Dmitrij Aleksandrovic Prigov

Die Sprache und ihre medialen Ausdrucksformen werden zum wichtigsten künstlerischen Mittel Dimitrij Prigovs, dessen umfangreiches Oeuvre neben Arbeiten konkreter Poesie auch klassische künstlerische Genres wie Zeichnung und Skulptur, Performances, Installationen und Videokunst umfasst. Mit seinen ideologiekritischen Arbeiten gehört er zu den Mitbegründern des sogenannten Moskauer Konzeptualismus der 1970er Jahre.

Der Poet und Künstler Dimitrij Prigov wird 1940 in Moskau geboren. Nach seinem Studium an der Bildhauerabteilung des Moskauer Stroganov-Instituts für Kunst und Design (1959 — 1966) arbeitet er bis 1974 als Architekt und Bildhauer, schreibt Gedichte, Dramen, Romane und nimmt an musikalischen Performances teil. 1975 wird er Mitglied der Künstlerunion der UdSSR, 1989 Mitglied von KLAVA (Klub der Avantgardisten).

Die Sprache und ihre medialen Ausdrucksformen werden zum wichtigsten künstlerischen Mittel Dimitrij Prigovs, dessen umfangreiches Oeuvre neben Arbeiten konkreter Poesie auch klassische künstlerische Genres wie Zeichnung und Skulptur, Performances, Installationen und Videokunst umfasst. Mit seinen ideologiekritischen Arbeiten gehört er zu den Mitbegründern des sogenannten Moskauer Konzeptualismus der 1970er Jahre. Neben Ilja Kabakov und Viktor Pivovarov gehören dieser vom Dissenz mit der offiziellen Politik geprägten Gruppierung auch die Autoren Vladimir Sorokin und Lev Rubinstejn an. Die Künstler agieren außerhalb des öffentlichen Ausstellungsbetriebes. Sie arbeiten mit Mitteln der Ironisierung und Verfremdung alltäglicher Sehgewohnheiten, massenmedialer Propagandakultur und nehmen sich überdies die Ikonen westlichen und sowjetischen Bildungskanons vor. Vor allem Prigovs poetisches Werk kursiert während der kommunistischen Ära über nichtoffizielle Kanäle im Selbstverlag, dem sogen. »Samisdat«.

Hauptcharakteristika seines konzeptuellen Werkes Prigovs werden die Paradoxien, die zwischen einer offiziellen, pathetisch-sakralen Medienkultur und den alltäglichen, kurzlebigen Formen ihrer kollektiven Wahrnehmung entstehen. Die Zeitung als alltägliches Massen-Medium kommentiert er in Übermalungen und Überschreibungen mit Tinte (Korruption 1987, Breschnew 1987, Serben 1995). Vor allem jedoch in Installationen der beginnenden 1990er Jahre wird sie neben dem Motiv des Auges zu seinen bevorzugten Materialien (Schneeraum 1991; Winter, Russische Reise 1994). Dokumentarischen Wert und Sinnverlust zugleich, das Dilemma der politischen Tagespresse, fasst Prigov folgendermaßen: »Stellen wir uns ein leeres Zimmer vor, in dem überall Zeitungen herumliegen (…), die plastisch und dicht den ganzen Boden bedecken wie Hügel und Täler, eingemummt vom kühlen russischen Schnee inmitten der großen geschwungenen Weite der seufzenden Erde. Oh, wie kurz ist doch die Lebensfrist einer Zeitung! Fünf Minuten vor dem Durchlesen ist sie ersehnt, übersehnt, wie eine geliebte Frau, doch nach fünf Minuten des Durchlesens ist sie – Müll! Staub! Nichts! Aas! Fabelwesen! Und diese schwächlichen Gebilde können Massen bewegen, das Volk in Blut tauchen und ein Erdbeben von Begeisterung und Jubel hervorrufen.« (Prigov, in: Ausst.-Kat. Sowjetische Kunst um 1990, Düsseldorf 1991)

Ein weiteres Medium künstlerischer Intervention wird dem Künstler die Darstellung des Auges: Dessen kontrollierender Blick wird in den Installationen als Bildikone genutzt, aber auch in Arbeiten verwendet, die sich westlichen Altmeistern der Kunst wie Caspar David Friedrich (Paar,1992) oder Pieter Brueghel (Kugel, 1992) widmen. Hier manifestiert sich Prigovs Vorstellung von der Präsenz kulturgeschichtlicher Tradition und ihrer pathetischen Fortführung in der Gegenwart: »So wächst das Vergangene und weit Zurückliegende in kaum begreiflicher Weise herüber in die Gegenwart. Und durch die schnurrbärtigen Gesichter der Kriegshelden, durch die hohen Stirnen unserer Zeitgenossen, durch die Zeitungskarikaturen hindurch schimmern die ewig währenden Bilder der Retter und Nährer von Heimat und Vaterland, der Märtyrer für Volk und Wahrheit, der ›Unsrigen‹ und ›unserer Feinde‹. Und der aufmerksam Hörende erkennt in den Losungen und Aufrufen, im Festtagsjubel und im Straßengezänk die Archetypen von Beschwörungen, Ekstasen, Kultgesängen usw., deren Struktur bildendes Pathos unsere Gegenwart unverfälscht und unerschütterlich durchdringen.« (Prigov, Der Milizionär und die anderen, Stuttgart 1992, 7). Seit Beginn der 1990er Jahre nutzt Prigov vermehrt auch die Fotografie, vornehmlich in seriellen Arbeiten, in denen jedoch weiterhin jeweils die Zeichnung als Korrektiv auftritt (Deutschland, 1994).

Im Jahr 1987 sind Werke Prigovs auf der Documenta zu sehen, ab 1989 erhält er erste Einzelausstellungen in der Struve Gallery in Chicago und in der St. Louis Gallery of Contemporary Art. 1990 führt ihn ein DAAD-Stipendium nach Berlin. Im Rahmen von größeren Gruppenausstellungen werden Prigovs Arbeiten bereits 1989 in der Aachener Neuen Galerie Sammlung Ludwig, 1991 in der Kunsthalle Düsseldorf einem größeren Publikum vorgestellt. Weitere Einzelausstellungen folgen, so 1994 im Russischen Staatsmuseum in St. Petersburg, 1995 im Städtischen Museum Mühlheim an der Ruhr. Es folgen Ausstellungen in der ifa Galerie Berlin 1999 und 2008, posthum, im Moskauer Museum Moderner Kunst. 2008 werden Prigovs Werke auch in einer umfassenden Ausstellung zur Moskauer Konzeptkunst in der Schirn Kunsthalle Frankfurt gezeigt.

Dimitrij Prigov stirbt 2007 in Moskau.

Literaturauswahl

Die totale Aufklärung, Moskauer Konzeptkunst 1960 — 1990: Ausst.-Kat. Schirn Kunsthalle Frankfurt u.a., hg. v. M. Hollein u. M. Fontán del Junco. Ostfildern 2008

Dmitrij Prigow. Arbeiten 1975 — 1995: Ausst.-Kat. Städtisches Museum Mülheim an der Ruhr u.a., Mülheim 1995

Sowjetische Kunst um 1990: Ausst.-Kat. Städtische Kunsthalle Düsseldorf, hg. v. J. Harten, Köln 1991

Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Foto: Tobias Roch, Hagen

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