Franz Gertsch

Er ist auf der Documenta 5 mit dem Gemälde Medici vertreten – einem überlebensgroßen Gruppenportrait (400 × 600 cm), das als Ikone der 1970er Jahre gelten kann. Seit 1969 gestaltet Gertsch großformatige hyperrealistische Gemälde, die er in traditioneller Technik mit zum Teil selbst hergestellten Farben und Pinsel umsetzt.

Franz Gertsch wird 1930 in Möringen / Schweiz geboren. 1947 — 50 erhält er eine Ausbildung in der Berner Schule des Malers und Glasmalers Max von Mühlenen, 1950 — 52 setzt Gertsch seine Ausbildung bei Hans Schwarzenbach in Bern fort. Ende der 60er Jahre wird er durch seine großformatigen, realistischen Gemälde bekannt, auf der Documenta 5 im Jahr 1972 gewinnt Gertsch internationale Aufmerksamkeit. Er erhält verschiedene Stipendien, so 1967 in der Schweiz und 1974 — 75 in Berlin. 1976 übersiedelt Gertsch nach Rüschegg. Auf Initiative des Künstlers eröffnet 2002 das Museum Franz Gertsch im nordöstlich von Bern gelegenen Burgdorf.

Seit 1969 gestaltet Gertsch großformatige hyperrealistische Gemälde, die er in traditioneller Technik mit zum Teil selbst hergestellten Farben und Pinsel umsetzt. Als Orientierungspunkte und Vorlagen seiner Beschäftigung mit der Malerei dient ihm das Medium der Fotografie, die Fotovorlage oder das Diapositiv. In diesem Zusammenhang wird Gertsch auf der Documenta 5 wahrgenommen – jener legendären, von Harald Szeemann kuratierten Ausstellung, die sich unter dem Titel »Befragung der Realität – Bildwelten heute« auch den foto- und hyperrealistischen Tendenzen der v.a. nordamerikanischen Gegenwartskunst widmete. Gertsch ist dort mit dem Gemälde Medici (heute: Ludwig Forum für Internationale Kunst, Aachen) vertreten – einem überlebensgroßen Gruppenportrait (400 × 600 cm), das als Ikone der 1970er Jahre gelten kann.

Gertschs Bildgegenstände sind zunächst von situativen Familien- und Gruppenszenen, aber auch Landschaften bestimmt. Bekannt wird er vor allem auch als Chronist einer antibürgerlichen Jugendbewegung (Medici, 1972; Patti Smith, 1978 — 79). Doch lassen sich seine großformatigen Bilder nicht auf ihren trend- oder szeneorientierten Gegenstand reduzieren: Vielmehr geben sie sich als grundlegende konzeptuelle Reflexionen erkennen, die dem gemalten Bild jene »Glaubwürdigkeit« zurückgeben wollen, »die es seit dem 19. Jahrhundert durch die Fotografie verloren hat. (…) Die Möglichkeiten der Fotorealisten, die Fotografen zu übertrumpfen, sind die der Aufhebung der Brennweite (…), der Materialisierung und der Vergrößerung (Gertsch, Hucleux, Sarkisian). (…) Diese Gemälde sind mit allergrößtem Aufwand von handwerklicher Virtuosität und Zeit gemalt. (W. Becker, in: Ludwig Collection 1977, I).

Im Jahr 1986 gibt Gertsch die Malerei vorübergehend auf und wendet sich nun dem grafischen Genre zu, das er als Schüler der Berner Malerschule zunächst mit Linol- und Holzschnitten von Köpfen und Gesichtern, 1972 auch mit einem Mappenwerk (u.a. Lithographie Jean-Frederic Schnyder) verfolgt hatte. Mitte der 1980 Jahre ändern sich die Formate seiner grafischen Arbeiten. Gertsch beginnt, Bildnisköpfe in monumentalen, zum Teil über zwei Meter großen Holzschnitt-Formaten zu fassen und damit die Grenzen des papier- und drucktechnisch Umsetzbaren – nun auch auf grafischem Feld – auszuloten (Natascha, 1987/88; Doris, 1989). Es entstehen überdies zahlreiche Landschaften, so u.a. verschiedenfarbige Variationen von Schwarzwasser (1990ff.) oder auch Cima del Mar (1990), mit denen er sich grundlegenden Fragen des Bildes widmet. Hier fordert er durch die Verbindung von monochromer Farbfläche und fotografisch genauem Abbild den ›Dialog zwischen unterschiedlichen Gestaltungs- und Bildvorstellungen‹ heraus (Friedel, in: Ausst.-Kat. Gertsch Holzschnitte, 1991).

Die seit 1994 wieder entstehenden Gemälde Gertschs (Gräser I-IV, 1995 — 99; Silvia, 1997 — 98) knüpfen an die frühere Beschäftigung mit Porträt, den Landschaften und ›Gesichtslandschaften‹ an. Auch die inzwischen erarbeiteten grafischen Techniken finden hier ihren Niederschlag, doch werden sie nun weit mehr als zuvor von historischen Bezugnahmen bestimmt. Sowohl traditionelle Arbeitstechniken als auch kunsthistorisch-stilistische Orientierungspunkte, wie u.a. die Porträtmalerei und grafische Landschaftsdarstellung der Renaissance werden zu Inspirationsquellen. Dass die Bildvariationen nun auch teilweise in beiden Gattungen, Malerei und Grafik, angelegt werden (Silvia, 2001/02) verdeutlicht, dass Gertsch die formalen Eigenheiten der jeweiligen Bildtechniken herauszuarbeiten sucht.

Franz Gertschs Werke sind seit Anfang der 1970er Jahre auf zahlreichen internationalen Ausstellungen präsent, so u.a. 1972 im Kunstmuseum Luzern, 1974 im Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris, 1980 im Museum of Modern Art, New York und auf den Biennalen in Venedig (1978, 1999, 2003) wie 1997 in Lyon. Eine große Retrospektive findet 2005 im Museum Franz Gertsch und Kunstmuseum Bern statt. Das Museum Franz Gertsch wird 2002 in Burgdorf (CH) eröffnet.

Franz Gertsch lebt und arbeitet in Rüschegg, Schweiz.

Literaturhinweise

Franz Gertsch – Naturporträts. Holzschnitte und Gemälde 1986 — 2006: Ausst.-Kat. Albertina, Wien 2006

Franz Gertsch – Die Retrospektive: Ausst.-Kat. Kunsthalle Tübingen, Burgdorf/Bern u.a. 2005

Affentranger-Kirchrat, A.: Franz Gertsch. Die Magie des Realen, Zürich 2004

Franz Gertsch: Ausst.-Kat. Städt. Galerie im Lehnbachhaus, hg. v. H. Friedel, München 1991

Franz Gertsch: Ausst.-Kat. Kunsthaus Zürich, Zürich 1980

Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger

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