körpers, Diss. phil. Freiburg 2000

Spahn, B.: Piero Manzoni, seine Herausforderung der Grenze von Kunst und Leben, (Beiträge zur Kunstwissenschaft, 75), Diss. phil., München 1999

Celant, G.: Piero Manzoni, Paris 1991

Celant, G.: Piero Manzoni, Catalogo generale, Milano 1989

Piero Manzoni, Arbeiten von 1957 — 1961: Ausst.-Kat. Karsten Greve Galerie, Köln 1981

Piero Manzoni: Paintings, Reliefs & Objects: Ausst.-Kat. The Tate Gallery, London 1974

Piero Manzoni 1933 — 1963: Ausst.-Kat. Städtische Galerie im Lenbachhaus, München/ Tübingen 1973

Piero Manzoni: Ausst.-Kat. Galerie Thelen, Essen 1967

Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014

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