© Karin Reinartz

K.R.H. Sonderborg

Technische Konstruktionen, das Meer, die Großstadt – in seinen kraftvollen Balken, den energiegeladenen Diagonalen und Wirbeln entledigt Sonderborg real existierende Strukturen ihrer Gegenständlichkeit. Ihn interessiert »alles, was den Raum erobert«, vom »Schiff über Luftschiff zu den Düsenflugzeugen und Raketen«.

Karl Rudolf Hoffmann wird 1923 im dänischen Sønderborg geboren. Seine Kindheit und Jugend verbringt er in Hamburg, wo der Hafen einen prägenden Eindruck auf ihn hinterlässt. Als Sohn eines Jazzposaunisten begeistert er sich früh für Amerika und ist Teil der sogenannten »Swing Jugend«, weswegen er 1941/42 von der Gestapo zu einigen Monaten Konzentrationslager verurteilt wird. Nach dem Krieg ist er zunächst Schüler des Malers Becker-Carus und studiert dann an der Landeskunstschule Hamburg Malerei, Grafik und Textilentwurf. Ab 1953 ist er regelmäßig in Paris, später zieht es ihn immer wieder nach New York. Der Ruf als Professor für Malerei an die Staatliche Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart 1965 führt ihn schließlich nach Deutschland zurück.

Sonderborg benötigt keine besondere Umgebung zum Arbeiten. Ihm reicht ein Raum, beispielsweise sein Hotelzimmer, in dem er sein Material und Werkzeug ausbreiten kann, weshalb er auch als »Maler ohne Atelier« bezeichnet wurde. Er malt auf dem Boden – so kann die Farbe nicht verlaufen. Sonderborg bevorzugt den Einsatz schwarzer Farbe, die mit dem weißen Malgrund kontrastiert, Akzente setzt er meist mit Rot. Er malt mit schnell trocknender Ei-Tempera, später mit Acryl. Die Farben bearbeitet er mit unterschiedlichstem Werkzeug, wie Schaber, Rasierklingen, Scheibenwischer – auch die eigenen Fußspuren sind auf einigen Bildern sichtbar. Auf äußerst anschauliche Art beschreibt Otto Hahn die Entstehung eines »Sonderborg« (vgl. Otto Hahn: Sonderborg, Stuttgart 1964, 43 56). In der Schilderung der Malweise Sonderborgs ist die Rede von »attackierenden Bewegungen«, er zerstört, zerreißt, deformiert. Dies evoziert Intensität und Gewalt; Spritzer, Schlieren und Kratzer kennzeichnen Sonderborgs Malerei. Doch gehen seiner Arbeit immer auch ausgedehnte, kontemplative Ruhephasen voran, wie ein Kräftesammeln vor dem künstlerischen Akt.

Ab 1951 benennt sich Sonderborg offiziell nach seinem Geburtsort. Zwei Jahre darauf wird er Mitglied der Gruppe »ZEN 49« und beginnt seine Werke nach Ort und Zeitpunkt ihrer Entstehung zu betiteln. Hierbei gibt er nicht nur Datum und Uhrzeit, sondern auch die Dauer an – oft entstehen seine Blätter in nur wenigen Stunden. Zum Galeristen Otto Stangl soll Sonderborg gesagt haben: »Ich kann nur so viel zu meinen Bildern sagen, daß ich weiß, dass ich sie gemacht habe, wo ich sie gemacht habe und wann ich sie gemacht habe« (Sonderborg, zit. n.: Detlef Bluemler: »Form im Zustand der Bewegung«, in: Lothar Romain (Hg.): Künstler – Kritisches Lexikon der Gegenwartskunst, Ausgabe 4, München 1988, 3). Es finden sich allerdings auch Ausnahmen dieser Regel. So tragen seine Werke manchmal (meist zusätzlich zur Zeitangabe) Straßennamen wie New York, Park Avenue South 333 (1960) oder Paris, Rue Saint-Saëns (1959) sowie andere assoziative Bezeichnungen wie Böhmische Rose (1955), Alexanderschlacht. Hommage à Altdorfer (1957) oder Footsteps to John (1958).

Sonderborgs Zuordnung zum Informel ist viel diskutiert. Formal weist ein Großteil seines Œuvres, Gemälde wie Zeichnungen, zweifellos zahlreiche Berührungspunkte zur informellen Kunst auf. Werner Schmalenbach bezeichnet seine Werke als »dargestelltes Tempo« (Werner Schmalenbach: »K. R. H. Sonderborg«, in: Hermann Reusch u. a. (Hg.): Junge Künstler 1958/59, Köln 1958, 48), Will Grohmann als »blitzartig vorübereilende geistig-psychische Situation« (Will Grohmann: »K. R. H. Sonderborg«, in: Quadrum, Nr. 10, 1961, 133). So weisen sie durchaus das von Werner Haftmann formulierte Merkmal des informellen Kunstwerks als »in bildnerische Spur verwandelte psychische Bewegung« auf (Werner Haftmann: Malerei im 20. Jahrhundert. Eine Entwicklungsgeschichte, München 1954, 493). Dass Spontaneität und Zufall bei Sonderborg eine große Rolle spielen, steht angesichts seiner affektgeladenen Malweise außer Frage. Dennoch gilt es, das zufällige Element in seinem Schaffen zu relativieren. Sonderborg selbst sagt, er mache »ganz spontane Bilder, spontane Bilder, Bilder nach Fotos und realistische Malerei« (Sonderborg, zit. n.: Oliver Koerner von Gustorf, Norbert Bisky: »Du hast so überhebliche Augen: Ein Interview mit dem Maler K. R. H. Sonderborg«, in: db artmag 11/2003, http://db-kunst.info/archiv/2003/d/11/2/98.html [01.10.2012]).

Sonderborgs späteres Werk weist häufiger figurative Züge auf, wie Elektrischer Stuhl (1974) oder Peacemaker (1981), die auch sein politisches Engagement belegen. In diesem Zusammenhang ist auch Spur Andreas B. (1983) zu nennen, das auf einer im »Spiegel« erschienenen Aufnahme der Zelle Andreas Baaders nach dessen Tod basiert.

Seine erste Einzelausstellung hat Sonderborg 1956 in Hannover. Es folgen Ausstellungen in Museen und Galerien weltweit, 1958 ist er auf der Biennale in Venedig vertreten und zweimal (1959 und 1964) auf der Documenta in Kassel. 2003 widmet ihm die Kunsthalle in Emden eine umfassende Retrospektive.

K. R. H. Sonderborg stirbt 2008 in Hamburg.

Literaturauswahl

Koerner von Gustorf, Oliver, Norbert Bisky: »Du hast so überhebliche Augen: Ein Interview mit dem Maler K. R. H. Sonderborg«, in: db artmag 11/2003, http://db-kunst.info/archiv/2003/d/11/2/98.html (01.10.2012)

Ruhrberg, Bettina: »K. R. H. Sonderborg und das Informel«, in: db artmag 11/2003, http://db-kunst.info/archiv/2003/d/11/2/106.html (01.10.2012)

K. R. H. Sonderborg: Maler ohne Atelier: Ausst.-Kat. Kunsthalle in Emden, hg. v. Achim Sommer, Heidelberg 2003

K. R. H. Sonderborg: Ausst.-Kat. Staatliche Kunsthalle Baden-Baden, hg. v. Jochen Poetter, Düsseldorf 1993

Bluemler, Detlef: »Form im Zustand der Bewegung«, in: Lothar Romain (Hg.): Künstler – Kritisches Lexikon der Gegenwartskunst, Ausgabe 4, München 1988

K. R. H. Sonderborg: Werke 1948 bis 1986: Ausst.-Kat. Moderne Galerie des Saarland-Museums, Saarbrücken, hg. v. Georg-W. Költzsch, Dillingen 1987

Hahn, Otto: Sonderborg, Stuttgart 1964

Grohmann, Will: »K. R. H. Sonderborg«, in: Quadrum, Nr. 10, 1961, 131 140

Schmalenbach, Werner: »K. R. H. Sonderborg«, in: Hermann Reusch u. a. (Hg.): Junge Künstler 1958/59, Köln 1958, 41 57

Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Foto: Tobias Roch, Hagen

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