Blinky Palermo

Ausgehend von anfänglichen Figurenbildern, Köpfen und Porträts in meist geschlossenen Bildräumen nähert sich Palermo schon während der Studienzeit grundsätzlichen Fragen der bildräumlichen Gliederung und mit ihnen dem Verhältnis von Farben und angeschnittenen Formen, die zunehmend auch den Bildträger und die physische Qualität des Bildes tangieren. Den illusionistischen Bildraum lässt Palermo hinter sich.

Blinky Palermo wird 1943 als Peter Schwarze in Leipzig geboren und noch im gleichen Jahr gemeinsam mit seinem Bruder von Erika und Wilhelm Heisterkamp adoptiert. 1952 siedelt die Familie in den Westen nach Münster über. Peter Heisterkamp besucht in Burgsteinfurt das Gymnasium und absolviert 1961 die Aufnahmeprüfung für die Werkkunstschule in Münster, an der er Grafik und Bildhauerei belegt. 1962 nimmt er das Studium der »freien Malerei« an der Düsseldorfer Kunstakademie in der Klasse von Bruno Goller auf, wechselt 1964 jedoch bis zum Examen in die Klasse von Joseph Beuys. An der Düsseldorfer Akademie erhält Heisterkamp, der hier u.a. Sigmar Polke, Gerhard Richter, Imi Knoebel und Anatol Herzfeld kennen lernt, von letzterem auch den Namen »Blinky Palermo«, der an den gleichnamigen Mafioso erinnert und den Palermo ab 1964 als Pseudonym beibehält. Ein erster Ausstellungserfolg stellt sich schon während des Studiums ein, als Palermo unter seinem neuen Namen in der Düsseldorfer Galerie Schmela ausstellt. Er wird 1966 Beuys’ Meisterschüler, erhält noch im gleichen Jahr eine Einzelausstellung in der Münchner Galerie Friedrich & Dahlem, die nun seine Förderer werden.

Nach dem Studium arbeitet Palermo 1967 als Barkeeper im frisch gegründeten Düsseldorfer Künstlerlokal »Creamcheese«, für das u.a. Günther Uecker und Heinz Mack Entwürfe geliefert hatten. Nach wechselnden Jobs und temporärer Arbeit bei Imi Knoebel und Gerhard Richter erhält Palermo 1969 auf Vermittlung des dortigen Museumsdirektors, Johannes Cladders, ein Atelier in Mönchengladbach, das er jedoch erst zwei Jahre später in Ateliergemeinschaft mit Imi Knoebel, dann Ulrich Rückriem nutzt. Zunächst unternimmt Palermo 1970 mit Gerhard Richter, mit dem er in dieser Zeit auch zusammenarbeitet, eine Reise nach New York, auf der sie u.a. Robert Ryman und James Rosenquist kennenlernen, sich in Ausstellungen mit den Positionen von abstraktem Expressionismus und Minimal Art auseinander setzen. Gemeinsame Projekte und Ausstellungen der beiden Künstler folgen ebenso wie Palermos Vertrag mit der Galerie, durch den sich seine finanzielle Situation wesentlich ändert. Bereits die Teilnahme an Harald Szeemanns Documenta V im folgenden Jahr markiert hier eine deutliche Wende. Eine erneute USA-Reise Palermos mit seiner Frau Kristin schließt sich an, der Künstler zieht 1973 jedoch alleine nach New York. Hier entstehen, nach anfänglichen Schwierigkeiten Palermos, schließlich 1974 dem Besuch Imi Knoebels und einer gemeinsamen Rundreise durch die USA, Metallbilder, Objekte und Zeichnungen. Nach verschiedenen Zwischenstationen kehrt Palermo 1976 nach Düsseldorf zurück und übernimmt Richters Atelierräume..

Ausgehend von den anfänglichen Figurenbildern, Köpfen und Porträts in meist geschlossenen Bildräumen nähert sich Palermo schon während der Studienzeit grundsätzlichen Fragen der bildräumlichen Gliederung und mit ihnen dem Verhältnis von Farben und angeschnittenen Formen, die zunehmend auch den Bildträger und die physische Qualität des Bildes tangieren. Den illusionistischen Bildraum lässt Palermo hinter sich. In der ersten Hälfte der 1960er Jahre arbeitet er mit Fundstücken, farbig markierten Stäben, Latten (Grünes T, 1966) oder mit Leinwand oder bzw. Nessel bespannten Holzbrettern, deren Bemalung mit Öl- oder Acrylfarbe unmittelbar auf die jeweilige Objektform Bezug nimmt (Grünes Viereck, 1966).
Palermos experimentell angelegte künstlerische Arbeit konzentriert sich nach wie vor auf die Relationen von Farbe und Form – prototypisch verstandene Verbindungen, die er in einer Grafikmappe demgemäß betitelt (Vier Prototypen, 1970). Seine Arbeiten zwischen 1962 und 1977 zeigen »ein Spektrum auf, das vom Interesse am Malerischen ebenso geprägt ist wie vom Zusammendenken elementarer Kategorien von Raum, Bild und Zeit.« (Gross/ Küper/ Müller, in: Ausst.-Kat. KH Düsseldorf, Köln 2007, 29).

Palermo ist ebenso an der sinnlich wahrnehmbaren malerischen Erscheinung interessiert wie er zunehmend die Objekthaftigkeit des Bildes – durch die Wahl von textilem Material oder das In-Eins-Setzen von Farbe und Werkstück – erschließt. Zwischen 1966 und 1972 entstehen die etwa vierzig Stoffbilder, die Bild und Objekt engführen: Die Farbe wird nun nicht mehr aufgetragen, sondern durch das Material der durchgefärbten, zusammengenähten und auf Keilrahmen gespannten Stoffbahnen selbst eingebracht. Auch jenseits klassischer malerischer Medien bleibt das Verhältnis einer einzelnen Farbe oder auch die Relation zweier oder dreier ungleich großer Farbbahnen zur Außenform des Bildes und ortsspezifischen Umgebung wichtiger Untersuchungsgegenstand. Bei den mehrteiligen Bildern, für die Palermo exakte Hängungsvorgaben macht, erweitert sich der Bildträger auf die umgebende Wandfläche. Mit austarierten Bildreihungen und Konstellationen wird die Gesamtwirkung und Interaktion mehrerer Werke im Raum ebenso intendiert wie mit den in New York begonnenen Metallbildern auf Aluminium- und Stahlplatten, unter denen die Gruppe To the People of New York City die umfangreichste Serie darstellt. Hier aber wird die Farbe in zahlreichen Schichten auf die metallenen Bildträger aufgetragen, die Platte selbst scheinbar schwebend an der Wand montiert. Sie werden damit in einen neuen Raumzusammenhang gestellt, ein Aspekt, der sich gleichermaßen in den Titeln der Arbeiten – so Coney Island oder Wooster Street, aber auch in der präzisen Abstimmung auf die lokalen Lichtverhältnisse äußert.

Folgerichtig widmet sich Palermo bis etwa 1973 auch der Wandmalerei. In Wohnhäusern, Galerien, Ausstellungshallen und Museen entstehen meist temporäre Wandarbeiten und Installationen – so beispielsweise 1970 in der Düsseldorfer Galerie Fischer, dann im Rahmen der legendären Installation in der Kölner Galerie Friedrich 1971, in der Palermos Wandmalerei durch zwei Porträtbüsten Richters ergänzt ist, oder auch 1973 in der Hamburger Kunsthalle auf Raum teilenden Wänden. Bei diesen Werken, die großteils nicht erhalten geblieben, wohl aber teils in Fotografien dokumentiert sind, werden Ausstellungsformat, Farb-/ Objekt-Raumbezug und Raumgliederungen zu bestimmenden Merkmalen. In diesen sorgsam konzipierten Raumarbeiten beziehen sich nun Farbformen dialogisch auf vorhandenes Formrepertoire, architektonische und innenarchitektonische Gegebenheiten.

Neben den Bildern, Objekten und Installationen entstehen eine Vielzahl an grafischen Arbeiten Palermos, Zeichnungen, Aquarelle, Gouachen, Monotypien und Druckgrafik, die er jeweils im Ausstellungskontext separiert, bisweilen aber auch in dialogische Relation zu anderen Werkgruppen setzt. 1972 ist Palermo auf der Documenta V vertreten, im Folgejahr zeigt er im Städt. Museum Mönchengladbach ausschließlich Objekte, 1974 im Kunstraum München nur Zeichnungen, dann 1975 Druckgrafik im Museum Leverkusen. 1975 vertritt er mit seinen Metallbildern und gemeinsam mit Georg Baselitz und Sigmar Polke Deutschland auf der XIII. Biennale von Sao Paulo.

Unerwartet stirbt Blinky Palermo 1977 während einer Urlaubsreise auf der Malediven-Insel Kurumba. Seitdem widmen sich umfangreiche Ausstellungen und Retrospektiven einzelnen Werkgruppen und dem gesamten Spektrum seiner künstlerischen Arbeit – so u.a. 1977 im Krefelder Haus Lange, 1984 im Kunstmuseum Winterthur, 1993 im Kunstmuseum Bonn, 2007 in der Kunsthalle Düsseldorf.

Literaturauswahl

Palermo: Ausst.-Kat. Kunsthalle Düsseldorf und Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, hg. v. S. Küper, U. Groos, V. Joan Müller, Köln 2007

Blinky Palermo. Ausst.-Kat. Hessisches Landesmuseum, Darmstadt 2006

Blinky Palermo: Ausst.-Kat. Museum der Bildenden Künste Leipzig; Kunstraum München, hg. v. H. Guratsch, Ostfildern-Ruit 1993

Schwenk, B.: Palermo, Blinky, in: Neue Deutsche Biographie (NDB), Bd. 20, Berlin 2001, 10 f.

Moeller, Th. (Hg.): Palermo. Werkverzeichnis, 2 Bde., dt./engl., Köln 1995

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Foto: Tobias Roch, Hagen

Zu Sammlung hinzufügen…

×
×
×

Liebe Besucherinnen und Besucher,

seit 2006 gibt die museumsplattform nrw einen umfassenden Einblick in die Sammlungen und Aktivitäten ausgewählter NRW-Museen – und regt damit zugleich auch ein neues Publikum zum Museumsbesuch an. Monatlich 13.000 Besucher*innen belegen das Interesse an diesem einzigartigen Instrument zum interaktiven und kommunikativen Umgang mit Kunst im Netz.

Ein intensiv gepflegter und konstant ausgebauter Newsbereich mit Hinweisen zu Ausstellungen und Veranstaltungen oder Features aus der Kunstszene NRWs gehört ebenfalls dazu. 2013 erhielt die bereits seit zehn Jahren aktive Online-Plattform den bedeutenden Grimme Online Award.

Für den Ausbau dieses Online-Angebots sind wir auf den dauerhaften Beteiligungswillen der Museen angewiesen. Auch wenn die aktive Ausgestaltung derzeit nicht erfolgen kann, laden wir Sie doch herzlich ein, unser breites Angebot zum interaktiven und kreativen Umgang mit der Bildenden Kunst und ihren vielfältigen Formen medialer Vermittlung spielerisch zu erkunden.

Ihr NRW KULTURsekretariat