Juan Gris

In den Jahren bis 1912 sind Picasso, Braque und Gris das sich gegenseitig beeinflussende Dreigestirn des Pariser Kubismus. Mit dem Porträt Picassos von 1912 ehrt Gris sein großes künstlerisches Vorbild, verabschiedet sich jedoch gleichzeitig in die eigenständige Weiterentwicklung kubistischer Formen. Grundlegend für seine eigenständigen Kompositionen des analytischen Kubismus ist das Vexieren illusionistischer, narrativer Raumbilder mit der autonomen Fläche in der Bildebene.

Juan Gris wird unter dem Namen José Victoriano Gonzalés-Peréz am 23. März 1887 als 13. von 14 Kindern in Madrid geboren. Bereits als Kind erhält seine zeichnerische Begabung Förderung durch einen Onkel. In den Jahren 1902 — 1904 studiert er an der Escuela de Artes y Manufacturas in Madrid. Diese Kunst- und Gewerbeschule bildet ihn in den angewandten Künsten der Textillustration und der kommentierenden Zeichnung aus. Im Anschluss erweitert er seine malerischen Fähigkeiten im Madrider Atelier des Künstlers José Maria Carbonero. In dieser Zeit ist Gris geprägt durch die Art nouveau wie dem über die Zeitschriften »Jugend« und »Simplicissimus« vertretenen Jugendstil.

Im Jahr 1906 übersiedelt Gris nach Paris, hier legt er sich auch sein Pseudonym Juan Gris zu und mietet, wie Picasso, ein Atelier im Bateau-Lavoir am Montmartre. Durch diese räumliche und persönliche Nähe zu Picasso ist Gris sowohl intimer Beobachter der künstlerischen Entwicklung des entstehenden Kubismus, als auch Mitglied der intellektuellen Pariser Avantgarde dieser Jahre. Er hat Zutritt zum Salon der Schriftstellerin und Sammlerin Gertrude Stein. Er hat dort in den Jahren 1906 bis 1912 Kontakt zu den Intellektuellen Guillaume Apollinaire, Max Jacob und André Salmon, wie zu den Künstlern Georges Braque und Fernand Leger. Die Zusammenarbeit von Picasso und Braque der Jahre 1908 und 1909 erlebt Gris aus nächster Nähe. Zu dieser Zeit arbeitet er selbst als Zeichner und Karikaturist für Pariser Zeitungen wie u.a. »Charivari« und »Cri de Paris«.

Der Begriff »cubisme«, begründet 1908 durch den Kunstkritiker Louis Vauxelles und als Stilbegriff für die aktuellen Werke von Picasso und Braque verwendet, ist 1910 bereits etabliert, als sich Gris zunächst mit Zeichnungen und Aquarellen der kubistischen Darstellungsweise zuwendet. Die gestalterische Grundstruktur des synthetischen Kubismus – die Reduzierung der naturalistischen Dinglichkeit auf geometrische Grundformen und eine Raumkonfiguration jenseits der Gesetze der mathematischen Perspektive und der Sehperspektive, die als Bildraum eine autonome prismatisch vexierte Räumlichkeit in der Bildfläche produziert – kommen der bisherigen künstlerischen Entwicklung von Juan Gris, die in der linien- und konturbetonten Schönflächigkeit des Jugendstils zu verorten ist, sehr entgegen. Mit seinen ersten Gemälden, die klassische Motive wie Stilleben sowie Interieur und Exterieur zeigen, wird er von dem experimetierfreudigen Galeristen Daniel Henry Kahnweiler vertreten. In den Jahren bis 1912 sind Picasso, Braque und Gris das sich gegenseitig beeinflussende Dreigestirn des Pariser Kubismus. Mit dem Porträt Picassos von 1912 ehrt Gris sein großes künstlerisches Vorbild, verabschiedet sich jedoch gleichzeitig in die eigenständige Weiterentwicklung kubistischer Formen.

Nur kurze Zeit folgt Juan Gris der erdfarbenen, auf Schwarz-Weiß-Kontraste basierenden Farbpalette der kubistischen Kompositionen von Picasso und Braque. Bald zeigen sich klare Buntfarbenflächen in seinen Kompositionen. Besonders verstärkt wird diese Buntfarbigkeit durch die Begegnung von Gris mit Henry Matisse 1914 in Collioure, dem er daraufhin einige Gemälde wie Hommagen mit direkten Matisse-Zitaten widmet. Collagiertes Material setzt Gris ebenfalls ein, oder er erstellt mit malerischen Mitteln einen collagierten Trompe l’oeil-Effekt. Grundlegend für Gris eigenständige Kompositionen des analytischen Kubismus ist das Vexieren illusionistischer, narrativer Raumbilder mit der autonomen Fläche in der Bildebene. Seine Kompositionen sind klassisch ponderiert und bestimmt durch klare, durchaus schönlinige Konturen und distinkt begrenzte Farbflächen. Gegenständliches wird als reale Dinglichkeit, jedoch gebrochen in seine geometrische Grundstruktur dargestellt. Wenn kein Trompe l’oeil-Effekt angestrebt ist, ist Gris’ Farbauftrag glatt und gleichmäßig, ohne eine eigenständige Darstellungsstruktur aufzubauen. In einer Selbstaussage zu seiner Malerei formuliert Gris seine künstlerischen Ziele folgendermaßen: »Nur die ausgesprochen architektonischen Mittel sind konstant in der Malerei. Ich gehe weiter und sage, dass die einzige mögliche Maltechnik eine Art flächenhafte, farbige Architektur ist«.

Im Jahr 1917 trifft Gris Jacques Lipschitz, der ihn zu einigen farbigen Gipsskulpturen anregt. Die erste Einzelausstellung hat Gris mit 50 Werken 1919 in der Galerie de L’Efferts Moderne in Paris. Bereits 1920 setzt seine Erkrankung ein. Mehrfach wendet er sich in dieser Zeit dem Motiv des Harlekins zu, der quasi professionell zwischen den hellen heiteren und den dunklen traurigen Bedingungen des Menschen vermittelt. Seit 1924 lässt sich Juan Gris in Boulogne-sur-Seine nieder, nachdem er wie Picasso Bühnenbilder für Ballette von Diaghilew entworfen hatte. Alfred Flechtheim stellt ihn 1925 in seiner Düsseldorfer Galerie aus. Die letzten beiden Lebensjahre sind erfüllt von Radierungen und Lithographien für Texte zeitgenössischer Autoren wie Tristan Tzara und Gertrude Stein.

Mit 39 Jahren stirbt Gris am 11. Mai 1927 in Boulogne-sur-Seine.

Literaurauswahl

Die Erneuerung des Sehens: Ausst.-Kat. Kunstmuseum Winterthur, Winterthur 2008

Einblicke: Ausst.-Kat. Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf, Osterfildern-Ruit, 2000

Die Sammlung Kahnweiler, von Gris, Braque, Léger und Klee bis Picasso: Ausst.-Kat. Kunstmuseum Düsseldorf, München 1994

Juan Gris: Ausst.-Kat. Staatsgalerie Stuttgart u.a., Ostfildern 1992

Juan Gris: Ausst.-Kat. Kunsthalle Baden-Baden, Baden Baden 1974

Four Americans in Paris: The Collection of Gertrude Stein an her Family: Ausst.-Kat. Museum of Modern Art, New York 1970

Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014

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