Marlene Dumas

Es wird zu Dumas’ Kennzeichen, dass sie ihre Figuren häufig von idealisierten Vorlagen wie Werbefotos, Barbiepuppen oder Pornografie ableitet und in ihre Malerei übersetzt, um ihnen dort das Unperfekte, Deformierte, Ungelenke, Geschundene und Verlebte einzuschreiben.

Geboren 1953 in Kapstadt wächst Marlene Dumas als weißes Kind zu Zeiten der Apartheid in Südafrika auf. Afrikaans ist ihre Muttersprache. Mit dem Thema der weißen Schuld als Folge der Kolonialgeschichte beschäftigt sie sich kontinuierlich im Leben wie in ihrer Kunst. 1972 bis 1975 studiert sie an der Michaelis School of Fine Arts an der Universität Kapstadt und schließt mit dem Bachelor für Malerei ab. Über diese Zeit sagt sie: »Es war klar, dass wir uns als Weiße an einer Kunstschule in einer extrem privilegierten Situation befanden. Politisches Bewusstsein und kritische Selbstreflexion waren Pflicht. Doch es engte mich auch ein« (zit. n.: Magdalena Kröger: »Die größte Blöße«, in: Monopol-Spezial vom 01.12.2008, www.monopol-magazin.de/artikel/2010496/die-groesste-bloesse.html [21.02.2013]). 1976 bekommt Dumas ein Stipendium für die Ateliers ’63 in Haarlem, wo sie zwei Jahre lang arbeitet.

1983 ist Dumas’ erste Solo-Schau in der Galerie Helen van der Meij / Paul Andriesse in Amsterdam zu sehen. Für ihre Ausstellungen wählt sie oft signifikante Titel, wie 1989 in Bern: »The question of human pink«. Bereits 1982 nimmt sie an der Documenta 7 teil, 1992 zum zweiten Mal, wobei sich ihre Präsentation im Katalog eher wie eine Verweigerung liest. Darin drückt sie ihre grundsätzliche Skepsis gegenüber Kunst-Großveranstaltungen folgendermaßen aus: Es sei nicht möglich, an der Ausstellung teilzunehmen, ohne das Gefühl zu gewinnen, dass sie die Hand, die sie füttere, beißen müsse (Roland Nachtigäller (Hg.): Documenta IX, Stuttgart 1992, Bd. 2, 110).

1995 vertritt Dumas gemeinsam mit Maria Roosen und Marijke van Wamerdam die Niederlande auf der Venedig Biennale, wo sie ihre Serie Magdalena zeigt. Es sind Bilder schwarzer und weißer Frauen, jedes auf einer schmalen, hochformatigen Farbtafel wie Cranachs Eva, jedoch ohne jede Idealisierung. Im Gegenteil – es wird zu Dumas’ Kennzeichen, dass sie ihre Figuren häufig von idealisierten Vorlagen wie Werbefotos, Barbiepuppen oder Pornografie ableitet und in ihre Malerei übersetzt, um ihnen dort das Unperfekte, Deformierte, Ungelenke, Geschundene und Verlebte einzuschreiben. Dumas zeigt »Blöße statt Nacktheit«, wie sie selbst sagt (zit. n.: Magdalena Kröger: »Die größte Blöße«, in: Monopol-Spezial vom 01.12.2008, www.monopol-magazin.de/artikel/2010496/die-groesste-bloesse.html [21.02.2013]). Sie setzt sich intensiv mit den Themen Schwarz-Weiß, Frau-Mann, Erwachsene-Kinder auseinander, schonungslos und deshalb gnädig, also dem Menschlichen gegenüber sensibel und wohlmeinend. Sie malt Neugeborene mit ihrem greisenhaften, faltigen Gesicht (First people, 1991) und Kinder mit unsagbar ernstem Blick wie Wesen von einem anderen Stern (Helena, 1992), die aus ihrer eigenen Welt zu uns hinüberschauen.

Heute gilt Dumas als eine der einflussreichsten zeitgenössischen Malerinnen. Ihre Werke sind in vielen wichtigen Sammlungen vertreten. Von 2007 bis 2009 tourte eine umfassende Retrospektive unter verschiedenen Titeln und Werk-Zusammenstellungen durch Japan (»Broken White«), Südafrika (»Intimate Relations«) und die USA (»Measuring your own grave«). So wenig Dumas die Öffentlichkeit sucht, so deutlich äußert sie sich in eigenen Schriften über die Kunst. Dumas wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem 2011 mit dem Rolf Shock Price in the Visual Arts in Stockholm und dem Johannes Vermeer Award 2012. Sie besitzt außerdem die Ehrendoktorwürde der Faculty of Humanities der Rhodes University in Grahamstown in Südafrika.

Marlene Dumas lebt und arbeitet in Amsterdam.

Literaturauswahl:

Tronies: Marlene Dumas und die Alten Meister: Ausst.-Kat. Haus der Kunst, München, hg. v. Chris Dercon, Düsseldorf 2010

Marlene Dumas: Intimate Relations: Ausst.-Kat. Iziko South African National Gallery, Kapstadt; The Standard Bank Gallery, Johannesburg 2007

Bischoff, Ulrich: »Auf der Suche nach der Schönheit. Über Marlene Dumas«, in: Lothar Romain, Detlef Bluemler (Hg.): Künstler – Kritisches Lexikon der Gegenwartskunst, München 1996, o.S.

Marlene Dumas: Ausst.-Kat. Bonner Kunstverein; Institute of Contemporary Arts, London, hg. v. Annelie Pohlen, Bonn 1993

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger

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