Gianni Colombo

1963 ist er Mitorganisator der »Nouvelle Tendence«, einer heterogenen internationalen Bewegung, die sich in der Tradition des Konstruktivismus und im Spektrum der zeitgenössischen Künstlergruppen von G.R.A.V., Zero bis Op Art vor allem mit der monochromen Malerei und den Gestaltungsmitteln von Bewegung, Licht und Ton beschäftigt. 1985 übernimmt, der inzwischen vielfach ausgezeichnete Colombo die Leitung der Nuova Accademia in Mailand.

Gianni Colombo wird 1937 in Mailand geboren. Von 1956 bis 1959 studiert er dort an der Accademia di Belle Arti di Brera. Im Jahr seines Abschlusses gründet er mit Giovanni Anceschi, Davide Boriani und Gabriele De Vecchi die Gruppo T, die sich mit ihren kinetischen Objekten und Lichtprojektionen der räumlichen und zeitlichen Wahrnehmung widmet und dabei Realität und Realitätswahrnehmung zum Richtmaß ihrer Arbeit machen. »Wie immer auch unsere Absichten beim Machen eines Bildes sind, das Bild wird im Betrachter eine Neigung erzeugen, es mit Dingen und Begriffen aus seiner täglichen Erfahrung zu verbinden.« (Colombo, Galleria La Salita, Rom, November 1965). 1963 ist Colombo Mitorganisator der »Nouvelle Tendence«, jener heterogenen internationalen Bewegung, die sich in der Tradition des Konstruktivismus und im Spektrum der zeitgenössischen Künstlergruppen von G.R.A.V., Zero bis Op Art vor allem mit der monochromen Malerei und den Gestaltungsmitteln von Bewegung, Licht und Ton beschäftigt. 1985 übernimmt der inzwischen vielfach ausgezeichnete Colombo die Leitung der Nuova Accademia in Mailand.

Gianni Colombos frühe Arbeiten zeugen von einer grundlegenden Auseinandersetzung mit dem Bild- und Objektbegriff, die sich in den ersten kleiner dimensionierten Arbeiten in Relation zu Fläche und Bild sowie bereits an der Grenze von (kinetischer) Flächenstruktur und Objekthaftigkeit dokumentiert. Neben monochromen Reliefs entstehen Ende der 1950er Jahre auch motorisierte Objekte und Reliefs, deren zum Teil durch den Betrachter beeinflussbare Licht- und Raumwirkungen bald ganz im Zentrum von Colombos Arbeit stehen (Strutturazione Pulsante, 1959;). Anfang der 1960er Jahre führt er diese Ansätze mit gläsernen oder spiegelnden Lichtobjekten fort (Cromo strutture; Sismo strutture), durch deren Projektionen zunehmend die Veränderlichkeit des Raums und der räumlichen Wahrnehmung zu bestimmenden Aspekten werden (Strutturazione fluida, 1960). Auch bei der Auseinandersetzung mit geometrischen Körpern oder den mit seinem Bruder, dem Architekten und Designer Joe Colombo gemeinsam realisierten Objekten sind es die variablen und offenen raumbezogenen Objekstrukturen, die Gianni Colombo beschäftigen (Acentric structuralisations, 1962).

Ende der 1960er Jahre setzt sich Colombo vor allem mit architektonischen Aspekten im Rahmen seiner nun begehbaren, durch komplexe Lichtprojektion gestalteten Räume auseinander, die er 1963/64 im Rahmen der Pariser Ausstellung »Nouvelle Tendance« zeigt. In diesen umfassenden, lichten und dynamisierten Ambienti, in die die Besucher unmittelbar einbezogen sind, stehen ebenso dimensionale Veränderungen, stereometrische Raumgrenzen wie auch die visuellen und physischen Raumerfahrungen der Besucher selbst – Gleichgewicht, Raumerfassung und Orientierung – auf dem Prüfstand (Zoom Sqaures, 1967/68). Hier werden die früher dimensional begrenzten Lichtprojektionen zu grundlegenden gestalterischen Mitteln, die nun erst den Raum konstituieren, strukturieren, ihn aber auch durch ihre Variabilität relativieren und öffnen können (spazi elastici) – Verfahren, die den systematischen Erforscher der Seh- und Wahrnehmungsprozesse Colombo als Vertreter der »Arte Programmata« erkennbar machen. Seine nachfolgenden, über Videobildschirm projizierten Muster und Strukturen, die ausgehend von einem Grundmotiv elektronisch gesteuert und verändert werden, lassen sich als mediale wie virtuell-räumliche Varianten dieser strukturellen Konzepte verstehen, die zudem noch einmal formatbedingt an die frühen Projektionskästen zurückerinnern.

Seit Ende der 1970er Jahre gewinnen die Ambienti mit großformatigen Objekten bzw. objekthaften Installationen nochmal eine andere Qualität. Nun sind es statt der ursprünglich raumschaffenden Projektionen aber architekturorientierte, auch farbig gestaltete und begehbare Objekte, Einbauten, Raumsegmente und Raumfolgen (Bariestesia, 1975), durch die die Betrachter geführt, zum Positionswechsel und Übersteigen oder Durchqueren aufgerufen wird. Durch sie verändern sich Raumstruktur und Raumwahrnehmung ebenso wie durch die fragilen mobilehaften Objekte, mit denen Colombo eine veränderte visuelle Raumerschließung auch in gegebenem Architekturkontext forciert (Spazio curvo, 1990).

Bereits 1959 kann Colombo seine Arbeiten in der von Piero Manzoni und Enrico Castellani geleiteten Galleria Azimut in Mailand ausstellen. 1960 und 1968 nimmt er an der Biennale di Venezia teil, ist 1968 auf der Documenta IV in Kassel vertreten. 1967 und 1973 beteiligt er sich im Rahmen des Festivals »steirischer herbst« an der Biennale trigon in Graz, 1971 wird ihm dort in der Neuen Galerie erstmalig eine umfangreiche Einzelausstellung gewidmet. In den letzten Jahren sind ColombosAmbienti in internationalen Einzelausstellungen (Neue Galerie Graz, 2008; Haus Konstruktiv Zürich, 2009), vor allem aber im Kontext von Themenausstellungen zur Lichtkunst und Kinetik, so u.a. 2004 im Palazzo delle Papesse in Siena, 2006 im ZKM Karlsruhe, dem Düsseldorfer Museum Kunst Palast oder auch in der Frankfurter Schirn Kunsthalle zu sehen.

Gianni Colombo stirbt 1993 in Mailand.

Literaturauswahl

Gianni Colombo Ambienti. Ausst.-Kat. Neue Galerie Graz am Landesmuseum Joanneum, hg. v. Chr. Steinle, Graz 2007

Colombo. Dispositivo dello spazio. Ausst.-Kat. Comune di Milano, hg. v. Marco Scotini, Mailand 2006

I Colombo: Joe Colombo 1930 — 1971, Gianni Colombo 1937 — 1993: Ausst.-Kat. Galleria d’Arte Moderna e Contemporanea Bergamo, hg. v. V. Fagone, Mailand 1995

Nouvelle Tendance: Ausst.-Kat. Musée des Arts Décoratifs, Paris 1964

Gianni Colombo. Kinetische Objekte, Strukturen, Räume: Ausst.-Kat. Städtisches Museum Leverkusen, Schloss Morsbroich, Leverkusen 1975

Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger

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