Pablo Picasso

»Für mich gibt es in der Kunst weder Vergangenheit noch Zukunft«. Nach dem II. Weltkrieg international ausgestellt, avanciert Picasso zu einem der anerkanntesten Künstler des 20. Jahrhunderts. Der enorme Umfang seines ?uvres, das Werner Spies »Kontinent Picasso« nennt, besitzt bis heute ästhetische Gültigkeit.

Pablo Ruiz y Picasso wird am 25. Oktober 1881 in Málaga in Andalusien geboren. Sein Vater, der Zeichenlehrer ist, erhält 1892 einen Ruf an die Kunstschule San Telma in La Coruna, hier setzt bereits die erste Zeichenausbildung Picassos ein. In Barcelona und Madrid studiert Picasso bis 1898 an den Akademien. Er vervollständigt zum Teil die (Tauben-) Gemälde seines Vaters, kopiert im Prado nach Tizian, El Greco und Vélazquez. Zugleich karikiert er treffsicher seine Madrider Künstlerfreunde. Die technisch fundierte Ausbildung mit einem klassisch, konservativen Akademiestudium befähigt Picasso lebenslang zur virtuosen malerischen Gestaltung, sie bildet die Grundlage für seine neuen Findungen in der Malerei.

Von vornherein interessiert Picasso die Dramatisierung und Pathetisierung der Ausdrucksebene des Sujets – das Gemälde Wissenschaft und Nächstenliebe von 1897 belegt dies. An diesem Beispiel manifestiert sich auch Picassos ernsthaftes Kalkül der Kompositionsstruktur und der mimetischen Qualität der Farbwerte. Seine Arbeit ist von Anfang an geprägt durch einen verdichteten Gestaltungs- und Ausdruckswillen, er sucht Essentielles mit einer selbstsicher und souverän gehandhabten Malweise zu verbinden, ohne dabei die Rezeption zeitgenössischer und historischer Malerei außer Acht zu lassen. In seinem Selbstporträt Yo Picasso, im Frühjahr 1901 in Paris entstanden, treffen diese Aspekte in einer, selbstgewissen, expressiven und zukunftsprallen Selbstinszenierung zusammen.

In den Jahren 1901 — 04 zwischen Paris und Madrid pendelnd, eignet sich Picasso alle aktuellen Kunstrichtungen an: den Pointilismus Seurats, van Goghs Farbexperimente, Gauguins Formreduktion, Toulous-Lautrecs plakative, konturbetonte Darstellung, die Form- Farbexperimente von Matisse und Derain und Henri Rousseaus Simplizität. Mit seinen Paraphrasen zur Pariser Avantgarde präsentiert Ambroise Vollard Picassos Arbeiten 1904 in seiner Galerie. In diesem Jahr lässt sich der Künstler in Paris nieder und mietet ein Atelier im Bateau-Lavoir am Montmartre. Die »blaue Periode« setzt ein. Das Überwiegen der Blautöne, der sich aneinander oder an einem Glas Absinth festhaltenden Figuren dieser Gemälde ist gerne als künstlerische Melancholie Picassos interpretiert worden. Doch resultiert die tonale blaue, relativ lichtlose Farbigkeit eher aus den photographischen Experimenten, die Picasso in dieser Zeit beginnt und bis weit in die 1950er Jahre fortsetzt. Picasso ist zu dieser Zeit Maler, Zeichner, mit seinen Lithografien Graphiker, aber auch Bildhauer (sitzende Frau, 1902), Photograph und Dichter. In Paris findet Picasso durch Max Jacob schnell Zugang zur intellektuellen und künstlerischen Avantgarde. Anhand der Bildnisse Fernande Oliviers – von 1904 bis 1912 Picassos Geliebte und oft porträtiertes Modell – erschließt sich die »rosa Periode« des Künstlers ebenso wie sein Kubismus. Picassos Antikenstudien im Louvre, der Besuch der Ausstellung antiker iberischer Skulpturen und des ethnographischen Museums Trocadéro sind für seine künstlerische Entwicklung ebenso von Bedeutung wie seine Sammlung, ethnographischer Fotografien afrikanischer Gesellschaften.

All diese Eindrücke prägen bereits die Überarbeitung des Porträts von Gertrude Stein (1905/06), in deren Salon er seit 1905 verkehrt. Höhepunkt und zugleich Wendepunkt in Picassos Schaffen stellt das Gemälde Les Demoiselles d’Avignon von 1907 dar. Es ist nicht nur formal das Initialbild des mit Braque auf der Basis der Analyse Cézannescher Malerei entwickelten Kubismus’. Das Gemälde revolutioniert zugleich die Darstellung des weiblichen Aktes. Mit den Demoiselles, die aus einem Entwurf für eine Bordellszene hervorgehen, zeigt Picasso die Frau als Idol. Sie steht dem Betrachter in selbstgewisser, fast aggressiver Nacktheit gegenüber, ehemalige erotische Demutsgesten, wie die erhobenen Arme, die in der Hocke gespreizten Beine entfernen sich betont von lange wirksamen Körperkonnotation. Erotik, Verführung und Verführbarkeit werden im Werk Picassos als unpathetisch gesehene Natürlichkeit und Kreatürlichkeit, bis hin zu ironischen Bordellszenen mit Degas als männlichen Beobachter gefasst.

Unter anderem der Romaufenthalt des Künstlers 1917 – er fertigt Bühnenbild und Kostüme für Sergej Diaghilews Ballett Le Parade – erbringt für ihn erneutes Antikenstudium. Picasso setzt sich in der Folge – mit neuem Maß und statuarisch-monumental wirkenden Arbeiten der Parole des »retour a l«Ordre’ folgend – mit dem Klassizismus auseinander: monumentale Aktfiguren, Mythologisches oder eigene Findungen wie die Minotauromachien bestimmen seine nun zunehmend von Stilpluralismus gezeichneten Arbeiten ebenso wie Porträts, Strandszenen, Stillleben oder das Künstler-Modell-Thema. In dieser Zeit lernt er auch Olga Koklowa, Tänzerin im Ballet Russe, kennen, die er im Juli 1918 heiratet. Als Teilnehmer der Surrealistenausstellung 1925, nimmt er Stilelemente von Ernst, Miró, Giacometti und Dalí auf, mit Paul Eluard ist er eng befreundet. Picassos bildhauerische Arbeit kulminiert 1924 in der Assemblage des Sattels und des Lenkers eines Fahrrades zu einem Stierschädel. Diese lapidare Kombination scheint Picassos Bonmot ich suche nicht, ich finde zu bestätigen. Sensibel für eigene Erfindungsermüdung, überwindet er solche Phasen bis ins hohe Alter mit Paraphrasen und Variationen zu Werken Grünewalds, Cranachs, den Meniñas von Velázquez oder ManetsFrühstück im Freien.

Auf der Weltausstellung 1937 in Paris zeigt Picasso Guernica im spanischen Pavillon. Intensiv mit Einzelstudien und Kompositionsskizzen vorbereitet, von Dora Maar in seiner Entstehung fotografisch dokumentiert, entsteht diese monumentale Kriegsklage in weniger als sechs Monaten. Den Kriegsschrecken in der von deutschen Fliegerbomben völlig zerstörten baskischen Stadt Guernica übersetzt Picasso, orientiert an Pressefotos, in eigenes Formenvokabular für schreiendes Weinen, Todesangst, hoffnungsloses Ausgeliefertsein und planlose Zerstörungswut. Mit dem Bild entsteht eine überzeitliche Ikone für die Schrecken des Krieges – ein Mahnmal wie später auch Picassos Lithographie einer fliegenden Taube, die zum weltweiten Zeichen der Friedensbewegung wird.

Nach dem II. Weltkrieg international ausgestellt, avanciert Picasso zu einem der anerkanntesten Künstler des 20. Jahrhunderts. In Vallauris wendet er sich nun der Keramik zu, lernt dort 1952 Jaqueline Roque kennen, heiratet sie 1961 und erwirbt das Landhaus Notre-Dame-de-Vie in Mougins oberhalb von Cannes, das zu seinem Altersitz wird. Seine Skulpturen überführt er nun in monumentale Freiplastiken, in der Malerei tritt erneut das Sujet vom Künstler mit Modell in den Vordergrund – Werke, die sich gemäß Picassos Bekenntnis »Für mich gibt es in der Kunst weder Vergangenheit noch Zukunft« verstehen lassen. Der enorme Umfang seines Œuvres, das Werner Spies »Kontinent Picasso« nennt, besitzt bis heute ästhetische Gültigkeit. Wie viel substantielle Kraft Picasso darin investierte, zeigt sein letztes Selbstporträt Tête vom 30. Juni 1972.

Pablo Picasso stirbt am 3. April 1973 in Mougins.

Literaturauswahl

Picasso and American Art: Ausst.-Kat. Whitney Museum of American Art, New York, hg. v. M. Fitzgerald, New Haven 2006

Gohr, S.: Ich suche nicht, ich finde. Pablo Picasso. Leben und Werk, Köln 2006

Picasso und das Theater: Ausst.-Kat. Schirn Kunsthalle, Frankfurt a.M., hg. v. O. Berggruen, Ostfildern-Ruit 2006

Zwecker, Z.: Picassos Purpur-Periode 1944 — 1953, Marburg 2006

McCully, M.: Ceramics of Picasso, 2 Bde., Paris 1999

Baldessari, A.: Picasso und die Photographie. Der schwarze Spiegel, München 1997

Picasso und Braque: Ausst.-Kat. Museum of Modern Art, New York, hg. v. W. Rubin, München 1990

Spies, W.: Picasso. Das plastische Werk, Stuttgart 1971 — 1983

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