Jean-Michel Basquiat

Gezielt setzt Jean-Michel Basquiat seine Bilder in komplexe Gefüge aus Zeichen und Chiffren, Texten, collageartigen, malerischen Elementen oder Übermalungen, denen er auch seine so betitelten »Facts« einschreibt. Für seine Darstellungen afrikanisch-amerikanischer und hispanischer Geschichte, Sprache und Identität entwickelt er zugleich neue Bezugs- und Vergleichssysteme.

Am 22. Dezember 1960 wird Jean-Michel Basquiat in Brooklyn / New York als Sohn puertorikanisch-haitianischer Eltern geboren. Noch in der Schule lernt Basquiat 1976 Al Diaz kennen, mit dem er unter dem Pseudonym »SAMO« (»same old shit«) an exponierten Plätzen in Brooklyn Graffiti hinterlässt. Die von Basquiat entworfene Heilsfigur »SAMO« attackiert mit markig-witzigen Parolen die Verlogenheit der materialistischen Gesellschaft: »SAMO as an escape clause, SAMO saves idiots. SAMO as an end to bogus pseudo intellectual. (…).« Die Wochenzeitung »Village Voice« macht erstmalig auf die Graffiti von »SAMO« aufmerksam. Schnell wird Basquiat zum Teil der New Yorker Szene. 1979 kommt es zum Bruch mit Al Diaz – »SAMO is dead« kommentiert Basquiat dies selbst. Mit Michael Holman u.a. gründet Basquiat nun die Art-Noise Band »Gray«, in der er Klarinette und Synthesizer spielt. Die Verbindung zu Musik und Film der Zeit (»New York Beat«, USA, 1980) bleibt auch für seine künstlerische Arbeit bedeutungsvoll.

Die Kontakte zur Kunstszene im East Village festigen sich, als Basquiat die Künstler Keith Haring und Kenny Scharf kennenlernt. Er kommt jetzt auch mit dem Kurator für Kunst des 20. Jh. am MOMA, Henry Geldzahler, in Kontakt und nimmt 1980 neben Jenny Holzer, Lee Quinones, Kenny Scharf, Kiki Smith u.a. an der legendären Gruppenausstellung »Times Square Show« teil. Kurze Zeit später lernt er auch Andy Warhol kennen, mit dem er freundschaftlich und künstlerisch verbunden sein wird.

Basquiats Arbeiten der frühen 1980er entsprechen malerischen Gesten – Skelettfiguren, monochrome Gesichter oder Umrisse von Figuren und Objekten – auf Leinwand, Holz oder Fundstücken. Thematisch wendet er sich vor allem dem Straßenleben zu (Untitled / Red Man, 1981), wobei er Zeichen oder Textfragmente der früheren Graffiti aufnimmt. Seine Bilder beziehen sich nun auch oft auf diejenigen »gekrönten« Heldenfiguren aus Sport und Musik, die zugleich als politische Symbolfiguren v.a. der afrikanisch-amerikanischen Bevölkerung in den USA fungieren (Cassius Clay, 1982).

1981 wird Basquiat von dem Kunstkritiker Diego Cortez zur Teilnahme an der Ausstellung »N.Y. / New Wave« ermuntert. Er wird nun neben Warhol, Haring, Mapplethorpe und Scharf gezeigt. Es schließen sich weitere Ausstellungen (»Lower Manhattan Drawing Show«; »Futura 2000«; »Beyond Words«) in New York, aber auch die erste Einzelausstellung (»SAMO«) in Modena an, zu der Basquiat erstmalig nach Europa reist. Basquiats Bilder werden nun im »Artforum« rezensiert. Verstärkt wird er auch international wahrgenommen, beteiligt sich 1982 – nun nicht mehr unter dem Kürzel »SAMO« – an der Gruppenausstellung »Transavantgardia« in Modena und wird dort, wie auf der Documenta 7, im Kontext neuer figurativer Tendenzen der Malerei gezeigt. 1983 verbringt Basquiat ein halbes Jahr in Los Angeles, wo er sich von nun an regelmäßig aufhalten wird (Hollywood Africans, 1983). Die erste von fünf druckgraphischen Mappenwerken (Anatomie) entsteht, im gleichen Jahr wird er zur Biennale des Whitney Museums of American Art in New York eingeladen. Angeregt durch den Zürcher Galeristen Bruno Bischofsberger beginnen er, Francisco Clemente und Andy Warhol die Arbeit an etwa 50 gemeinsamen Gemälden. Basquiats Ausstellung mit Warhol 1985 in der Shafrazi Gallery, für deren bekanntes Plakat die beiden Künstler als Boxer posieren, stößt auf heftige Ablehnung und führt zu Spannungen unter den Künstlern.

Basquiats Auseinandersetzung mit der afrikanisch-amerikanischen Geschichte, die einen wesentlichen Teil seines Schaffens ausmacht und ihn auch zu Reisen in den polynesischen Raum und Afrika bewegt, führt ihn zunächst zu einer Auseinandersetzung mit den Stereotypen der Werbe- und Alltagskultur (Logo, 1984). Bald verändern sich seine Arbeiten: Neue malerische Bilder mit reduzierterem Haushalt an figurativen und symbolischen Elementen (Gri-Gri, 1986) entstehen. Dagegen heben die Multipanel Paintings auf die subtile Kombination und Schichtung der Einzelelemente ab. Gezielt setzt Basquiat diese in komplexe Gefüge aus Zeichen und Chiffren, Texten, collageartigen, malerischen Elementen oder Übermalungen, denen er auch seine so betitelten »Facts« – Kürzel kultureller und historischer Ereignisse, Selbstzitate und zeichenhafte wie begriffliche Topoi für bestimmte Sinnzusammenhänge – einschreibt. Für seine Darstellungen afrikanisch-amerikanischer und hispanischer Geschichte, Sprache und Identität entwickelt Basquiat zugleich neue Bezugs- und Vergleichssysteme (Icarus Esso, 1986). Diese beziehen sich auf früher verwendete Zeichen der Alltagskultur, entwickeln aber auch neue, in mehrfacher Hinsicht lesbare bildsprachliche Modelle zwischen den Kulturen (EXU, 1988).
In dieser Zeit arbeitet Basquiat auch an einer Vielzahl von bemalten oder verfremdeten Alltagsobjekten, Fundstücken und Materialkonstellationen (Gravestone, 1987). Auch sie zeigen immer wieder bereits bekannte Zeichenkonstellationen oder die »Helden« der frühen Bilder. Und sie thematisieren stets »Schwarz« und »Weiß« als formalen wie inhaltlichen Gegenstand seiner Kunst (Black, Jazz, 1986).

Jean-Michel Basquiat stirbt 1988 in New York. Sein Werk umfasst ca. 100 Gemälde und Objekte und etwa 2000 Zeichnungen.

Literaturauswahl

Jean-Michel Basquiat, Histoire d’une œuvre, The Work of a Lifetime: Ausst.-Kat. Fondation Dina Vierny-Musée Maillol, Paris 2003

Jean-Michel Basquiat, Gemälde und Arbeiten auf Papier. The Mugrabi Collection: Ausst.-Kat. Museum Würth, hg. von Jacob Baal-Teshuva, Künzelsau 2001// Marshall, Richard: Jean-Michel Basquiat, Ausst.-Kat. Whitney Museum of American Art, New York 1992

Gruen, J. u. Haring, K.: Jean-Michel Basquiat, The authorized Biography, New York 1991

Jean-Michel Basquiat: Ausst.-Kat. Kestner-Gesellschaft, Hannover 1986/87

Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014

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