Maurizio Nannucci

Seit Ende der 1960er Jahre bis heute untersucht Nannucci die vielschichtigen Bezüge zwischen Sprachform und deren Bedeutung sowie zwischen den Bedeutungsverweisen von Geschriebenem zu optischen Eindrücken, dazu verhelfen ihm zeichnerische Konzepte wie linguistische Experimente. Aus der modernen Leuchtreklame der Metropolen übernimmt er das Plakative, das Aufmerksamkeit erregende der schrillfarbigen, oft auf- und abblendenden oder generell fortlaufend bewegten Neon-Schriftzüge.

Maurizio Nannucci wird 1939 in Florenz geboren. Seit den 1960er Jahren arbeitet er als Fotograf, Videoproduzent und Lichtkünstler. 1968 gründet Nannucci das Künstlerprojekt Zona Archivs Edition und veröffentlicht dort multiple Editionen vor allem der amerikanischen Minimal Art, so u.a. Editionen von So Le Witt, John Armlederer, Lawrence Wiener, James Lee Byars, aber auch Robert Fillious. Die Auswahl der Künstlereditionen erlaubt Rückschlüsse auf Nannuccis eigene künstlerische Entwicklung. Grundsätzlich interessiert ihn zunächst die Struktur, deren Formen und Reihungen. So ist verständlich, dass er sich durch das Werk Sol Le Witts ebenso angeregt fühlt wie auch durch die Arbeiten von Laurence Wiener. Nannucci ist also der amerikanischen Minimal Art verpflichtet. Die reine Lichtkunst, wie sie Dan Flavin seit 1963 vertritt, erweitert Nannucci, wie auch Jenny Holzer in den USA, um den Spracheinsatz. Nannucci fasst vieldeutige Sätze in oft wie handschriftlich arrangierten, grellfarbigen Neonröhrenmontagen zusammen. Konsequent und mit großem internationalen Erfolg betreibt er seine Farblicht- und Sprachbedeutungsforschung. Mit Gründung seiner Zona Archives Edition arbeitet er auch selbst mit Druckgraphiken, Multiples in kleiner Auflage, Schallplatten und Künstlerbüchern. Über die letzten beiden künstlerischen Medien verbindet sich Nannucci mit den Ausdrucksformen der zeitgleichen Fluxus-Künstler, die ihre Performances, Happenings und temporären Installationen intermedial dokumentiert haben. Und so ist auch Robert Filliou in der Editionsreihe Nannuccis als Vertreter des Fluxus verständlich. Nannuccis spielerisch subversiver Umgang mit der sprachlichen Semantik ist offenkundig durch die Performances des Fluxus beeinflusst.

In den Jahren 1976 bis 1981 ist Nannucci Chefredakteur der Zeitschrift Méla. Dem Ansatz der konkreten Kunst folgend, illuminiert er mit Neonröhren seine Sätze oder Wortgruppen, die er dem Publikum in seiner Anthology 1966/2004 als work in progress im Internet bereitstellt – in einer Art medialer Selbstbefragung und -definition nach dem Motto: der Künstler als plakativer Frager und moralischer Provokateur. Die Versprechungen der sich ständig im Wandel begriffenen Weltwahrnehmung ist zentraler Inhalt dieser Anthology von Behauptungen, Phrasen, Tautologien und Wortfolgen. Allein sein FIAT LUX von 1990/91 evoziert nicht nur Gottes Schöpfungsprozess mit den Anruf »es werde Licht« sondern reflektiert in den suggestiv bläulich schimmernden Buchstaben ebenso die italienische Automarke wie die Maßeinheit der Beleuchtungsstärke von Licht. Doch weder die Beherrschung hoher Bewegungsgeschwindigkeiten per Auto noch die Be- und Durchleutung aller Lebensbereiche hat die ethisch, moralische Fragestellung der menschlichen Werte wirklich erhellt oder erklärbar gemacht. Diese Welt- und Wertereflektion ist für Nannucci gleichbedeutend mit der künstlerischen Zeit- und Selbstreflektion.
Seit Ende der 1960er Jahre bis heute untersucht Nannucci die vielschichtigen Bezüge zwischen Sprachform und deren Bedeutung sowie zischen den Bedeutungsverweisen von Geschriebenem zu optischen Eindrücken, dazu verhelfen ihm zeichnerische Konzepte wie linguistische Experimente. Aus der modernen Leuchtreklame der Metropolen übernimmt er, hier Jenny Holzer ähnelnd, das Plakative, das Aufmerksamkeit erregende der schrillfarbigen, oft auf- und abblendenden oder generell fortlaufend bewegten Neon-Schriftzüge. Gleichfalls Strategien der Werbung folgend, konstruiert Nannucci auch Klanginstallationen.

Seit den frühen 1990er Jahren arbeitet Maurizio Nannucci mit führenden, internationalen Architekten zusammen. Mit u.a. Mario Botta, Stephan Braunfels und Renzo Piano verwirklicht er Neon-Installationen im Innenraum. Doch auch Außen-Installationen an Gebäuden interessieren ihn. In Berlin ist er gleich zweifach vertreten. Einmal mit seinem kräftig roten, monumentalen Schriftzug ALL ART HAS BEEN CONTEMPORARY über dem Hauptportal des Alten Museums in Berlin, das z.Z. das Ägyptische Museum beherbergt und damit die Kunsttrophäe der Büste der Nofrete, auf die sich Nannuccis Satz bezieht, ausstellt. Seine Neon-Installation Blauer Ring, die in den Jahren 1998 bis 2003 entstanden ist, läuft in der Rotunde der Bibliothek des Deutschen Bundestages im Marie-Elisabeth-Lüders-Haus in Berlin. Hier entscheidet sich Nannucci für zwei Sätze aus den Schriften von Hannah Arendt. Im blauen Neonlicht umlaufen folgende Worte die Rotunde ständig: Freiheit ist denkbar als Möglichkeit des Handelns unter Gleichen und Gleichheit ist denkbar als Möglichkeit des Handelns für die Freiheit. Nannucci stellt hier die durch die bundesrepublikanische Verfassung verbriefte Rechte auf Freiheit und Gleichheit in ihrer durch Arendt interpretierbaren Variabilität den Bibliotheksnutzern ständig vor Augen. Und damit erschließt sich ein wesentlicher Kern der Neon-Licht-Sprach-Arbeiten von Maurizio Nannucci: er liebt die changierende Vieldeutigkeit sprachlicher Aussagen und sucht immer nach politischer Relevanz seiner Setzungen, Sätze, Satzfragmente oder Wortkombinationen. Er sucht und nutzt mit auf der merkantilen Werbung basierenden Mitteln einen zeitgemäßen Ansatz der Denk- und Sprecherziehung.

Maurizio Nannucci ist auf der Documenta VI, 1977 ebenso vertreten wie auf der Documenta VIII von 1987. Seine Arbeiten sind in namhaften, internationalen Sammlungen präsent.

Maurizio Nannucci lebt und arbeitet in Florenz und München.

Literaturauswahl

Bextermöller, A.: Maurizio Nannucci: let&apos’s talk about neon … maybe?, Weimar 2008

Lichtkunst aus Kunstlicht: Ausst.-Kat. ZMK, Karlsruhe, hg. v. P. Weibel; G. Jansen, Karlsruhe 2006

Maurizio Nannucci. Language and horizons: Ausst.-Kat. Florenz 2005

Maurizio Nannucci: Ausst.-Kat. Sprengel Museum, hg v. N. Nobis, Hannover 2002

Maurizio Nannucci – another notion of possibility: Ausst.-Kat. Wiener Secession, hg. v. G. Detterer, Wien 1995

Maurizio Nannucci: You can imagine the opposite: Ausst.-Kat. Lenbachhaus, hg. v. H. Friedel, München 1991

 

Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014

Zu Sammlung hinzufügen…

×
×
×

Liebe Besucherinnen und Besucher,

seit 2006 gibt die museumsplattform nrw einen umfassenden Einblick in die Sammlungen und Aktivitäten ausgewählter NRW-Museen – und regt damit zugleich auch ein neues Publikum zum Museumsbesuch an. Monatlich 13.000 Besucher*innen belegen das Interesse an diesem einzigartigen Instrument zum interaktiven und kommunikativen Umgang mit Kunst im Netz.

Ein intensiv gepflegter und konstant ausgebauter Newsbereich mit Hinweisen zu Ausstellungen und Veranstaltungen oder Features aus der Kunstszene NRWs gehört ebenfalls dazu. 2013 erhielt die bereits seit zehn Jahren aktive Online-Plattform den bedeutenden Grimme Online Award.

Für den Ausbau dieses Online-Angebots sind wir auf den dauerhaften Beteiligungswillen der Museen angewiesen. Auch wenn die aktive Ausgestaltung derzeit nicht erfolgen kann, laden wir Sie doch herzlich ein, unser breites Angebot zum interaktiven und kreativen Umgang mit der Bildenden Kunst und ihren vielfältigen Formen medialer Vermittlung spielerisch zu erkunden.

Ihr NRW KULTURsekretariat