Lucio Fontana

Er sieht in seinem Vorgehen keine Bildzerstörung, sondern vielmehr einen Akt der konkreten bildräumlichen Öffnung der Leinwand und zugleich Ausdehnung der Bildfläche. Ab 1949 schafft Lucio Fontanta die ersten perforierten Leinwände, die mit einem Locheisen durchstoßen sind.

Lucio Fontana wird 1899 in Rosario di Santa Fé (Argentinien) als Sohn eines Bildhauers geboren. Nach dem Studium an der Accademia di Brera in Mailand kehrt er 1922 nach Argentinien zurück, wo er bis 1928 lebt und zunächst als Bildhauer arbeitet. Neben figurativen Arbeiten entstehen abstrakte Terrakottareliefs und mit abstrakten Zeichenelementen bemalte Gipstafeln, in denen Fontana Einflüsse der »écriture automatique« des Surrealismus verarbeitet. 1934 entstehen erste Skulpturen aus Eisendraht, so die Scultura astratta, in der sich bereits Fontanas Interesse für die Auflösung des Volumens in bewegten Raumlinien abzeichnet. 1935 schließt sich Fontana der italienischen Sektion der französischen Gruppe »Abstraction-Création« an, die die abstrakte Kunst gegen die Kunstauffassung des aufkommenden Faschismus verteidigt.

Für die Dauer der Kriegsjahre von 1940 — 46 kehrt Fontana nach Argentinien zurück. Hier finden seine avantgardistischen Experimente ein vorläufiges Ende. Er wendet sich traditionelleren Formen der Skulptur zu. Mit der Gründung einer privaten Akademie 1946 knüpft er jedoch erneut an die Mailänder Zeit an. Im selben Jahr entsteht in Zusammenarbeit mit seinen Studenten das »Manifesto Blanco«, das in Orientierung an futuristische Manifest die Dynamisierung der Kunst und die Abschaffung der Gattungsgrenzen einfordert. Allerdings setzt Fontana sich von der kriegsverehrenden Attitüde und Traditionsverachtung der italienischen Avantgarde deutlich ab, betont dahingegen die vorbildhaften Raum- und Zeitordnungen traditioneller Kunstrichtungen, so des Barock. Erst nach seiner Rückkehr nach Mailand im Jahr 1947 setzt Fontana die Ansprüche des Manifestes auch in Gemälde und Skulpturen um, die nun unter dem Titel Concetto Spaziale stehen. Zeitgleich mit den Manifesten des Spazialismo 1948/49 entsteht das Ambiente Nero, das Fontana in der Galleria del Naviglio in Mailand ausstellt: Abstrakt geschwungene und in Leuchtfarben gefasste Formen schweben in einem Raum mit phosphoriszierender Beleuchtung. Sie sind um einen elliptischen Kern gruppiert und bilden erste Vorstufen zur Gattung des Environments.

Ab 1949 entstehen die ersten perforierten Leinwände, die sogenannten Buchi, weiße Papier-, später monochrome Bilder, die mit einem Locheisen durchstoßen sind. Fontana sieht in seinem Vorgehen jedoch keine Bildzerstörung, sondern vielmehr einen Akt der konkreten bildräumlichen Öffnung der Leinwand und zugleich Ausdehnung der Bildfläche. Diese konzeptuelle Entscheidung ist bereits als Schritt zu einer entmaterialisierten Vorstellung vom Kunstwerk zu verstehen, das Denkanstöße und Irritationen der Wahrnehmung vor die materielle Präsenz des Werkes stellt. Diese Arbeiten zur Raumwahrnehmung werden ab den 50er Jahren von der Serie der Pietre begleitet, in der farbige Glassteine als unregelmäßiges Mosaik auf der Bildfläche aufgeklebt werden. Mit seinen Tagli setzt Fontana die begonnene Analyse der bildräumlichen Qualitäten auf drastischere Weise mit Schnittten in die Leinwand fort. Dieser Werkkomplex beschäftigt ihn auch in den Folgejahren (Concetto Spaziale Attese, 1958; Concetto Spaziale Attese, 1965). Der Zusatz »Attese« (Erwartungen) verweist bereits auf die raumzeitliche Dimension, aber auch den neuen Offenbarungscharakter dieser Leinwandperforationen.

Umformulierungen des beschriebenen Perforationskonzeptes finden Mitte der 50er Jahre ihren Ausdruck in neuen Materialkombinationen: Farbmittel werden mit pastosem Sandteig gemischt und deuten unter der Bezeichnung Barocchi bereits einen Übergang zu seiner erneuten Hinwendung zur Skulptur an. In seinen Bronzeobjekten, bezeichnet Nature von 1959/60, werden kugelförmige Objekte mit zerfransten klaffende Einschnitten und Öffnungen versehen, die nun deutlicher organische Raum- und Körpervorstellungen hervorrufen. Zu seinen letzten Werken gehört der 38-teilige Zyklus La fine di Dio von 1963, in dem er perforierte Leinwände auf eiförmige Rahmen spannt.

Ausstellungen seiner Werke in größeren Museen finden erst gegen Ende seines Lebens statt, so 1966 im New Yorker Museum of Modern Art, 1967 im Amsterdamer Stedelijk Museum und 1970 posthum im Pariser Musée d’Art Moderne de la Ville. Fontanas Ideen und Werke hatten auf die Künstlergenerationen der 60er Jahre größten Einfluss (Arte Povera, Zero), seine Arbeiten finden sich in fast allen großen Museumssammlungen.

Lucio Fontana stirbt 1968 in Comabbio bei Varese.

Literaturauswahl

Lucio Fontana: Ausst-Kat. Hayward Gallery London, hg. v. Sarah Whitfield, London 1999

Lucio Fontana. Retrospektive: Ausst.-Kat. Schirn Kunsthalle Frankfurt , hg. v. Thomas M. Messer, Ostfildern-Ruit 1996

Joppolo, G.: Une vie d’artiste. Lucio Fontana, Marseille 1992

Lucio Fontana: Ausst.-Kat. Stedelijk Museum Amsterdam u.a., hg. v. Bernard Blistène, Paris 1988

Lucio Fontana: Ausst.-Kat. Staatsgalerie Moderner Kunst München, hg. v Carla Schulz-Hoffmann. München 1983

Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Foto: Tobias Roch, Hagen

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