Jean Dubuffet

Sein ausgesprochenes Ziel ist es, die bisherige konventionelle Ästhetik zu überwinden. Dubuffets Ästhetik des herben Graubraunen, des trivialen Fundstückes als Assemblage, der schrundigen, reliefierten Oberfläche hat in Picassos skulpturalen Assemblagen und den Arbeiten Fautriers ein Vorbild, prägt aber zukunftsweisend die »Ästhetik des Hässlichen« in der Kunst des 20. Jahrhunderts.

Als Sohn eines Weinhändlers in Le Havre wird Jean Dubuffet am 31. Juli 1901 geboren. Er besucht dort bis 1918 ein altsprachlich-humanistisches Gymnasium. Seit 1916 ist er zugleich in der École des Beaux Arts in Le Havre eingeschrieben. Bereits 1918 übersiedelt Dubuffet nach Paris, um Malerei zu studieren. Doch nach einem halben Jahr an der Académie Julian bricht er sein Studium ab und konzentriert sich auf die Geisteswissenschaften. Nach seiner Militärzeit 1923 bricht er 1924 seine künstlerische Arbeit ab und reist für ein Jahr nach Buenos Aires. Er tritt 1925 in die Weinhandlung seines Vaters in Le Havre ein, gründet 1937 in Paris, in das er 1930 zurückgekehrt ist, eine eigene, die er bis 1947 führt.

Erst 1942, nach 3 Jahren als Soldat im II. Weltkrieg kehrt er zur Malerei zurück und findet in Paris Anschluss an die Surrealisten um André Malraux und André Breton. Befreundet ist er mit Henri Michaux, der die von Breton statuierte »Ecriture automatique« vertritt. Dubufett begegnet Jean Fautrier, Vertreter der informellen Malerei, der seine Bildoberflächen mit geschichtetem Materialrelief behandelt. Bereits nach zwei Jahren 1944 präsentiert sich Dubuffet mit seinen Marionettes de la campagne in der Galerie René Drouin in einer Einzelausstellung. Die Gemälde dieser ersten Werkphase zeigen buntfarbige, in die Fläche geklappte ländliche Idyllen mit gewundenem Wegenetz und Radfahrern, die grasende oder lagernde Kühe in Feldlandschaft passieren. Hier folgt Dubuffet stilistisch der konturbetonten, formreduzierten, reale Proportionen ignorierenden Malerei kindlicher und naiver Kunst so wie den Bildschöpfungen von Paul Klee. In diesen Gemälden der Jahre 1943/44 zeigt der in sich strukturierte bereits Dubuffets Interesse an der darstellerischen Eigenwertigkeit der Farboberfläche. Seit 1945 sammelt Dubuffet konsequent Arbeiten von Kindern, naiven Künstlern und geistig behinderten Menschen. Er setzt sich zunächst mit der »Bildnerei der Geisteskranken« von Aloise und Adolf Wölfli auseinander. Dubuffet sammelt Werke dieser Art unter der selbst gefundenen Bezeichnung »Art Brut« (rohe Kunst), die neben Zuordnungen zum Dadaismus, Surrealismus wie zur informellen Malerei bisweilen auch als Stilbegriff für seine eigenen Werke verwendet wird. Dubuffets Satz »meine Arbeiten streben dem Irrealismus zu« beschreibt berechtigterweise und durchaus treffend seine Abwehr gegen eine Einordnung in die »Ismen« der Zeit und lässt überdies sein eigenes künstlerisches Ziel erkennen.

Mit den Reisen 1947/49 in die algerische Sahara findet Dubuffet zu jener Farb- und Formstruktur, die sein Hauptwerk prägt: erdfarbene Ölfarben mit Sand, Gips oder Fasern, angereichert in reliefartig dickem Farbauftrag. In diesen sind die Konturen der Figurinen und abbrevierten Realitätszitate mit dem Pinselstiel hinein geritzt und gefurcht. Mitunter ergänzt er die Ausdrucksstärke besonders seiner Porträts durch applizierte Naturalien wie Steine, Glasstücke oder Schnurreste, die die naturalistische Gestalt von Augen, Knöpfen, Schnurrbärten oder Hosengürtel übernehmen. Nicht nur die greifbare Materialität der Bilder Dubuffets zeigt eine satirische, groteske Opulenz, auch die konturbetonte Formführung – Silhouetten, Wege, Zäune, Begrenzungen – hat eine satirisch heitere Eigengesetzlichkeit und erzeugen so den für den Künstler typischen Grundton seiner Bild-Welten.

Bereits 1947 ist Dubuffet mit einer Einzelausstellung in der Galerie Pierre Matisse in New York vertreten und kann dort durchaus Mark Tobey, der eine ähnliche Bildstruktur entwickelt, getroffen haben. Jedenfalls scheint es, dass beide Künstler mit der figurativen Bildwelt von James Ensor vertraut sind. Seit 1946 äußert sich Dubuffet auch theoretisch zu seiner Arbeit als Künstler. Sein ausgesprochenes Ziel ist es, die bisherige konventionelle Ästhetik zu überwinden. Er als Autodidakt betitelt einen programmatischen Text mit der Aussage »Lieber Art Brut als den offiziellen Kulturbetrieb«. Dubuffets Ästhetik des herben Graubraunen, des trivialen Fundstückes als Assemblage, der schrundigen, reliefierten Oberfläche hat in Picassos skulpturalen Assemblagen und den Arbeiten Fautriers ein Vorbild, prägt aber zukunftsweisend die »Ästhetik des Hässlichen« in der Kunst des 20. Jahrhunderts.

Im Jahr 1960 kommt es zur künstlerischen und musikalischen Zusammenarbeit Dubuffets mit Asger Jorn, der 1948 die Gruppe CoBrA mitbegründet. 1962 verlässt Dubuffet die reliefierte Maloberfläche und schafft sich in seiner Werkreihe L’Hourloupe, die er bis 1972 fortführt, eine in die Fläche zurückgeführte Malerei, die mäandernd-labyrinthisch zwischen Figurinen und reinen Form-, Farbflächen variiert und ein comichaftes Universum erstellt, in dem kräftige buntfarbige Linien und Inseln den narrativen Part übernehmen. Das Figurative und Konturbetonte der Hourloupe-Reihe überführt Dubuffet auch ins Plastische und baut aus Styropor geschnittenen oder in Polyester gegossenen Einzelformen montierte Lebewesen jener Hourloupe-Welt, die zeitgemäß der Pop- und Op Art zugehören.

In seiner letzten Werkreihe, den Donnée, findet Dubuffet zum Grundgedanken der reinen Geste. Mit krakeligen Linien in kräftigen Buntfarben oder gebrochenem Weiß organisiert er den schwarzen Bildgrund mit starker emotionaler Aussagekraft. In seinem Todesjahr 1985 erstellt Dubuffet seine Autobiographie »Biographie au pas de course«. Seine Sammlung der »Art Brut« schenkt er 1976 der Stadt Lausanne, in der ein Museum im Château de Beaulieu und die Stiftung Jean Dubuffet entsteht.

Am 12. Mai 1985 stirbt Jean Dubuffet in Paris.

Literaturauswahl

Im Rausch der Kunst. Dubuffet und Art Brut: Ausst.-Kat. museum kunst palast, hg. v. J.-H. Martin, Düsseldorf 2005

Peiry, L.: Art Brut – Jean Dubuffet und die Kunst der Außenseiter, Paris 2005

Krajewski, M.: Jean Dubuffet. Studien zu seinem Frühwerk und zur Vorgeschichte der Art Brut, Bonn 2004

Schenkung Otto van de Loo: Ausst.-Kat. Nationalgalerie Berlin, Staatliche Museen zu Berlin Preußischer Kulturbesitz, hg. v. F. Jacobi, S. Luig, Berlin 2003

Kunst über Grenzen. Die klassische Moderne von Cézanne bis Tinguely und die Weltkunst – aus der Schweiz gesehen: Ausst.-Kat. Haus der Kunst München, hg. v. Chr. Vitali, H. Gaßner, München, London, N.Y. 1999

Franzke, Andreas: Jean Dubuffet. Schriften in vier Bänden. Berlin, Bern 1994

Messer, Th.: Jean Dubuffet 1901 — 1985, Stuttgart 1990

Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger

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