Marcel Duchamp

Sowohl seine Beschäftigung mit der Bewegung im statischen Bild, sein Blick für die visuellen Eigenschaften von Objekten, als auch sein Interesse an einem selbstreflexiv-ordnenden, theoretischen Umgang mit dem eigenen Werk zeugen von seiner radikale Hinterfragung des zeitgenössischen Kunstbegriffs.

(Henri-Robert-) Marcel Duchamp wird 1887 als drittes von sechs Kindern in Blainville-Crevon in der Normandie geboren. Schon früh werden seine künstlerischen Interessen in einer Familie geweckt, in der sich neben dem Großvater, der Maler und Kupferstecher ist, auch die Geschwister intensiv der Kunst widmen, der ältere Bruder Raymond Duchamp-Villon bald als kubistischer Bildhauer avanciert. 1904 macht Marcel Duchamp am Lycée Corneille in Rouen Abitur und folgt seinen Brüdern auf den Montmartre. Der Besuch der privaten Académie Julian in Paris, die er zwischenzeitlich wegen der einjährigen Militärzeit verlässt, konfrontiert ihn zunächst mit der impressionistischen Malerei. Bald lernt er Juan Gris kennen, mit dem er erfolglos versucht, durch Zeitschriften-Illustrationen den Lebensunterhalt zu verdienen. Duchamps Parisaufenthalt eröffnet ihm Einblicke in das zeitaktuelle Geschehen in der Kunstmetropole Paris. Es entstehen erste Gemälde, weitestgehend dem Impressionismus, Postimpressionismus, Fauvismus, Symbolismus verpflichtet und, wie Duchamp retrospektiv kommentiert, erste künstlerische »Schwimmübungen« darstellen. Im Jahr 1909 stellt er im »Salon des Indépendants« und dem »Salon d’Automne« aus, findet jedoch wenig Beachtung.

Bis 1911, als sich Duchamp schließlich dem Kubismus zuwendet (Portrait de Joueurs d’Echecs, 1911), bleiben v.a. Redon und Cézanne (Porträt des Vaters, 1910) wichtige Bezugspunkte. Er befreundet sich mit Guillaume Apollinaire und Francis Picabia und wird – neben diesem, Albert Gleizes, Juan Gris und seinem eigenen Bruder Jacques Villon – Mitglied der »Section d’Or«, einer dem Kubismus nahe stehenden Künstlervereinigung.
Duchamps anschließende Reisen führen erneut eine Neuausrichtung herbei: Nach einjährigem München-Aufenthalt im Jahr 1912 erbringt die anschließende England-Reise erste Entwürfe zu der Arbeit La Mariée mise à nu par ses célibataires, même / Neuvermählte, von ihren Freiern entkleidet bzw. Großes Glas (1915 — 1923). Auch Duchamps Beteiligung an der »Armory Show« 1913 in New York, auf der er sein (zuvor in Paris vom »Salon des Indépendants« zurückgewiesenes) durch Eadweard Muybridges Chronofotografie inspiriertes Werk Akt, eine Treppe heruntersteigend ausstellt, das heftige Debatten auslöst, lässt eine zunehmend theoretische wie konzeptuelle Ausrichtung des Künstlers fassbar werden: Sowohl Duchamps Beschäftigung mit der Bewegung im statischen Bild, sein Blick für die visuellen Eigenschaften von Objekten, als auch sein zunehmendes Interesse an einem selbstreflexiv-ordnenden, theoretischen Umgang mit dem eigenen Werk zeugen von seiner radikale Hinterfragung des zeitgenössischen Kunstbegriffs. Duchamp richtet sein Augenmerk auch auf Fragen der Kontextualisierung und Bedeutungszuweisung von Kunst in Ausstellung, Museum und Publikation. Unverändert übernommene Alltagsgegenstände – so beispielsweise das Fahrrad-Rad (Roue de bicyclette) von 1913 oder der 1914 in Paris erworbene, industriell erzeugte eiserne Flaschentrockner (Portes-bouteilles), die der Künstler von ihrer ursprünglichen Funktion löst, als erste Ready-mades durch seine Signatur zur Kunst erhebt – werden ihm Zeichen einer vom Kunst-Kanon befreiten, neuen konzeptuellen Gegenkunst.

Auch die Gründung der »Society of Independent Artists«, an der Duchamp 1916 in New York beteiligt ist, steht unter dem Zeichen der künstlerischen Neuausrichtung, die sich auch in einer enormen Variationsbreite der Medien des Künstlers dokumentiert. Im Zusammenhang der Jahresausstellung der Gruppe 1917 kommt es durch Duchamps unter dem Pseudonym »Richard Mutt« eingereichte Arbeit Fountain zu heftigen Diskussionen über die Grenzen der Kunst: Die Ausstellung des durch die Aufrechtstellung zum »Brunnen« mutierten Urinals aus einem New Yorker Sanitärgeschäft (heute verloren) wird durch die Jury (der Duchamp selbst angehört)
vereitelt. Der Entscheidungsprozess und die anschließende Publikation des Werks in einer Zeitschrift wird zum Paradebeispiel der Grenzziehungen im Kunstbetrieb, sogar im Kreis einer unabhängig deklarierten Künstlerschaft. Und es führt zugleich die veränderte Form einer auf kritische Hinterfragung zielenden Betrachteransprache sowie die neuen Möglichkeiten des künstlerischen Medieneinsatzes vor Augen. Auch Duchamps Umgang mit den Ikonen der Kunst – so beispielsweise Leonardos Mona Lisa (1919), deren Abbildung er ebenso provokant mit einem Bärtchen übermalt wie er sie in phonetischer Schreibweise mitL.H.O.O.Q. (»elle a chaud au cul«) betitelt – zeugen von einem an den Grundfesten rüttelnden Kunstverständnis.

Zurück in Paris, wo Duchamp kaum bekannt ist, gründet er 1920 mit Katherine Dreier und Man Ray die »Société Anonyme«, bleibt jedoch zugleich – nicht zuletzt auch dem Kontakt zu André Breton verdankt –, auch offen für surrealistische Einflüsse. Für sein konzeptuelles Kunstverständnis bleiben beide künstlerische Richtungen wesentliche Orientierungspunkte. Duchamps folgerichtige und vollständige Abkehr von der Malerei im Jahr 1923 führt zu einer weiteren Konzentration auf die Gegenstandswelt des Alltäglichen, die er jenseits gesellschaftlicher Zweck- und Bedeutungsbestimmung und mit dem Ready-made wegweisend für die Kunst des 20. Jahrhunderts inszeniert. Auch die optischen Versuche und Erfindungen Duchamps (Rotative plaques de verre, 1920/1960) und seine Rotoreliefs, die optische Illusion und virtuelle Volumina maschinell hervorrufen, resultieren aus dem intensiven Studium von Objekten und ihren visuellen Eigenschaften.

Duchamps konzeptueller Kunstbegriff wird in besonderer Weise durch die Entstehungsgeschichte eines Werks fassbar, das – trotz verspäteter Rezeption – für das gesamte Kunstverständnis des 20. Jahrhunderts zentrale Bedeutung erlangt. Auf der Basis seiner unvollendeten Arbeit Das große Glas, der anschließend publizierten Grünen Schachtel (1934) und der Edition Rotoreliefs (1935) entwickelt Duchamp bis 1941 die Schachtel im Koffer (Boîte en valise). Mit dieser in verschiedenen Auflagen, zum Teil unter dem Namen seines weiblichen Alter Ego, »Rrose Sélavy« und auch in Luxus-Ausgaben publizierten Arbeit erschließt er seine seit 1910 entstandenen Arbeiten. Archivartig angelegt und in miniaturisierter Form dargestellt, greift der Künstler auf die Mittel der Reproduktionstechnik zurück, entfernt die Arbeit bewusst vom Einmaligkeitsdogma der Kunst. Das Modell der rückblickend strukturierenden Werkerfassung im speziellen Faltsystem derSchachtel und das auf Verbreitung ausgerichtete Medium zeugen von Duchamps grundlegenden Reflexionen zur Frage der Archivierung, Kontextualisierung und Musealisierung eigener Arbeiten, aber auch der Kunst schlechthin. Der Künstler, der zuvor kaum mit neuen Arbeiten an die Öffentlichkeit tritt und vornehmlich in den USA wahrgenommen wird, entwickelt damit ein wegweisendes künstlerisches Konzept der Musealisierung, dessen Idee der Transportabilität, Reproduktion und Verbreitung für zahlreiche Künstler des späteren 20. Jahrhunderts, v.a. im Umfeld von Pop Art, Fluxus und Happeningbewegung zu einem wesentlichen Ausgangspunkt wird.

Nach den frühen Ausstellungsbeteiligungen v.a. in Paris engagiert sich Duchamp auf dem Ausstellungssektor, v.a. im Umkreis von Dada und surrealistischer Kunst: 1936 nimmt er an der »International Surrealist Exhibition« in London teil, ist aber auch auf der Ausstellung »Fantastic Art, Dada, Surrealism« in New York vertreten. 1942 initiiert Duchamp mit André Breton und Sidney Janis die Ausstellung »First Papers of Surrealism«. Erst 1963 wird ihm im Pasadena Art Museum die erste Retrospektive gewidmet. Von da an setzt sich die verspätete Rezeption Duchamps im Rahmen zahlreicher internationaler Ausstellungen fort: u.a. 1993 werden seine Arbeiten im Rahmen einer umfangreichen Schau im Palazzo Grassi in Venedig gezeigt, 2002 widmet ihm das Museum Jean Tinguely in Basel unter der Kuratorenschaft Harald Szeemanns eine umfangreiche Schau.

Marcel Duchamp stirbt am 2. Oktober 1968 in Neuilly-sur-Seine.

Literaturauswahl

Marcel Duchamp: Ausst.-Kat. Museum Jean Tinguely, Ostfildern-Ruit 2002

Mann, H.-H.: Marcel Duchamp 1917. München 1999

Tomkins, C.: Marcel Duchamp. Eine Biographie. München 1999

Daniels, D.: Duchamp und die anderen. Der Modellfall einer künstlerischen Wirkungsgeschichte in der Moderne, Köln 1992

Paz, Octavio: Nackte Erscheinung. Das Werk von Marcel Duchamp. Frankfurt/M. 1991

Molderings, H.: Marcel Duchamp. Frankfurt/M. 1987

Marcel Duchamp: Die Schriften, hg. v. S. Staufer, Zürich 1981

Schwarz, Arturo: The Complete Works of Marcel Duchamp. London 1969

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