Karin Sander

Die konzeptuelle Untersuchung von Phänomenen der körperlichen bzw. räumlichen Wahrnehmung gehört zu den künstlerischen Interessen Sanders. Sie verfolgt dreidimensionale Körperverortungen, die jeweils auch das räumliche Gespür von Produzenten und Rezipienten voraussetzen.

Karin Sander wird 1957 in Bensberg, Nordrhein-Westfalen geboren. Ihre Ausbildung beginnt sie 1979 an der Kunstschule Stuttgart, 1981 wechselt sie an die Staatliche Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. 1989/90 hält sich Sander im Rahmen eines unabhängigen Studienprogrammes am Whitney Museum of American Art in New York auf.

Die konzeptuelle Untersuchung von Phänomenen der körperlichen bzw. räumlichen Wahrnehmung gehört bereits früh zu den künstlerischen Interessen Sanders. Nach dem Studium der Malerei gestaltet sie ab Mitte der 80er Jahre Skulpturen, die mit Lehm überformte lebendige Personen im Raum positionieren (Lehmfiguren,1985). Die lebendigen Akteure errichten selbst eine Lehmhülle um ihre Körper, ihre Positionen orientieren sich an horizontalen und vertikalen architektonischen Grundmaßen, die sie im Raum einnehmen. Diese dreidimensionalen Körperverortungen, die jeweils auch das räumliche Gespür von Produzenten und Rezipienten voraussetzt, verfolgt Sander weiter in der Werkgruppe der Stationen (1986). Hier wiederum sind es schemenhaft erkennbare Photosequenzen, die seriell und in kleinem Format in der Höhe der Fußbodenleiste angebracht, das langsame visuelle »Ertasten« eine körperlichen Abbildes erfordern.

Das körperliche Durchmessen von Räumen, die auf geometrisierte Erfahrbarkeit reduziert sind, beschäftigt die Künstlerin auch die folgenden Jahre. Auch hier bestimmen Wand, Boden und Decke jeweils die Wahrnehmungsgrenzen, wie beispielsweise Mauer von 1987. Im Jahr 1989 nutzt sie die Mauer als künstlerisches Bildmotiv, indem sie die Wahrnehmungsgewohnheit des Bilder-Sehens mit derjenigen der räumlichen Verortung konfrontiert (Zwei Räume 1989). Bald entstehen ihre ersten Arbeiten mit weißen, klar begrenzten, rahmenlosen Bildfeldern an Wänden, die mit ihren polierten Flächen spiegelähnliche Reflexionen erzeugen und die Raumwahrnehmung irritieren.

In der Arbeit Wasser von 1990 wird der Gedanke des reflektierenden Wasserspiegels noch einmal variiert umgesetzt: Der untere, regelmäßig befeuchtete Teil einer Wandfläche wird hier zur spiegelnden Projektionsfläche. Diese Eingriffe und Kommentierungen des musealen Raumes setzt die Künstlerin auch in Projekten im städtischen Raum fort. So stattet sie in der polnischen Stadt Lodz restaurierungsbedürftige Mietskasernen mit leuchtend weißen Passagen, White Passageways(1991) aus. Im Museum of Modern Art, in dem die Künstlerin 1994 ausstellt, legt Sander einen vollständig polierten Projektraum an, der als Durchgangshalle dient. Die polierten Wände und Decken erscheinen nun durch die flimmernden Projektionen des Weiß von den unmittelbar anschließenden Räumen klar abgegrenzt. Es entsteht ein ganzer Raum der irritierten Wahrnehmung, der das museale Gefüge auf subtile Weise verändert. Weitere Arbeiten thematisieren die imaginäre und nicht begehbare Raumerzeugung (Fenster, 1991; Guckloch, 1993).

Mit ihrem Stoffraum, den Sander 1992 anlässlich ihrer ersten musealen Einzelausstellung im Städtischen Museum Abteiberg in Mönchengladbach gestaltet, setzt sie erneut der ortsspezifischen Wahrnehmbarkeit des musealen Raumes ihre Grenzen. Sie reproduziert den Ausstellungssaal in Nesseltuch und verbirgt damit architektonische Raumgrenzen wie vertikale und horizontale Kanten. Die Erschließungsmöglichkeiten des Raumes werden fast vollständig zurückgenommen, er wandelt sich zu einem bewohnbaren »Nesselkokon«, bzw. »Futteral« (Elvers-Svamberk 1992).

Sanders konzeptuelle Reflexionen des Museumsraums erscheinen insbesondere dort mit Entwürfen Daniel Burens vergleichbar, wo sie beisielsweise in ihrer ArbeitVier Raumstücke von 1995 Museumsräume durch nicht begehbare weiße Kuben verstellt und teilweise unzugänglich macht. Hier inszeniert sie am nachdrücklichsten das unhinterfragte Wirken des »White Cube« – jenes scheinbar neutralen Raumkontextes musealer Präsentation. Im Gegensatz zu den Arbeiten Burens verzichtet Sander jedoch auf wiedererkennbare Merkmale, um so ihre Autorenschaft noch wirkungsvoller zu verbergen. Sie entwickelt ihre Arbeiten aus den Gegebenheiten des Museums selbst.

Die konzeptuellen Distanzierungen und Befremdungen der Besucher im Museumsraum haben in Karin Sanders jüngster Werkgruppe eine entscheidende Ergänzung gefunden. Ihre 3 D Bodyscans (u.a. Antonia & Elisa 1:10, 2000) ermöglichen die digitale skulpturale Reproduktion ausgewählter Personen. Im Akt der Entstehung können die Modelle die Parameter ihres Ganzkörper-Bildnisses wie Kleidung, Haltung etc. selbst bestimmen. Die Maßstäblichkeit von 1:7,7 oder 1:10 ist einzige Gestaltungs-Vorgabe der Künstlerin. Hier zeigt sich die Abhängigkeit des Kunstwerkes vom Ausstellungsbesucher in seiner radikalsten Form.

Seit 1999 lehrt Karin Sander an der Kunsthochschule Berlin Weißensee.

Literaturauswahl

Karin Sander: Ausst.-Kat. Staatsgalerie Stuttgart, hg. v. Gurun Inboden, Ostfildern-Ruit 2002

Karin Sander: Ausst.-Kat. Sprengel Museum, Hannover, 1995

Schreier, Christoph; Umland, Anne u.a.: Karin Sander, Ostfildern-Ruit 1994

Dylla, Sabine; Stockebrand, Marianne; Welzer, Harald: Karin Sander, Ostfildern-Ruit 1993

Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014

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