Otto Mueller

Symbolistische Züge ziehen sich durch das gesamte malerische und graphische Werk Muellers. Seine Maltechnik, sein Kolorit und seine klar zentrierten Kompositionen sowie sein verhaltener, eben symbolischer Expressionismus verleihen ihm in den Jahren 1910 bis 1913 innerhalb der Brücke eine klar individuelle Position.

Otto Mueller wird am 16. Oktober 1874 in Lieblau (heute Lubawka, Polen) im schlesischen Riesengebirge geboren. Seine Kindheit verbringt er dort auf dem großelterlichen Gut. Mueller beginnt 1890 eine Lithographenlehre in Görlitz, die er 1894 in Breslau abschließt. Es folgen zwei Jahre Kunststudium unter Georg Hermann Freye an der Akademie in Dresden. Mueller lehnt jedoch Freyes Korrekturwünsche an seinen Arbeiten ab, es entstehen Differenzen. 1896/97 bereist Mueller in Begleitung des arrivierten Dramatikers und Literaten Gerhart Hauptmann die Schweiz und Italien. Mueller ist in dieser Zeit vom Jugendstil und vom Symbolismus beeinflusst, Arnold Böcklin und Hans von Marées begeistern ihn. Symbolistische Züge ziehen sich fortan durch das gesamte malerische und graphische Werk Muellers. 1898/99 geht Mueller zum Studium nach München. Er will in die Malklasse von Franz von Stuck, wird aber abgelehnt und auf den Sommer vertröstet. Im Herbst 1899 kehrt er per Fahrrad nach Dresden zurück, wo er bis 1908 lebt. Er unternimmt lange Wanderungen durch das Riesengebirge, lernt in Dresden Maschka Meyerhöfer kennen, die nun sein ständiges Modell ist und die er 1905 heiratet. 1906/07 kehrt er nochmals nach Lieblau zurück. Künstlerisch entscheidend sind in diesen Jahren zwei Begegnungen, die mit Paula Modersohn-Becker und die mit Wilhelm Lehmbruck. Die Einflüsse beider Künstler forcieren Muellers besonderen malerisch, graphischen Stil. Modersohn-Becker regt ihn zu seinem erdfarbig, tonal stumpfen, verhaltenen Kolorit und der besonders trocken erscheinenden Farboberfläche an. Die elegante, zierlich modulierte, an der Klassik orientierte und durch den Jugendstil elongierte Figurenbildung Lehmbrucks, dessen klare, präzise Konturführung der Aktdarstellungen übernimmt Mueller auf seine Art und überführt den Kontur ins expressiv, dynamisiert gebrochene. Auch die hagere, elegant-grazile, in sich geschönte Körperästhetik Lehmbrucks adaptiert er nachhaltig für seine Aktdarstellung.

Mueller übersiedelt 1908 nach Berlin. Die Ästhetik des plastischen Werks von Lehmbruck scheint durchaus ihren Widerhall in der Poesie Rainer Maria Rilkes zu finden, den Mueller neben Erich Heckel dort zunächst kennen lernt. Mueller reicht 1910 seine Arbeiten bei der »Berliner Secession« ein, wird abgelehnt und nimmt mit weiteren nicht angenommenen »Brücke«-Mitgliedern (u.a. Ludwig Kirchner, Erich Heckel) an der Ausstellung der Zurückgewiesenen in der Galerie Macht in Berlin teil. Er ist nun auch assoziiertes Mitglied der Künstlergruppe Die Brücke. Mit Kirchner und Heckel kommt es nicht nur zum gegenseitigen künstlerischen Austausch, sondern auch zu gemeinsamen Reisen 1911/12 nach Böhmen wie an die Ostsee. Alle drei stilisieren ein kommunardenartiges, vagantes, von bürgerlichen Moralvorstellungen befreites Künstlerleben. Häufigstes Thema dieser gemeinsamen Monate ist der weibliche Akt im naturräumlichen Milieu. Dabei wird der gegebene Naturraum in den Dienst der stehenden oder lagernden Akte gestellt, eine Art musterartiges, paradiesisches Biotop für die Akte skizziert. Muellers Maltechnik, sein Kolorit und seine klar zentrierten Kompositionen sowie sein verhaltener, eben symbolischer Expressionismus verleihen ihm in den Jahren 1910 bis 1913 innerhalb der Brücke eine klar individuelle Position. Malträger ist bei Mueller grob gewebtes Sackleinen, Rupfen. Er nutzt Leimfarben, die eine stumpfe, kreideartige Oberfläche haben. Seine Farbwahl trifft alle Erdtöne, alle Grünschattierungen. Selten arbeitet Mueller mit starken Buntfarben. Wenn, dann bevorzugt er ein leichtes gelb und ein lichtes Blau. Seine Konturen erscheinen meist holzschnittartig schwarz gegen den farbigen Grund. Der Rupfen saugt schnell die Lösungsflüssigkeit der Pigmente auf, so dass es zu Farbortschwund kommt und zwischen den Farborten (Farbinseln) auch immer wieder der Trägergrund erscheint. Diesen Effekt seiner Technik arbeitet Mueller in seine Kompositionen ein, die unverkennbar Zeichnerisches, Skizzenhaftes vermitteln, und so die Motive im Ausdruck steigern, letztlich das Expressive in Muellers Kunst ausmachen. 1912 ist Mueller bei der zweiten Ausstellung der Brücke in der Galerie Fritz Gurlitt in Berlin beteiligt, nimmt aber auch an der Münchner Gruppenausstellung des Blauen Reiter teil. Ab 1915 ist Mueller Infanteriesoldat im I. Weltkrieg – eine Zäsur seiner Arbeit.

Erst 1919 ist er in Berlin wieder künstlerisch aktiv und wird dort Mitglied des »Arbeitsrats für Kunst«, der die gesellschaftspolitischen Ziele der Novemberrevolution in die Kunst einbringen will. 1919 folgt Mueller einem Ruf an die Akademie in Breslau (heute Wroclaw, Polen), eine Professur, die er bis zu seinem Tode innehat. Im Jahr 1922 heiratet er seine zweite Frau, Elsbeth Lübke. Nun setzt die Werkphase der Zigeunermotive ein, die Mueller mit seiner Zigeunermadonna von 1928 krönt. Immer wieder bereist er in den Jahren 1919 bis 1930 den Balkan. Teilweise schließt er sich Roma-Clans an und lebt mit ihnen. Offensichtlich faszinieren Mueller die Formen eines kampierenden und improvisierenden Lebensstils in besonderer Weise. Seine Sujets zeigen, dass er auf sozialromantische Art die Exotik dieser gesellschaftlichen Gruppen stilisiert und idealisiert. Der Naturraum, vor dem I. Weltkrieg noch eigenständiges Motiv und Thema, mutiert nun zur naturräumlichen, musterartigen Folie für die Inszenierung seiner Porträts der Roma. Muellers Wandertrieb, seine Unruhe und seine Ästhetik des Kargen, Fragilen, die schon für die Rezeption Lehmbrucks entscheidend war, findet nun bei den Roma die scheinbare Erfüllung in der Realität. Muellers zentrales Werk dieser Jahre, die Zigeuner-Mappe mit Farblithographien, entsteht 1927. Doch reist Mueller in dieser Zeit auch nach Paris, und so erklären sich Kompositionsstrukturen in seinem Werk, die auch immer den Einfluss Paul Cézannes und Gauguins evozieren.

Zu Beginn des Jahres 1930 heiratet Mueller Elfriede Timm in Breslau. Otto Mueller stirbt am 24. September 1930 in Obernigk bei Breslau. Erich Heckel ordnet seinen Nachlass.

Literaturauswahl

Posselt, D.W.: Otto Mueller. Ein Künstlersolitär der Modern, Norderstedt 2009

Presler, G.: Die Brücke, Reinbeck 2007

Buchheim, L.-G.: Otto Mueller, Leben und Werk, Feldafing 2006

Otto Mueller. Verlorenes Paradies. Werke aus der Sammlung Karsch: Ausst.-Kat. Ostdeutsche Galerie, bearb. v. G. Leistner, Regensburg 2006

Brade, J.: Zwischen Künstlerbohème und Wirtschaftskrise. Otto Mueller als Professor der Breslauer Akademie 1919 — 1930, Görlitz 2004

Otto Mueller. Eine Retrospektive: Ausst.-Kat. Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung, hg. v. J.G. Prinz von Hohenzollern; A. von Lüttichau, München 2003

Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014

Zu Sammlung hinzufügen…

×
×
×

Liebe Besucherinnen und Besucher,

seit 2006 gibt die museumsplattform nrw einen umfassenden Einblick in die Sammlungen und Aktivitäten ausgewählter NRW-Museen – und regt damit zugleich auch ein neues Publikum zum Museumsbesuch an. Monatlich 13.000 Besucher*innen belegen das Interesse an diesem einzigartigen Instrument zum interaktiven und kommunikativen Umgang mit Kunst im Netz.

Ein intensiv gepflegter und konstant ausgebauter Newsbereich mit Hinweisen zu Ausstellungen und Veranstaltungen oder Features aus der Kunstszene NRWs gehört ebenfalls dazu. 2013 erhielt die bereits seit zehn Jahren aktive Online-Plattform den bedeutenden Grimme Online Award.

Für den Ausbau dieses Online-Angebots sind wir auf den dauerhaften Beteiligungswillen der Museen angewiesen. Auch wenn die aktive Ausgestaltung derzeit nicht erfolgen kann, laden wir Sie doch herzlich ein, unser breites Angebot zum interaktiven und kreativen Umgang mit der Bildenden Kunst und ihren vielfältigen Formen medialer Vermittlung spielerisch zu erkunden.

Ihr NRW KULTURsekretariat