Constantin Brancusi

Er sucht und findet nicht nur klare, minimale, oft ovoide, dem Ei gleichende Formen, sondern ist über Jahre an deren materialtechnisch und Ausdruck steigernde Bearbeitung interessiert. Constantin Brancousis Formreduzierung im Zusammenklang mit seinen langwierig behandelten Oberflächen, mit denen er die dem Material gerechte Spannung und Ausdrucksanmutung erstellt, haben meditativen Charakter in Bezug auf Volumen und Raum sowie auf Bewegung und Ruhe.

Constantin Brancusi wird am 19. Februar 1876 in Pestisani Gorj in Rumänien geboren. Nach seiner dortigen Schulzeit 1884 — 87 arbeitet er zunächst handwerklich. 1895 besucht er bis 1898 die Kunstgewerbeschule in Craiova und wird im gleichen Jahr an der Akademie in Bukarest aufgenommen, an der er sein Studium der Bildhauerei 1902 mit einem Diplom abschließt. 1904 verlässt Brancusi Rumänien und gelangt zu Fuß über Wien, München, Basel und Zürich am 14. Juli in Paris an. Ein Jahr studiert Brancusi an der École des Beaux-Arts und trifft anlässlich seiner Teilnahme am Salon d’Automne Auguste Rodin, der sich lobend über seine Arbeiten äußert. Brancusi steht zu dieser Zeit noch unter dem Einfluss des Jugendstils, dessen harmonische Kurvigkeit seine Skulpturen lebenslang prägen. 1906 und 1907, er hat jetzt bis 1916 ein Atelier am Montparnasse in der Nachbarschaft des amerikanischen Fotographen Ewald Steichen, setzt sich Brancusi mit der Bildhauerei Rodins auseinander. Seine erste abstrakte Skulptur, die 1908 entstandene Arbeit Le Baiser / Der Kuss huldigt im Titel noch Rodin, ist jedoch formal beeinflusst vom Kubismus, von prähistorischen Skulpturen, von afrikanischen Masken und Brancusis Suche nach einfachsten und zugleich spannungsreichsten Volumenformen. Der Kuss entsteht in den folgenden Jahren in 14 Variationen. Auch das ist ein Grundmotiv in Brancusis Werk – er sucht und findet nicht nur klare, minimale, oft ovoide, dem Ei gleichende Formen, sondern ist über Jahre an deren materialtechnisch und Ausdruck steigernde Bearbeitung interessiert.
In der Pariser Avantgarde ist Brancusi u.a. durch seine Bekanntschaften mit Leger und Duchamp fest verankert. Mit Amadeo Modigliani, der ihn 1909 in Livorno porträtiert, verbindet ihn eine besondere Freundschaft. 1913 hat Brancusi seine erste Ausstellung im Salon des Indépendants in Paris und ist zugleich mit fünf Werken auf der Armory Show in New York vertreten. Dort findet er auch mäzenatische Sammler.

Brancusis Formreduzierung im Zusammenklang mit seinen langwierig behandelten Oberflächen, mit denen er die dem Material gerechte Spannung und Ausdrucksanmutung erstellt, haben meditativen Charakter in Bezug auf Volumen und Raum sowie auf Bewegung und Ruhe. Oft vergoldet oder poliert Brancusi die Oberflächen, so dass seine Objekte stark spiegelnden Charakter haben. In den polierten Oberflächen erscheint der Betrachter selbst konkav oder konvex verzerrt und bestimmt so den Ruhe- oder Bewegungscharakter der Skulpturen mit. Der Künstler arbeitet gleichrangig in den Materialien Marmor, Holz, Bronze oder anderen Metallen, letztlich auch mit Gips.

Den I. Weltkrieg verbringt Brancusi in der französischen Provinz. In den 1930er Jahren reflektiert er diesen Krieg mit einem dreiteiligen Mahnmal in seiner Heimat Rumänien. In Tirgu Jiu entsteht das Tor des Kusses und wird über den Tisch des Schweigens schließlich in den Entwurf für Die endlose Säule – eine mehr als 30 Meter hohe Aneinanderreihung gleicher Polyeder – überführt. Ebenfalls in den 30er Jahren bereist Brancusi die USA, Europa, Ägypten und Indien. Zentrale Themen behandelt er u.a. in den Skulpturen La Muse endormie / Die schlafende Muse (erste Version 1909/10) und L’Oiseau dans l’espace / Vogel im Raum, 1923 40, mit denen er sich in vielen Variationen mit der dynamischen Eleganz des Vogelflugs auseinandersetzt. Es ist kennzeichnend für Brancusi, mit der erdlastenden Bildhauerei Formen für Phänomene zu finden, die beispielsweise mit dem Fliegen scheinbar die Gravitation überwinden. Das Leichte mit Schwerem darzustellen, und mit dem Polieren der Oberflächen die pure Materialmasse in Lichträumlichkeit zu transformieren, stellt den paradoxalen Kern von Brancusis Skulpturen dar.

Nach dem II. Weltkrieg zeigt 1955 das Guggenheim-Museum in New York eine große Retrospektive. 1956 übereignet Brancusi seine Skulpturen und sein Atelier dem französischen Staat. Heute ist Brancusis Atelier partiell im Centre Pompidou zu sehen. Posthum werden die Werke Brancusis auf der Documenta II (1959) und III (1964) gezeigt. Bis heute werden ihm zahlreiche internationale Ausstellungen – so 1999 im The National Museum of Art of Romania in Bukarest, 2004 in der Londoner Tate Modern und im Solomon R. Guggenheim Museum in N.Y. oder 2005 in der Peggy Guggenheim Collection Venedig gewidmet.

Am 16. März 1957 stirbt Constantin Brancusi in Paris.

Literaturauswahl

Cabanne, P.: Brancusi, Paris 2006

Bach, F.T.: Constantin Brancusi – Metamorphosen plastischer Form, 3. Aufl. Köln 2004

Constantin Brancusi: The Essence of Things: Ausst.-Kat. Tate Gallery London, hg. v. C. Ciménez, M. Gale, London 2004

Grigorescu, D.: Brancusi und die moderne Kunst, dt. Fass. H. Liebhardt, München 2003

Brancusi als Fotograf. Ein Bildhauer fotografiert sein Werk. Die Schenkung Carola Giedion-Welcker im Kunsthaus Zürich, hg. v. E. Billeter, Bern 1996

Klein, I.: Brancusi. Natur, Struktur, Skulptur, Architektur, 2 Bde., Köln 1995

Constantin Brancusi – Plastiken, Zeichnungen: Ausst.-Kat. Wilhelm-Lehmbruck-Museum, Duisburg 1976

Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Foto: Tobias Roch, Hagen

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