Martin Willing

Er widmet sich dem Material Metall, dessen Formung, Biegung und Schichtung, räumliche Durchdringung und raumgreifende Entfaltung ihn ebenso beschäftigt wie die Strukturierung von Körpern und Oberflächen. Willings Skulpturen zeugen von einem materialbewussten handwerklichen Formungsprozess.

Martin Willing wird 1958 in Bocholt geboren. 1978 — 85 studiert er u.a. bei Hans-Paul Isenrath Kunst an der Kunstakademie Münster. Zugleich nimmt er an der Westfälischen Wilhelms Universität Münster das Studium der Physik auf. Beide Studiengänge schließt er 1988 mit dem Staatsexamen ab. Er erhält zahlreiche Stipendien und Kunstpreise.
Willing widmet sich in seiner künstlerischen Arbeit dem Material Metall, dessen Formung, Biegung und Schichtung, räumliche Durchdringung und raumgreifende Entfaltung ihn ebenso beschäftigt wie die Strukturierung von Körpern und Oberflächen. Seine aus Metalldraht, Titan-, Stahl oder Aluminiumstäben und -bändern entwickelten Skulpturen zeugen von materialbewusstem handwerklichen Formungsprozess und beruhen auf präzisen physikalischen Berechnungen und festgelegten Konstruktionsplänen.

Willings frühe Draht-Skulpturen zeugen bereits von der intensiven Beschäftigung mit den Eigenschaften von Metallen, der Elastizität und Spannung des Materials und dem Schwerkrafteinfluss auf dieses. Die filigrane Verbindung und Wand-/ Bodenanbringung von Drahtformationen erbringt zudem die Entfaltung des kinetischen Potenzials auch im Raumkontext (Wand-Raum-Plastik III, 1979; Sich gegen die schwere aufrichtender Stab, 1980). Mit schwingenden und vibrierenden Stäben und Stabkonstellationen (Steigende und sinkende Stäbe, 1984) rückt Willing die Eigenbeweglichkeit von Material und Skulptur vor Augen, setzt seine Arbeiten aber auch der Veränderlichkeit äußerer (Luft- und Luftdruck-) Verhältnisse aus.

Auch mit den spiralförmig gedrehten Metalldrähten, die der Künstler zum Teil mit punktuellen Aufhängungen versieht, setzt er auf das kinetische Pontenzial von Material und Form, durch die sich variable Raumbezüge herstellen lassen (Röhre, schräg in den Raum sich windend, 1983). Willings Titelgebungen verdeutlichen dabei die eigenen Bewegungs- und Formungsleistungen des Materials, das stets durch Vorspannung und Formung kalkuliert formveränderlich angelegt ist. Dies zeigen auch seine spiralförmig gewundenen dickeren Metalldrähte oder die vielfach gebogenen Metallbänder, die sich in den ausgehenden 1980er Jahren zunehmend zu gleichermaßen offenen Hohlkörpern wie wellen- oder mäanderförmig-körperhaften Strukturen entwickeln (Hügel, 1989; Mauerskulptur III, 1988).

Mit dem Aspekt der Körperhaftigkeit eng geführter Metallbänder gewinnt Anfang der 1990er Jahre sowohl die Materialoberfläche wie zugleich die Objektanbringung an Bedeutung: Opak glänzende Metallspiralen werden nun in gefäßartige offene Formen oder Stabkonstellationen gebracht, wobei die punktuelle oder achsiale Befestigung der Objekte ebenso zu einer kalkulierten Instabilität und Beweglichkeit im Raum führt wie sie dem Licht auf der Materialoberfläche variable Gestaltungsmöglichkeiten einräumt (Parabolkegel, 1991; Gestrecktes Ellipsoid, 1991; Kugel, tangential, 2007). Auch mit tangential und radial gerichteten Bändern oder Schichtungen von Metallbändern kann Willing körperhafte und zugleich federartig gespannte Formen herstellen, deren Spannungszustand sich jeder Zeit in vibrierender Bewegung lösen kann (Außer Rand und Band, 1991; Geschichtete Säule, 1986). Das durch Masse und Struktur, Form und Anordnung vorbestimmte Bewegungspotenzial der Skulptur ist exakt kalkuliert und kann durch äußere Einflüsse, hier vor allem durch aktiven Eingriff der Betrachtenden mobilisiert werden.

Seit Ende der 1990er Jahre entstehen auch mehrachsig geschnittene Metallskulpturen, die mit ihren Durchbrechungen, Überlagerungen und Faltungen erneut offene körperhafte Formen ausbilden (Stab, schlangenförmig, spiralig zum Kubus gedreht, 1998; Brücke, wechselseitig eingeschnitten, 2002; Kubusmembran, 2009). Mit ihren zum Teil irisierenden optischen Wirkungen erinnern auch die neueren wabenartigen Reliefstrukturen an das Formvokabular der Op Art (Quadratmembran, beidseitig pyramidenförmige Massen, 2003; Kubusmembran, 2008).

Eigenbewegte Großskulpturen entwickelt Willing ab dem Jahr 2000, hier für den Skulpturenpark Köln. Er stützt sich auch bei den monumentalisierten Varianten auf Verfahren und Formfindungen der früheren Arbeiten, die nun im Außenraum platziert, noch einmal veränderten äußeren Bedingungen ausgesetzt sind, zum Teil aber auch durch aktive Eingriffe in ihrer Bewegung manipuliert werden können.

Willings Arbeiten werden in Einzelausstellungen u.a. 1995 im Kunstverein Gelsenkirchen, 1996 in der Städt. Galerie Villingen-Schwenningen und im Institut für moderne Kunst, Nürnberg oder im Jahr 2002 im Studio A Otterndorf, Museum gegenstandsfreier Kunst in Cuxhaven gezeigt. In Themenausstellungen sind sie dort präsent, wo neue skulpturale Tendenzen, Kinetik und Raum im Zentrum stehen – so u.a. 1997 im Rahmen der Ausstellung »Bewegte Skulptur« im Euregio Kunstkreis Bocholt oder in der Ausstellung »Skulpturen gegen die Schwere« 2005 in der Stiftung Konkrete Kunst, Freiburg.

Martin Willing lebt und arbeitet in Köln.

Literaturauswahl

Martin Willing: Ausst.-Kat. Studio A Otterndorf, Museum gegenstandsfreier Kunst Landkreis Cuxhaven, Cuxhaven 2002

Quadratschichtung, zweichsig, wachsend. Die Entstehung einer Skulptur: Ausst.-Kat. anl. d. Köln Skulptur, hg. v. K. Heubeck, Köln 2000

Martin Willing. Flächenschnitte – Körperschnitte: Ausst.-Kat. Allianz Versicherungs-AG Berlin, Edition Hoffmann, Friedberg 2000

Martin Willing. Flächenschnitte – Körperschnitte: Ausst.-Kat. Pfalzgalerie Kaiserslautern u. Verlag für moderne Kunst, Nürnberg 1996

Martin Willing. Bewegte Skulptur: Ausst.-Kat. Euregio Kunstkreis, Bocholt 1987

5 x SKULPTUR. Im Grenzbereich von Statik und Dynamik, Stillstand und Bewegung: Ausst.-Kat. Westfälischer Kunstverein, Münster 1986

Martin Willing: Ausst.-Kat. Kunstverein Gelsenkirchen, Westfälisches Museumsamt, Münster 1985

Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Foto: Tobias Roch, Hagen

Zu Sammlung hinzufügen…

×
×
×

Liebe Besucherinnen und Besucher,

seit 2006 gibt die museumsplattform nrw einen umfassenden Einblick in die Sammlungen und Aktivitäten ausgewählter NRW-Museen – und regt damit zugleich auch ein neues Publikum zum Museumsbesuch an. Monatlich 13.000 Besucher*innen belegen das Interesse an diesem einzigartigen Instrument zum interaktiven und kommunikativen Umgang mit Kunst im Netz.

Ein intensiv gepflegter und konstant ausgebauter Newsbereich mit Hinweisen zu Ausstellungen und Veranstaltungen oder Features aus der Kunstszene NRWs gehört ebenfalls dazu. 2013 erhielt die bereits seit zehn Jahren aktive Online-Plattform den bedeutenden Grimme Online Award.

Für den Ausbau dieses Online-Angebots sind wir auf den dauerhaften Beteiligungswillen der Museen angewiesen. Auch wenn die aktive Ausgestaltung derzeit nicht erfolgen kann, laden wir Sie doch herzlich ein, unser breites Angebot zum interaktiven und kreativen Umgang mit der Bildenden Kunst und ihren vielfältigen Formen medialer Vermittlung spielerisch zu erkunden.

Ihr NRW KULTURsekretariat