Jeff Wall

Die theatralische und zugleich filmische Wirkung des Gezeigten wird in den 80er Jahren zum wesentlichen Prinzip von Walls Bildverständnis. Selbst wenn einzelne Motive schnappschussartige Eindrücke vermitteln, gehört die dramaturgische Arbeit zum Instrumentarium Walls.

Jeff Wall wird 1946 in Vancouver/ Kanada geboren. Im Jahr 1964 beginnt er ein Kunstgeschichtsstudium an der University of British Columbia in Vancouver, das er 1970 abschließt. Bereits in die Zeit vor Studienbeginn datieren seine ersten künstlerischen Arbeiten, die sich an Vorbildern des Abstrakten Expressionismus orientieren. Auch die Zeit des Studiums ist geprägt von unterschiedlichen experimentierenden Zugängen zur Kunst. Wall entschließt sich jedoch dann zunächst, nochmals die kunstgeschichtliche Forschung aufzugreifen. Dazu weilt er von 1970 — 73 in London am Courtauld Institute. Nach seiner Rückkehr nach Kanada arbeitet Wall als Dozent, lehrt zunächst am Departement of Art History am Nova Scotia College of Art and Design in Halifax. Hier beschäftigt er sich hauptsächlich mit der europäischen Filmgeschichte. Seit 1987 lehrt Wall Fotografie und kritische Philosophie der Ästhetik an der University of British Columbia in Vancouver. Kurzzeitig ist er als Gastprofessor an der Kunstakademie in Düsseldorf, sowie in München und London.

Jeff Wall wendet sich nach den künstlerischen Anfängen in der Malerei der Konzeptkunst zu und entwickelt ein künstlerisches Vokabular, das er für seine späteren fotografischen Arbeiten nutzen kann. Für diese frühe Phase kann stellvertretend die Arbeit Landscape Manual von 1969 stehen. In fotojournalistischer Manier gestaltet Wall ein billig reproduziertes Buch, das beiläufige Eindrücke eines Ich-Erzählers während einer Autofahrt wiedergibt. Das Buch ist überdies mit Schwarzweißfotos von Vororten und tristen Straßen illustriert. Ähnlich wie Dan Graham liefert er auf diese Weise einen narrativen Kommentar zur minimalistischen Vorliebe für serielle Industriestandards.

Anschließend an die frühe konzeptuelle Phase führt Wall die Kunstgeschichte nach London, mehrere Jahre überwiegt nun die theoretische Arbeit. Er beschäftigt sich mit der klassischen Gattung der Malerei, vornehmlich des 19. Jahrhunderts und mit den Anfängen der künstlerischen Moderne in Paris. Diese ausführliche Beschäftigung mit dem traditionsverhafteten Bildbegriff der Moderne zeigt ihre Auswirkung in dem folgenden Werkabschnitt. Mit der dreiteiligen Fotoarbeit Faking Death (1977) wendet Wall sich der großformatigen Fotografie zu. Erst eine Europareise inspiriert ihn zu den ersten Leuchtkastenarbeiten, die nachfolgend das Werk Walls bestimmen: Großformatige transparente Cibachrom-Diapositive werden auf Plexiglaskästen mit Aluminiumleisten befestigt und erzeugen den Eindruck eines begehbaren lichterfüllten Raumes. Betrachter werden mit Formen der Wahrnehmung konfrontiert, die sie aus der Alltagswahrnehmung, z.B. von Schaufenstern und Schauräumen kennen. Mit The Destroyed Room (1978) gestaltet Wall ein Bekenntnis zur Gegenwart und zugleich eine Hommage an ein Werk, das Charles Baudelaire als Inbegriff moderner Gestaltung feierte: La mort de Sardanapale (1827) von Eugène Delacroix. Weitere Arbeiten folgen, so eine Reihe von Arbeiterporträts (Young Workers, 1978). Im Folgejahr setzt Wall die assoziativen Verweise auf die Malerei des 19. Jahrhunderts fort, so u.a. mit der inszenierten Fotografie The Picture of Women (1979), das wiederum Edouard Manets Bildorganisation konzeptuell reflektiert. Hierbei interessiert Jeff Wall insbesondere die Darstellung des »inneren Dramas« und der dargestellten Entfremdung der Figuren (Jeff Wall, Unity and Fragmentation in Manet, in: Parachute 35, 1984). Dabei wird die theatralische und zugleich filmische Wirkung des Gezeigten zum wesentlichen Prinzip von Walls Bildverständnis. Selbst wenn einzelne Motive schnappschussartige Eindrücke vermitteln, gehört die dramaturgische Arbeit, die mithilfe von Standfotos, Videos und deren Bearbeitung vor sich geht, zum Instrumentarium Walls. Der betrachtende Blick und seine geschlechtlichen und sozialen Festlegungen, geraten ins Visier (Stereo, 1980).

Wall nutzt die erarbeiteten Bild-Strategien in den unterschiedlichsten Motivbereichen der Folgezeit. Zum einen verfolgt er die Darstellungen urbaner Szenarien, Landschaften, die scheinbar reale und dokumentarisch wirkende Ansichten vermitteln (The Bridge, 1980; The Old Prison, 1987; Coastal Motifs 1989; Restoration,1993; A view from an apartment, 2004 — 2005). Das erzählerisch-dramatische Potential wird deutlich zurückgenommen. Zum anderen entwickelt er jedoch gleichzeitig auch die zugespitzten Momentaufnahmen weiter (Mimic, 1982; Milk 1984). Hier rekurriert er auf literarische, filmische oder kunstgeschichtliche Vorlagen. (AfterInvisible Man by Ralph Ellison, the Prologue, 1999 — 2000, Man with a Rifle, 2000).

Seit Anfang der 90er Jahre beschäftigt Wall sich auch mit der Thematik des Grotesken in seinen Arbeiten (Vampires Picnic, 1991; The Giant, 1992) und nutzt dabei auch die Möglichkeiten digitaler Bildbearbeitung. Unter anderen mit seinen Beiträgen für die Documenta X im Jahr 1997 kehrt Wall zur Schwarzweißfotografie zurück und verzichtet vorübergehend auch auf die Leuchtkasten-Inszenierung, eine Rückkehr zur traditionellen us-amerikanischen Dokumentarfotografie.

Arbeiten Jeff Walls werden in den letzten Jahren in zahlreichen großen Museen ausgestellt, so u.a. 2001 im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt/ M., auf einer Wanderausstellung von 2005 bis 2006 im Schaulager Basel und der Tate Modern in London. 2007 werden seine Werke im Museum of Modern Art in New York, 2008 in der Deutschen Guggenheim, Berlin gezeigt.

Jeff Wall lebt und arbeitet in Vancouver/ Kanada.

Literaturauswahl:

Jeff Wall: Ausst.-Kat. Museum of Modern Art New York, hg. v. P. Galassi, New York, 2007

Jeff Wall. Catalogue raisonné 1978 — 2004: Ausst.-Kat. Schaulager Basel u.a., hg. v. Th. Vischer und H. Naef, Göttingen 2005

Jeff Wall: Figures & Places, ausgewählte Werke von 1978 bis 2000: Ausst.-Kat. Museum für Moderne Kunst Frankfurt/ M., hg. v. R. Lauter, München u.a. 2001

Jeff Wall, Szenarien im Bildraum der Wirklichkeit. Essays und Interviews, hg. v. G. Stemmrich, Amsterdam u.a. 1997

Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger

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