Jannis Kounellis

Von Beginn an wendet Kounellis sich insbesondere den sinnlichen Qualitäten von Material zu, dessen haptische, visuelle und olfaktorische Qualitäten er in seine Performances einbezieht. Kounellis gilt mit seiner material- und wahrnehmungsorientierten künstlerischen Arbeit als Hauptvertreter der Arte Povera.

Jannis Kounellis wird 1936 in Piräus geboren. 1956 kommt er nach Rom. Die ersten Bilder des Konzept- und Objektkünstlers zeigen ähnlich den zeitgleichen Werken Cy Twomblys und Piero Manzonis Buchstabenfolgen, Worte und Zeichen in breiten schablonenhaften Linienzügen. Wie seine Kollegen reagiert er damit auf die zeitgemäßen Arbeiten des Informel. Bald wendet sich Kounellis jedoch dem neuen Bereich der Aktionskunst zu und realisiert 1960 eine erste Performance, in der er – orientiert am Dadaisten Hugo Ball – verkleidet im eigenen Atelier auftritt. »Materialien« seiner Aktionen werden in der Folge Kakteen, lebende Papageien und Pferde, die er in musealen Räumen inszeniert.

Von Beginn an wendet Kounellis sich insbesondere den sinnlichen Qualitäten von Material zu, dessen haptische, visuelle und olfaktorische Qualitäten er in seine Performances einbezieht. Kounellis gilt mit seiner material- und wahrnehmungsorientierten künstlerischen Arbeit als Hauptvertreter der Arte Povera, nimmt bereits 1967 an der ersten Ausstellung der von Germano Celant so bezeichneten Gruppe von Künstlern teil. Als eine seiner aufsehenerregendsten Ausstellungen ersinnt er 1969 die Unterbringung von 12 lebenden Pferden in der römischen Galleria l’Attico. In diesem provokanten, gegen bürgerliche Kunstvorstellungen gewandten Akt wird am nachdrücklichsten Kounellis’ Interesse an der Verbindung und Durchquerung natürlicher und kultureller Phänomene deutlich. Die Pferde, die er als energetische Speicher und mythologische Kulturträger sieht, scheinen ihm ideale Katalysatoren einer sinnlichen Erneuerung künstlerischer Wahrnehmung.

In den Installationen der Folgejahre thematisiert Kounellis das dialektische Verhältnis natürlicher und unbehandelter organischer Stoffe (v.a. Kohle, Watte, Wolle, Haar, Steine) und vorgefertigter Gegenstände und Behälter (Eisencontainer, Bettgestelle, Waagschalen, Gipsabgüsse, Holzlatten). Er will den Kontrast von »Sensiblität« und »Struktur« hervorrufen. Die hier erzeugten Wahrnehmungseindrücke weisen darüber hinaus aber auch auf traditionelle ikonographischen Materialdeutungen zurück. Vor allem das Element Feuer spielt in Form von Gasflammen in Kounellis Arbeiten eine besondere Rolle. Er gewinnt diesem ungewöhnlichen »Werkstoff« akustische und visuelle, wärmende, zerstörerische und verletzende Eigenschaften ab. Den Naturstoffen und ihren amorphen Strukturen gilt Kounellis besonderes Interesse. Ihnen weist er ästhetische Qualitäten der Transgression zu, die »armen« und noch unveränderten Materialien werden zu politischen Hoffnungsträgern in einer industrialisierten Gesellschaft.

Unter dem Aspekt der Reflexion von Materialqualitäten ist auch Kounellis Umgang mit den kulturellen Konventionen der Antike zu verstehen. Ihr wendet er sich als einer poetischen Form von Geschichte zu. Fragmente von Gipsabgüssen antiker Statuen fügt er in der Tradition Giorgio de Chiricos als physiognomische und geschichtsträchtige Elemente in seine Installationen ein. Deren Vergänglichkeit, zeitliche Distanzierung und Abschottung sucht der Künstler in provozierenden Aktionen zu evozieren und gleichzeitig zu überbrücken.

Insbesondere die Metaphorik von Geschichte als Prozess des Öffnens und Verschließens beschäftigt den Künstler ab Mitte der 70er Jahre. Kounellis interpretiert Historizität als Form des Verstummens in denjenigen künstlerischen Aktionen, in denen er antike Porträtabgüsse als Maskenfragmente nutzt. Seit 1969 befasst er sich jedoch auch konkret mit dem Verschließen von Tür- und Fensteröffnungen. Ungeformtes Geröll versperrt den Blick nach außen, oder in das Innere, wird sichtbares Äquivalent zeitlicher Ablagerungen und geistiger Blockaden. Seit 1978 tritt Kounellis auch mit Theaterstücken an die Öffentlichkeit.

Jannis Kounellis lebt und arbeitet seit 1956 in Rom.

Literaturauswahl

Bann, Stephen: Jannis Kounellis, London 2003

Jannis Kounellis. Il sarcofago degli sposi: Ausst.-Kat. MAK Wien, hg. v, Peter Noever, Ostfildern 1999

Jannis Kounellis. Die eiserne Runde: Ausst.-Kat. Hamburger Kunsthalle, hg. v. O. Westheider u. H. R. Leppien, Hamburg 1995

Kounellis, Jannis: Ein Magnet im Freien. Schriften und Gespräche 1966 — 1989, Bern, Berlin 1992

Jannis Kounellis. A Retrospective: Ausst.-Kat. Museum of Contemporary Art Chicago, hg. v. M. J. Jacob u. R. McEvilley, Chicago 1986

Jannis Kounellis: Ausst.-Kat. Städt. Galerie im Lenbachhaus, hg. v. Hartmut Friedel, München 1985

Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014

Zu Sammlung hinzufügen…

×
×
×

Liebe Besucherinnen und Besucher,

seit 2006 gibt die museumsplattform nrw einen umfassenden Einblick in die Sammlungen und Aktivitäten ausgewählter NRW-Museen – und regt damit zugleich auch ein neues Publikum zum Museumsbesuch an. Monatlich 13.000 Besucher*innen belegen das Interesse an diesem einzigartigen Instrument zum interaktiven und kommunikativen Umgang mit Kunst im Netz.

Ein intensiv gepflegter und konstant ausgebauter Newsbereich mit Hinweisen zu Ausstellungen und Veranstaltungen oder Features aus der Kunstszene NRWs gehört ebenfalls dazu. 2013 erhielt die bereits seit zehn Jahren aktive Online-Plattform den bedeutenden Grimme Online Award.

Für den Ausbau dieses Online-Angebots sind wir auf den dauerhaften Beteiligungswillen der Museen angewiesen. Auch wenn die aktive Ausgestaltung derzeit nicht erfolgen kann, laden wir Sie doch herzlich ein, unser breites Angebot zum interaktiven und kreativen Umgang mit der Bildenden Kunst und ihren vielfältigen Formen medialer Vermittlung spielerisch zu erkunden.

Ihr NRW KULTURsekretariat