Günter Dohr

Das Medium Licht wird zu Dohrs zentralem Ausdrucksmittel. Der Auseinandersetzung mit Licht und Raum, Masse, der Bewegung des Objekts und des betrachtenden Subjekts gilt sein Interesse. 

Günter Dohr wird 1936 in Münster geboren. Dohr wird früh durch die Familie, sein Onkel, Fritz Homoet, ist Landschaftsmaler, in seinem künstlerischen Talent unterstützt. Seine Schulzeit und sein erstes Studienjahr des Lehramtsstudiums 1957/58 verbringt Günter Dohr in Münster. Ab 1958 setzt er sein Studium in der Klasse von Arnold Bode an der Staatlichen Hochschule für Bildende Kunst in Kassel fort. Unter seinem Lehrer kann er am Aufbau der Documenta II, 1959 in Kassel teilnehmen. Er lernt die aktuellen amerikanischen Positionen der Colour Field-Painting eines Mark Rothko und eines Ben Nicholson ebenso kennen wie die abstrakte Position eines WOLS, eines Hans Hartung oder Franz Kline. Zugleich lernt er die Lichtexperimente der 1958 gegründeten Pariser »Groupe de Recherche d’Art Visuel« kennen. 1962 beendet Dohr sein Studium und absolviert das anschließende Referendariat, um zeitlebens neben der freien künstlerischen Tätigkeit auch als Lehrer zu arbeiten. 1980 erhält er die Professur für Objekt-Design an der Fachhochschule Niederrhein.

Das Medium Licht wird zu Dohrs zentralem Ausdrucksmittel. Der Auseinandersetzung mit Licht und Raum, Masse, der Bewegung des Objekts und des betrachtenden Subjekts gilt sein Interesse. Und so manifestiert sich in seiner Kunst Axiomatisches der sehenden Existenz: Raum, Masse, Bewegung in Abhängigkeit von Beleuchtung, Ausleuchtung und Durchleuchtung als durch die Kunst gegebene Orientierungsmöglichkeiten. Ab 1965 entstehen statische Lichtobjekte, die allein durch die Bewegung des Betrachters kinetische Energie erhalten. Doch erweitert Dohr bis 1970 seine Lichtobjekte um den Faktor technisiert erzeugter Kinetik: Elektromotoren treiben nun die Einzelelemente an, die den optischen Effekten verdankt, nicht mehr auf die Regie führende Technik zurückgeführt werden können. Das Cylindrogramm S 6 von 1968 zeugt von dieser Arbeitsphase.
Dohr zählt zu den Mitbegründern der Gruppe »B1«, einem Zusammenschluss von zehn an der gleichnamigen Schnellstraße lebenden Künstlern, der von 1965 bis 1969 besteht. Die Straße gilt als Schleichweg im Ruhrgebiet – eine Verkehrsader im übergangslosen Städtekonglomerat, deren Eigenschaften von der Gruppe programmatisch gefasst werden: »B1 macht objekte, projekte, plastiken, bilder, räume. B1 arbeitet kinetisch und statisch, mobil und stabil. B1 ist produktiv. B1 ist auf fabrikation und industrie eingestellt. B1 spielt und ist immer neugierig. B1 sind zehn, die an der B1 leben.« (Helmut Bettenhausen, Bernd Damke, Günther Dohr u.a.: B1 Manifest, 1969).

Nach statischen Lichtobjekten (1965/67) folgen die elektromechanisch angetrieben (1967/69) und führen Dohr schließlich 1970/72 zu den Lichtenvironments, die elektronisch gesteuerte Licht- und Farbveränderungen erzeugen und in ihrer bewegt-rhythmischen Dimension nur über längere Wahrnehmung erfahrbar werden. Konsequent arbeitet Dohr seit Beginn der 1970er auch an Rauminstallationen, die die Lichtsituation v.a. im öffentlichen Raum fokussieren und durch neue Lichtquellen markant im Sinne eines malerisch zu denkenden Verhältnisses von Licht und Raum, Farbe und Wahrnehmung verändern. Dohr zählt sich selbst trotz einer gewissen Nähe zur Gruppe Zero zur konkreten Kunst, deren konsequente Licht-Farbe-Raum-Auseinandersetzung mit Josef Albers und Laszlo Moholy-Nagy bis zum Bauhaus zurück reichen.

Obwohl Dohr überwiegend mit Industrieleuchten arbeitet, lässt er mitunter Leuchtröhren durch Glasbläser anfertigen oder lässt normierte Leuchten mit bestimmten Farbgasen füllen bzw. mit Farbverläufen bedampfen. Die vorläufig letzte Werkgruppe seiner Lichtinstallationen stellen Arbeiten mit weißen Leuchtstoffröhren der Jahre 1976/78 dar. Ab 1979 entscheidet sich Dohr ausschließlich für die Malerei, seine zeitgleichen Arbeiten im öffentlichen Raum basieren nach wie vor auf Farblicht, so z.B. die 2006 realisierte Leuchtbahnenfolge der Unterführung der Hafenstrasse in Hamm oder 2007 die Farben des Lichts in den Gängen und Fluren des neuen Medienzentrums der Universität GHS in Siegen. Hier kommt es zu aquarellartigen Überlappungen der verschiedenen Lichthöfe der blauen, orangefarbenen und grünen Leuchten, die Dohr in der Länge variiert und durch Dimmen nach der Tageslichtsituation ausrichtet.

Dohrs Gemälde sind Farbräume, die mit horizontalen oder vertikalen Balken, Quadraten oder Rechtecke besetzt sind. Weiß in allen ihren polychromen Schattierungen und Durchwebungen ist die zumeist eingesetzte Farbe. Im Farbkreis als Nichtfarbe definiert, mutiert sie in den Arbeiten zur Lichtfarbe. Dohrs Formate sind bevorzugt quadratisch oft 120 × 120 cm, als Bildträger nutzt er überwiegend fein gewebte Baumwollen, die durch die Grundierung ihre Eigenstruktur verlieren und die Farbauftragsstruktur der lasierend und dünn aufgetragenen Pinselzüge zur Geltung bringen. Die Weißen gewinnen durch ihre Pinselstreifen, die einander in verschiedenen spitzen und stumpfen Winkeln zugeordnet, überschnitten oder überlagert sind, immer räumliche Qualitäten. Die lasierende Arbeitstechnik alleine suggeriert ein »davor« und ein »dahinter« und erzeugt zusammen mit dem Weiß als ubiquitäres Raumlicht eine hohe, wie neblig verhangene Raumdichte. Dohr bemalt die Leinwände liegend mit sehr dünnflüssigen Aquarell-, Öl- oder Acrylfarben. Im prozessualen Arbeitsverlauf entscheidet Dohr, welche der Kompositionen fortgesetzt und welche verworfen werden. Er selbst sagt zu seinem Arbeitsprozess: »Eine Beschreibung der malerischen Mittel kann sehr aufschlussreich sein, andererseits lenkt sie aber auch den Blick vom Erkennen an hin zum Wiedererkennen des Beschriebenen, und sie erreicht so nichts anderes als einen Kreis zwischen Auge und Intellekt, der in sich sehr überzeugend wirkt, aber Wesentliches ausklammert. Vieles von dem, was mir wichtig erscheint, ist in den Bildern sichtbar, aber von mir nicht verbal formulierbar« (zit.n.: Ausst.-Kat.: Günter Dohr: Farben des Lichts, Museum Bochum 2004, 37).

Die Malerei von Dohr trägt als Titel so lakonische Ziffernfolgen wie 2/89 oder 7/93. Dies ist eine interne Nummerierung und meint nichts anderes als z.B. das 2. Bild des Jahres 1989. Anfang der 1990er Jahre beginnt er erneut mit Leuchtobjekten zu arbeiten, die jetzt Titel tragen können wie Die Wolken des Ferdinand Hodler(1993/94). Diese Objekte sind statisch, oft gesockelte Plexiglas- oder verzinkte Stahlblechkästen in denen industrielle Leuchtstoffröhren thronen und deren technische Verkabelung, ihre Fixierung und die dazwischen geschalteten Transformatoren offen zeigen. Ohne Strom reine Lichtskelette, entfalten sie elektrisiert eine regelrecht greifbare Aura.

Günter Dohr lebt und arbeitet in Krefeld.

Literaturauswahl

Karasek, Ch.: Immaterielle Farbräume, Diss. phil. Karl-Franzens-Universität Graz, Selbstverlag, Graz 2009

Op-Art: Ausst.-Kat. Schirn, Frankfurt/ M., hg. v. M. Weinhart, M. Hollein, Köln 2007

Günter Dohr: Farben des Lichts: Ausst.-Kat. Museum Bochum, hg. v. K. Blomberg, Bönen 2004

Ein Gespräch, das die Autorin am 17. März 2010 mit Günter Dohr führte, war ebenso Grundlage dieser Künstlerbiografie

 

Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014

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