Lyonel Feininger

Er entwickelt den von ihm selbst so genannten »Prismaismus«, eine geometrischen und zentralperspektivischen Gesetzen folgende Brechung der Außen- und Binnenkonturen, die er strahlenförmig umsetzt und in scharfkantige Farbgrenzfiguren überführt. In seiner Auffassung von Farbklang und Farbharmonie orientiert sich Lyonel Feininger an Bachs Kunst der Fuge, so 1913: »meine Bilder nähern sich immer mehr der Synthese der Fuge…«.

Lyonel Feininger wird am 17. Juli 1871 in New York geboren. Seine Eltern arbeiten beide als international arrivierte Musiker. Der Vater, Charles Feininger, ist Konzertgeiger, die Mutter Elisabeth Cecilia Pianistin und Sängerin. 1887 sind Feiningers Eltern auf Deutschlandtournee. Lyonel besucht sie und die Familie lässt sich zunächst in Hamburg nieder, wo er 1888/89 an der Kunstgewerbeschule Graphik studiert. Auf Rat des Vaters besucht er 1890 das Collège Saint Servais in Lüttich, wechselt 1891 an die Berliner Akademie und studiert dort bei Woldemar Friedrich, später bei Adolf Schlabitz. Grundsätzlich prägen Adolph Menzel und Max Liebermann die Berliner Kunst dieser Jahre. Feininger ist 1892 erstmals für sieben Monate in Paris und besucht die Kunstschule von Filippo Calarossi. Er arbeitet im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts als Illustrator, Karikaturist und Comic-Zeichner für mehrere humoristische Berliner Blätter und ab 1906 auch für die »Chicago Sunday Tribune«.

Auf der »Großen Kunstausstellung« in Berlin ist Feininger 1904 mit Karikaturen und Zeichnungen vertreten. 1906 zeigt die Nationalgalerie in Berlin die große Ausstellung »Deutsche Kunst 1775 — 1875«, die Feininger mit der Malerei und Zeichnung der Romantiker Karl Friedrich Schinkel, Carl Blechen, C.D. Friedrich und Gustav Carus sowie den symbolistischen Landschaften Arnold Böcklins konfrontiert. Er rezipiert diese auf seine eigene, prismatische Darstellungsweise, durch Sujetwiederholungen oder –varianten. Feiningers malerisches Werk setzt 1907 ein. Er unterhält ein Atelier in Weimar und wendet sich motivisch sächsischen und thüringischen Kleinstädten zu.

1907/08 hält er sich erneut in Paris auf. In seiner Malerei erscheinen erste Fenstermotive, die Ein- und Ausblick im romantisch, metaphorischen Sinne (Friedrich, Carus) interpretieren. Dort ist Feininger 1911 mit sechs Gemälden im »Salon des Indépendants« vertreten, hier lernt er Robert Delaunay und dessen zeitgemäße Variante des Fenstermotivs kennen und orientiert sich am analytischen Kubismus von Picasso und Braque. Das phantastische Element in Feiningers Kunst wird ab 1912 durch seine Freundschaft mit Alfred Kubin bestärkt. Der Kontakt zur Gruppe des Blauen Reiter datiert ebenfalls auf dieses Jahr. Auf Einladung von Franz Marc kann Feininger 1913 am »Ersten Herbstsalon« in der Galerie »Der Sturm« teilnehmen und ist nun sowohl in der Berliner wie in der Münchner Avantgarde verankert.
Seit 1911 entwickelt Feininger den von ihm selbst so genannten »Prismaismus«, eine geometrischen und zentralperspektivischen Gesetzen folgende Brechung der Außen- und Binnenkonturen, die er strahlenförmig umsetzt und in scharfkantige Farbgrenzfiguren überführt. Das Kolorit – tonal und farbharmonisch – steht in der Maltradition der Romantiker, rückt bisweilen aber auch in die Nähe Paul Klees. In seiner Auffassung von Farbklang und Farbharmonie orientiert sich Feininger an Bachs Kunst der Fuge, so 1913: »meine Bilder nähern sich immer mehr der Synthese der Fuge…«.

Seit 1904 bereist Feininger jährlich Rügen oder entlang der Ostseeküste, was sich in mittelalterlich geprägten, »gotischen« Motiven niederschlägt. Durch Karl Friedrich Schinkel und dessen Gotikeuphorie beeinflusst, kommentiert Feininger das Sujet des gotischen Kirchenporträts: »Es gibt Kirchtürme in gottverlassenen Nestern, die mit das Mystischste sind, was ich vom so genannten Kulturmenschen kenne« – er findet sie in Gelmerode, Vollersroda oder Umpferstedt, fotografiert, zeichnet und rückt mit seinen Motivserien den Kathedralserien von Claude Monet durchaus nahe.

1917 hat Feininger seine erste Einzelausstellung in der Galerie »Der Sturm« von Herwarth Walden. 1919 gehört er zum »Arbeitsrat für Kunst«, gestaltet den Titelholzschnitt für das Bauhaus-Manifest als Kathedrale des Sozialismus bzw. Kathedrale der Zukunft, und wird von Walter Gropius zum ersten Bauhausmeister für Graphik ernannt. Nominell füllt Feininger diese Stelle bis 1932 aus, lässt sich aber ab 1925 von der Lehre frei stellen. In den aktiven Bauhausjahren entstehen musikalische Kompositionen, die zeigen, wie ernsthaft Feininger sich mit den Gesamtkunstwerksgeboten des Bauhausmanifestes auseinandersetzt. 1923 gründet er zusammen mit Klee, Kandinsky und Jawlensky die Blauen Vier als Ausstellungsgemeinschaft.
Ebenfalls 1923 ist Feininger in der New Yorker »Anderson-Gallery« mit 47 Gemälden präsent. 1929 gibt ihm die Stadt Halle an der Saale den Auftrag, Stadtansichten zu malen, es entstehen elf Halle-Motive. 1936 unterrichtet er erstmals einen Sommerkurs am »Mills College« in Oakland/ Kal. Er kehrt nach Berlin zurück und betreibt aus politischen Gründen die Übersiedelung der Familie nach New York. In der Münchner Propaganda-Ausstellung der Nationalsozialisten (»Entartete Kunst«) ist 1937 mit 22 Arbeiten vertreten. In den USA löst er sich zögerlich von seinen Provinzmotiven mittelalterlich geprägter, deutscher Städte und wendet sich den Licht- und Masseschluchten der Hochhäuser Manhattens zu (Manhatten at night, 1937). Er unterrichtet wieder am »Mills College«. Das Museum of Modern Art widmet ihm 1944 eine große Retrospektive, auf der ersten Documenta ist er 1955 vertreten.

Lyonel Feininger stirbt am 13. Januar 1956 in New York.

Literaturauswahl

Zurück in Amerika: Lyonel Feininger 1937 — 1956: Ausst.-Kat. Moritzburg, hg. v. W. Büche, Halle a.d. Saale, München 2009

Jacobs, E.: Transfer – Feininger zeichnet, Weimar 2008

Weber, Ch.: Lyonel Feininger, genial – verfemt – berühmt, Weimar 2007

Hess, H.: Lyonel Feininger, Stuttgart 2002

Luckhardt, U.: Lyonel Feininger, München 1998

März, R.: Die Kathedrale der Romantik. Gotische Architekturvisionen: Lyonel Feininger und Karl Friedrich Schinkel, in: Ausst.-Kat. Ernste Spiele. Der Geist der Romantik in der deutschen Kunst 1790 — 1990, Haus der Kunst, hg. v. Ch. Viatli, München 1995, 587 — 592

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