Gotthard Graubner

Bereits in seinen frühen Arbeiten nimmt die Auseinandersetzung mit der Farbe als Gegenstand der Malerei einen zentralen und für die weitere künstlerische Arbeit bis in die Gegenwart wesentlichen Stellenwert ein. Bis heute variiert Graubner in unterschiedlichen Farbverdichtungen und Strukturen diese mit Synthetikwatte kissenhaft ausgepolsterten, in den Raum ragenden »Bild-Gebilde«, die sich als Beiträge zur Erweiterung des Bildbegriffs verstehen.

Gotthard Graubner wird 1930 in Erlbach / Vogtland geboren. 1947 — 48 studiert er zunächst an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin, wechselt 1948 jedoch an die Dresdner Kunstakademie, an der er bis 1951 studiert. 1954 verlässt Graubner die DDR und studiert von 1954 — 1959 an der Kunstakademie Düsseldorf. Nach dem Studium arbeitet er als Kunsterzieher an einem Düsseldorfer Gymnasium (1964 — 65), erhält 1965 einen Lehrauftrag, 1969 eine Professur an der Hochschule für bildende Künste Hamburg. Ab 1976 ist Graubner Professor für Malerei an der Staatlichen Kunstakademie Düsseldorf.

Bereits in Graubners frühen Arbeiten seit Anfang der 1960er Jahre nimmt die Auseinandersetzung mit der Farbe als Gegenstand der Malerei einen zentralen und für die weitere künstlerische Arbeit bis in die Gegenwart wesentlichen Stellenwert ein. »Der Malkörper ist für mich der Gegenstand. Der eigentliche Naturbezug in meiner Malerei ist das Nachschaffen eines Organismus, das Atmen, das Ausdehnen und Zusammenziehen. Organische Bewegung, wie sie sich in Wolkenballungen, im Rhythmus des fließenden Wassers oder in der stillen Bewegung eines menschlichen Körpers finden lässt. Die Malerei ist ein Organismus in der Polarität von warm und kalt, von leicht und schwer, von steigend und fallend.« (Graubner). Mit über- und ineinandergemalter Farbe und sich durchdringenden Malschichten, die eine gemeinsame Maloberfläche bilden, eröffnen sich im Medium des Tafelbildes dreidimensionale Farbräume. Fließende Farbübergänge und Mischungen, durchlässige Fonds, pulsierende Mikroskop- oder Feldstrukturen entfalten bewegte, und entmaterialisiert erscheinende Farblandschaften, die weit mehr räumliche Tiefe erschließen, als dies im zweidimensionalen Bildmedium möglich scheint. Ebenso bei den Leinwandbildern wie auch den zahlreichen Arbeiten auf Papier nutzt Graubner dabei die Farbabsorptionswirkungen des Bildträgers.

Eine entscheidende Veränderung zeichnet sich Ende der 1960er Jahre ab. Graubner arbeitet nun an den begehbaren Environments der Nebelräume – tatsächlich mit Nebel gefüllte Räumen –, mit denen der Künstler seine Farbforschungen auch jenseits des Bildmediums in räumlicher Dimension fortsetzt. Für Graubners anschließend und bis heute entstehende Arbeiten sind diese raumbezogenen Überlegungen konsequenzreich: Seit Beginn der 1970er Jahre kommt es zu einer Abkehr von der Idee des Tafelbildes. Es entstehen die »Kissenbilder« und von Graubner später so benannten Farbraumkörper, die teils unbetitelt sind, teils asiatische Namen tragen. Max Imdahl hält über sie fest, »dass der faktische, materielle Träger des gemalten, metrisch unbestimmbaren und in seinen Verdichtungs- und Ausdehnungsimpulsen wechselvollen Farbraumes« hier keine zweidimensionale Bildfläche, als vielmehr »ein dreidimensionales, selbst Raum verdrängendes, nämlich von seinen Rändern her sich vorwölbendes Gebilde ist.« (Imdahl, in: Ausst.-Kat. Graubner, Baden Baden 1980).

Bis heute variiert Graubner in unterschiedlichen Farbverdichtungen und Strukturen dieser mit Synthetikwatte kissenhaft ausgepolsterten, in den Raum ragenden »Bild-Gebilde«, die sich als Beiträge zur Erweiterung des Bildbegriffs verstehen. Ihre farbgetränkte Watte und vielfach überarbeitete Leinwand materialisiert gleichsam »die Immaterialität der Farbraum-Vision durch die Materialität des Körpers« (Imdahl, ebd.). Neben diesem entscheidenden Werkbereich Graubners entsteht ein umfangreiches Konvolut an Aquarellen und Radierungen.

Einzelausstellungen würdigen die Arbeiten Gotthard Graubners, der 1968 und 1977 auf der Documenta IV, VI und 1982 auf der Biennale di Venezia vertreten ist, u.a. 1969 in der Kestner-Gesellschaft Hannover, 1970 im Kunstverein Mannheim, 1980 in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden oder 1983 im Kunstmuseum Düsseldorf. In den letzten Jahren widmet ihm erneut die Kestner-Gesellschaft in Hannover eine umfassende Schau (2003). 2006 stellt das Neue Museum Weserburg in Bremen seine »Farbraumkörper und Arbeiten auf Papier 1984 — 2004«, 2008 die Staatliche Kunsthalle in Karlsruhe die Radierungen Graubners aus.

Gotthard Graubner lebt und arbeitet in Düsseldorf und auf der Museumsinsel Hombroich in Neuss.

Literaturauswahl

Gotthard Graubner – Radierungen: Ausst.-Kat. Staatl. Kunsthalle Karlsruhe, Karlsruhe 2008

Gotthard Graubner – Farblicht: Ausst.-Kat. Kestner Gesellschaft, hg. v. V. Görner, Hannover 2003

Gotthard Graubner, Malerei auf Papier: Ausst.-Kat. Staatl. Kunsthalle Karlsruhe, Düsseldorf 2001

Gotthard Graubner, Malerei und Zeichnung: Ausst.-Kat. Sächsische Akademie der Künste, hg. v. W. Schmidt, Dresden 2000

Güse, E.-G.: Gotthard Graubner: Malerei, Düsseldorf 1995

Bleyl, M.: Gotthard Graubner. Farbraumkörper der XL. Biennale Venedig 1982, Frankfurt 1991

Gotthard Graubner, Malereien aus den Jahren 1984 — 86: Ausst.-Kat. Kunstsammlung NRW, Düsseldorf 1987

Gotthard Graubner: Ausst.-Kat. Staatl. Kunsthalle Baden Baden u.a.O., Baden Baden 1980

Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014

Zu Sammlung hinzufügen…

×
×
×

Liebe Besucherinnen und Besucher,

seit 2006 gibt die museumsplattform nrw einen umfassenden Einblick in die Sammlungen und Aktivitäten ausgewählter NRW-Museen – und regt damit zugleich auch ein neues Publikum zum Museumsbesuch an. Monatlich 13.000 Besucher*innen belegen das Interesse an diesem einzigartigen Instrument zum interaktiven und kommunikativen Umgang mit Kunst im Netz.

Ein intensiv gepflegter und konstant ausgebauter Newsbereich mit Hinweisen zu Ausstellungen und Veranstaltungen oder Features aus der Kunstszene NRWs gehört ebenfalls dazu. 2013 erhielt die bereits seit zehn Jahren aktive Online-Plattform den bedeutenden Grimme Online Award.

Für den Ausbau dieses Online-Angebots sind wir auf den dauerhaften Beteiligungswillen der Museen angewiesen. Auch wenn die aktive Ausgestaltung derzeit nicht erfolgen kann, laden wir Sie doch herzlich ein, unser breites Angebot zum interaktiven und kreativen Umgang mit der Bildenden Kunst und ihren vielfältigen Formen medialer Vermittlung spielerisch zu erkunden.

Ihr NRW KULTURsekretariat