Ernst Ludwig Kirchner

»Es ist deshalb nicht richtig, meine Bilder mit dem Maßstab der naturgetreuen Richtigkeit zu beurteilen, denn sie sind keine Abbildungen bestimmter Dinge oder Wesen, sondern selbstständige Organismen aus Linien, Flächen und Farben, die Naturformen nur soweit enthalten, als sie als Schlüssel zum Verständnis notwendig sind. Meine Bilder sind Gleichnisse nicht Abbildungen. Formen und Farben sind nicht an sich schön, sondern die, welche durch seelisches Wollen hervorgebracht sind.« (zit. n.: Über Leben und Arbeit, in: Omnibus, Galerie Flechtheim 1931).

Ernst Ludwig Kirchner wird 1880 in Aschaffenburg geboren. Der Vater ist Papiertechniker und besetzt ab 1890 eine Professur für Papierwissenschaft in Chemnitz, wo die Familie nun ständig lebt, E.L. Kirchner seine Schulzeit absolviert und Zeichen- und Aquarellunterricht erhält. 1901 entsteht das erste, erhaltene Selbstbildnis als frontale Büste in Aquarelltechnik. Im gleichen Jahr beschließt Kirchner das Gymnasium und schreibt sich zunächst an der TU Dresden für ein Architekturstudium ein, das er mit der Diplomarbeit »Entwurf einer Friedhofsanlage« 1905 abschließt. Zwischenzeitlich besucht er 1903/04 die reformorientierte Kunstschule von Wilhelm von Debitzsch in München, an der Kirchner künstlerisch in Holz-, Keramik-, Stickerei- und Webereitechniken ausgebildet wird – ein gattungsübergreifender Ansatz, den Kirchner in seinem gesamten Werk verfolgt.

Seit Studientagen bereits mit Fritz Bleyl befreundet, trifft E.L. Kirchner in Dresden auch auf Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff. Sie gründen dort 1905 die Künstlergruppe Die Brücke. Nun wendet sich Kirchner neben der Malerei, die ebenso vom Jugendstil, Edvard Munch wie den Impressionisten geprägt ist, auch der Druckgrafik v.a. des Holzschnitts, der Radierung und Lithografie zu. Auch erste, kleine Steinskulpturen entstehen. 1906 schneidet Kirchner das Programm der Gruppe in Holzstöcke. Mit seiner dem Jugendstil verhafteten Schrifttype dokumentiert das Programm die Aufbruchsstimmung in der Gruppe: »Mit dem Glauben an Entwicklung an eine neue Generation der Schaffenden wie der Genießenden rufen wir alle Jugend zusammen (…)«. Die Welt der Varietés, Zirkusarenen und Bühnen bestimmt neben Akten und Porträts die Sujets Kirchners und seiner Brücke-Freunde. 1907 um den Schweizer Künstler Cuno Amiet, Emil Nolde und Max Pechstein erweitert, kann Die Brücke erstmals gemeinsam im Kunstsalon Richter in Dresden ausstellen. Im gleichen Jahr entsteht Kirchners erstes, expressiv gemaltes Selbstbildnis in seiner langen Reihe von Selbstdarstellungen in allen Techniken.

In den Jahren 1908/09 sieht E.L. Kirchner eine van Gogh-Ausstellung in Dresden und Matisse und Cézanne bei Paul Cassirer in Berlin. Die Eindrücke schlagen sich sofort in Farbauftrag und Kolorit seiner Bilder nieder. Der Farbauftrag wird reliefartig und pastos. Starkfarbige, komplementäre Akzente bestimmen Kolorit und Motiv. Die Akte – einzeln oder in Gruppen – zeigen dabei zwar noch jugendstilartigen Kontur, doch überwiegt nun starke Buntfarbigkeit. Ab 1908 verbringen die Brücke-Künstler die Sommerfrische auf der Ostseeinsel Fehmarn. Hier entstehen bei Kirchner arkadische Strandlandschaften mit Aktfiguren, die erkennbar von der gleichzeitigen Freikörperkulturbewegung gezeichnet sind. Mit den Badenden setzt sich Kirchner zugleich mit Cézannes Motivwelt auseinander. Einen Höhepunkt stellt das Gemälde Badende im Raum von 1906/08 dar, das er 1920 nochmals überarbeitet hat. In diesen Jahren gleichen sich zeitweilig Bild- und Figurenauffassung in der Aktdarstellung bei den Künstlern Kirchner, Heckel und Otto Müller stark an, wobei Kirchner der experimentierfreudigste Kolorist ist. Der ehemals auf- und abschwellende S-förmige Kontur ist nun zerrissen, gebrochen, eckig und kantig. Das Kolorit vereint warme und kalte Buntfarben im starken Kontrast. Die Farbfolgen der Komposition sind nun großflächiger. Kirchners Figuration, die Bewegungen der Tänzer und die Raumstrukturen gehorchen in gewissem Maß naturalistischen Vorgaben, wenngleich sich auch in den zeitgleichen Skulpturen bereits Anleihen bei der afrikanischen Kunst zeigen. Selbst formuliert er später: »Es ist deshalb nicht richtig, meine Bilder mit dem Maßstab der naturgetreuen Richtigkeit zu beurteilen, denn sie sind keine Abbildungen bestimmter Dinge oder Wesen, sondern selbstständige Organismen aus Linien, Flächen und Farben, die Naturformen nur soweit enthalten, als sie als Schlüssel zum Verständnis notwendig sind. Meine Bilder sind Gleichnisse nicht Abbildungen. Formen und Farben sind nicht an sich schön, sondern die, welche durch seelisches Wollen hervorgebracht sind.« (zit. n.: Über Leben und Arbeit, in: Omnibus, Galerie Flechtheim 1931).

Mit seinem Umzug nach Berlin im Jahr 1911 veröffentlicht Herwarth Walden in der Folge 10 seiner Zeitschrift »Der Sturm« Holzschnitte von Kirchner. Insgesamt wird nun Krichners Kolorit ruhiger, Mischfarben in tonaler Nachbarschaft ersetzen die Komplementärkontraste und lassen seine nun entstehenden Akte harmonischer und rhythmisierter erscheinen. In Berlin verändern sich die Sujets zu Nacht- und Großstadtmotiven, zugleich bleibt das Nachtleben mit Varieté, Zirkus und Kokottenmotiven interessant. Nun wird auch die Orientierung an afrikanischen Masken spürbar, die Vorbilder von Kirchners maskenhaft überschminkten Gesichtern abgeben. Eine lichtlose, trocken aufgetragene, eine wie aufgeraut erscheinende Kaltfarbigkeit beherrscht die Artisten-, Tanz- und Gesellschaftsszenen.

Mit der Teilnahme an der »Sonderbundausstellung« in Köln 1912 malt Kirchner zusammen mit Heckel eine Kapelle aus. Er sieht Skulpturen von Lehmbruck, was seinen Figurenstil fortan manieristisch elongiert und sich u.a. an den Akten Zwei Mädchen Fehmarn im Folgejahr zeigt. 1912 entsteht mit Nollendorfplatz auch eines der wesentlichen Berliner Stadtporträts Kirchners. Bei Kriegsausbruch 1914 – Die Brücke hat sich bereits aufgelöst – meldet sich Kirchner als Kriegsfreiwilliger. Bei seiner Rekrutenausbildung 1915 erleidet er einen Totalzusammenbruch, ein Aufenthalt in einem Sanatorium in Königstein i.T. finanziert von Museumsleuten und Sammlern schließt sich an. Von nun an kämpft Kirchner mit seiner Medikamentenabhängigkeit, zwei ausdrucksstarke Selbstporträts, Der Trinker und Selbstbildnis als Soldat, spiegeln Kirchners Befindlichkeit in jenen Jahren.

1917 nach Davos übersiedelt, lebt Kirchner zunächst betreut von Dr. Lucius Spengler und dessen Frau in der Rüeschhütte auf der Stafelalp und unternimmt bis 1921 immer wieder Entgiftungskuren. Seine darstellerischen Motive erweitern sich um Gebirgsmotive. Weiterhin entstehen Selbstbildnisse, die den eigenen psychischen Zustand thematisieren. Trotz der Zurückgezogenheit bleibt Kirchners Korrespondenz zu den Freunden und Sammlern, besonders mit Museumsleuten wie u.a. Erich Gosebruch, Karl Ernst Osthaus, Botho Graef und Carl Hagemann rege. In großen Kompositionen porträtiert er jetzt seine alpine Umgebung, mitunter in phantastischem Kolorit wie das Gemälde Die Berge, Weißfluh und Schafgrind von 1921 zeigt. 1926 reist Kirchner letztmals nach Deutschland, besucht in Frankfurt, Dresden und Berlin Freunde und Sammler, in Chemnitz seine Mutter. Langsam stellt sich für ihn Erfolg ein. 1924 bezieht er Bauernhaus in Frauenkrich-Waldboden bei Davos. Schon seit 1921 entwirft Kirchner szenische Stickereien, 1922/23 entwirft er Wandteppiche für die Webkünstlerin Lise Gujer. Einen letzten Wandel hin zur großflächig konturierten Figur und einem flacheren, ruhigeren Farbauftrag verdankt er seiner Auseinandersetzung mit Picassos Malerei dieser Jahre.

1933 wird eine Retrospektive in der Kunsthalle Bern gezeigt, die von der Kritik zwiespältig aufgenommen wird. 1937 ereilt natürlich auch Kirchners Kunst in Deutschland das Verdikt »entartet«. Erschöpft durch Krankheit und die politische Lage in Deutschland, erschießt sich Ernst Ludwig Kirchner am 15. Juni 1938 in seinem Haus in Waldboden. Posthum werden seine Werke, die seit der Nachkriegszeit in zahlreichen Ausstellungen gezeigt werden und Teil vieler Museumssammlungen werden, auf der Documenta I-III (1955, 1959, 1964) gezeigt. 1992 eröffnet das Kirchner-Museum in Davos.

Literaturauswahl

Ernst Ludwig Kirchner: Ausst.-Kat. Museum der Moderne, hg. v. T. Stoss, Salzburg/ Köln 2009

Bildteppiche von Ernst Ludwig Kirchner und Lise Gujer. Ein Werkkatalog der Entwürfe: Ausst.-Kat. Bündner Kunstmuseum, hg. v. B. Stutzer, Chur/ Zürich 2009

Der neue Stil. Ernst Ludwig Kirchners Spätstil: Ausst.-Kat. Lyonel-Feininger-Galerie, Kirchner-Museum, Davos u.a.O., hg. v. B. Eggin u. K. Schick, Leipzig 2008

Ernst Ludwig Kirchner und die Kunst Kameruns: Ausst.-Kat. Museum Rietberg u.a.O., hg. v. A. Langer, Zürich 2008

Ernst Ludwig Kirchner 1880 — 1980: Ausst.-Kat. Nationalgalerie Berlin, Haus der Kunst München u.a.O., hg. v. L. Grisebach, Berlin 1980

Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014

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