Heinz Trökes

»Man hat mir gesagt, ich sei ein Surrealist, ich sei ein Halbabstrakter, ein Phantast, ein Ornamentalist, ein Folklorist und was weiß ich noch. Alles kann mal gestimmt haben, für eine gewisse Zeit«. Letztlich äußert sich Trökes Kunstdefinition in dem apodiktischen Satz: »Ich will kein Programm für uns Künstler entwerfen, das ist fauler Zauber«, und damit bekräftigt er seine lebenslange stilistische Wandlungsfähigkeit.

Heinz Trökes wird am 15. August 1913 in Hamborn bei Duisburg geboren. Kindheit und Jugend verbringt er dort und bricht bereits 1932 zu einer Fahrradtour durch die Schweiz, Italien, Frankreich und Luxembourg auf, seine Reiselust führt ihn über die Jahre in nahezu alle Kontinente. Nach Schulzeit und erneuten Reisen durch Italien bis Sizilien, wird Trökes 1936 für drei Jahre Schüler für Textilentwurf an der zu dieser Zeit von Johannes Itten geleiteten Flächenkunstschule in Krefeld. Hier begegnet Trökes dem Bauhaus-Denken, der Abstraktion, der Farbenlehre Ittens und lernt hier vermutlich auch die Arbeiten von Paul Klee kennen, der ihn nachhaltig beeinflussen. Er lässt sich 1936 bis 1939 als Maler in Augsburg nieder und verdient seinen Lebensunterhalt mit Stoffmusterentwürfen für die dortige Textilfirma J.P. Bemberg. In Paris begegnet Trökes 1937 Wassily Kandinsky, von dessen Persönlichkeit und Kunst er fasziniert ist. Seine erste Einzelausstellung hat Trökes 1938 in der Galerie Nierendorf in Berlin, die jedoch durch die Nazis geschlossen, er darauf aus der Reichskulturkammer ausgeschlossen wird. Reisen führen ihn in diesem Jahr über Wien nach Budapest, Jugoslawien und erneut Italien. 1939 versucht Trökes über Zürich nach Holländisch-Indien auszuwandern. Der Plan scheitert am Ausbruch des II. Weltkrieges. Er geht zurück nach Krefeld und setzt seine Ausbildung unter Georg Muche fort. 1941/42 ist Trökes Wehrmachtssoldat der Flugabwehr in Berlin, ihm bleibt jedoch Zeit, dort die Kunstschule von Max Dungert zu besuchen.

Bis 1947 lebt Trökes in Berlin und ist 1945 Mitbegründer der Berliner Galerie Gerd Rosen, deren künstlerischer Leiter er bis 1946 ist. Künstlerisch gewinnt er durch kosmonautische, sphärisch-utopische Bildmotive Abstand von der realen Zerstörung Berlins, substituiert die Ästhetik der Zerstörung ins Galaktische. Einen Ruf als Lehrer an die Staatliche Hochschule für Architektur und Kunst nach Weimar nimmt er zwar an, verlässt sein Amt jedoch nach einem Semester und kehrt nach Berlin zurück. In Baden-Baden ist 1947 in der Ausstellung »Deutsche Kunst der Gegenwart« vertreten. Während der Versorgungsblockade Berlins lebt Trökes 1948/49 in Rodenbach bei Neuwied im Westerwald. 1949 zurück in Berlin heiratet er Renata (Renée) Severin. Zugleich kann er in der von Jean-Paul Sartre geleiteten Pariser Zeitschrift »Les Temps Modernes« seinen Artikel »Le peinture et le public en Allemagne. L’inflation d’expositions et le scandale qu’elles provoquent« veröffentlichen, der sich den Positionen der intellektuellen Avantgarde widmet. Nun trifft er auch auf Max Ernst, zu dessen Einfluss auf sein Werk sich Trökes in einer Eigenaussage bekennt. Er ist mit Wols befreundet erlebt dessen letzten beiden Lebensjahre mit und hält schriftlich dessen Lebens- und Arbeitsstil fest. Auch dessen Malerei hinterlässt deutliche Spuren im Werk von Trökes, besonders Wols’ letzte Werkphase mit den spinnenfein gezeichneten, geritzten Segelfregatten. Trökes schließt sich der Rixes-Gruppe an, der u.a. Roberto Matta und Jean-Paul Riopelle angehören. Letztlich nimmt Trökes am wöchentlichen Jour Fix um André Breton teil, bei denen er mit Marcel Duchamp und Max Ernst diskutiert.

Der Surrealismus spielt in Trökes Werk zwar eine große Rolle, jedoch quasi gefiltert und sublimiert durch seine jeweiligen naturräumlichen Erfahrungen und Erlebnisse, die nun mit Jahr um Jahr folgenden Fernreisen ganz Südeuropa, den Balkan, die Türkei, die nordafrikanische Küste und später Südamerika, Asien und Afrika umfassen. Ist Trökes Rezeption zeitgenössischer Kunst in gewisser Weise »insulär«, so wird es auch seine reale Lebenswelt. 1952 lässt er sich auf der spanischen Insel Ibiza nieder. Die Insel wird sein ständiger Wohnsitz, von dort aus startet er auch seine Erkundungsreisen durch Spanien, Portugal und Marokko. Die Landschaft der Insel ist nun zentrales Motiv seiner Malerei, auch wenn sie surreal, traumhaft verändert ist, bleibt doch spezifisch topographisches Moment erkennbar. Das harte Licht der Insel führt Trökes zu einem starkfarbigen, bunten Kolorit.

Mit den 50er Jahren stellen sich vermehrt internationale Erfolge ein: eine Einzelausstellung in der Galerie Jeanne Boucher in Paris, der Hallmark-Preis in New York und 1955 die Teilnahme an der Documenta I in Kassel, dort ist er auch 1959 und 1964 vertreten. Ab 1955 erfolgen Lehrrufe der Akademien in Berlin, Karlsruhe, Zürich, Frankfurt und Stuttgart an ihn. Doch nimmt Trökes erst 1956 den Ruf der Hamburger Akademie als Leiter der Freien Graphik an.

Neben der Malerei und Graphik arbeitet Trökes seiner Ausbildung gemäß auch immer im Bereich der angewandten Kunst. Es entstehen 1957 das Chorfenster der Berliner Friedrich-Wilhelm-Gedächtnis Kirche, Teppichentwürfe 1960/61 von der Firma Anker in Düren ausgeführt und Gobelins, die 1978 durch die Fränkische Gobelin-Manufaktur in Marktredwitz gewebt werden. Ständig erweitert Trökes seine maltechnischen Experimente. Er verwendet Blattgold und setzt Emailfarben ein und zitiert Volkskunst unterschiedlicher Provenienz. Er experimentiert mit Collagen, wendet sich der chinesischen Tuschmalerei zu und nutzt den japanischen Farbholzschnitt – ein in thematischer wie technischer Hinsicht polyglottes Vorgehen.

In konsequenter Weiterführung der surrealistischen ecriture automatique macht er 1968 Malversuche unter der halluzinogenen, synthetischen Droge LSD. Zwischenzeitlich lebt die Familie 1959/60 auf der griechischen Insel Aegina, was Trökes Kolorit maßgeblich verändert. Er wechselt von der starkfarbigen All-Prima-Malerei zur farbverwebenden, altmeisterlichen Lasurtechnik, mit der er Lichtphänomene und Atmosphärisches viel dichter, überzeugender darstellen kann. 1965 erhält Trökes einen Ruf an die Berliner Akademie, dem er folgt und den er bis 1978 innehat. Nun sind Berlin und Ibiza seine Arbeits- und Lebenszentren. In ausführlichen Beschreibungen legt er seinen meditativen Kompositions- und Arbeitsprozess dar und nimmt zu seiner stilistischen Vielfalt folgendermaßen Stellung: »Man hat mir gesagt, ich sei ein Surrealist, ich sei ein Halbabstrakter, ein Phantast, ein Ornamentalist, ein Folklorist und was weiß ich noch. Alles kann mal gestimmt haben, für eine gewisse Zeit«. Letztlich äußert sich Trökes Kunstdefinition in dem apodiktischen Satz: »Ich will kein Programm für uns Künstler entwerfen, das ist fauler Zauber«, und damit bekräftigt er seine lebenslange stilistische Wandlungsfähigkeit. Nach 1978 ist er für mehrere Monate im Jahr erneut auf ausgedehnter Weltreise. 1983 erhält er durch die Neue Nationalgalerie in Berlin eine große Retrospektive zu seinem 70. Geburtstag, anlässlich dieser er seine Skizzenbücher dorthin übereignet. Künstlerisch beschäftigt er sich nun fast ausschließlich mit dem quadratischen Bildformat von 50 auf 50 Zentimetern.

Mit 84 Jahren stirbt Heinz Trökes 1997 in Berlin. Sein schriftlicher Nachlass ist dem Deutschen Kunstarchiv des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg gestiftet.

Literaturauswahl

Heinz Trökes. Werke und Dokumente: Ausst.-Kat. GNM, Archiv für Bildende Kunst, hg. v. Frfr. von Andrian-Werburg, M. Krause, Nürnberg 2003

Krause, M.: Heinz Trökes. Werkverzeichnis der Ölbilder, München 2003

Lindner, B.: Heinz Trökes. Das gemalte Frühwerk, Bonn 1996

www.troekes.de (m. aktueller Bibliographie)

 

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

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