Ben Vautier

1963 gründet Vautier nach einem Konzertabend George Maciunas in Nizza das »Théâtre Total« – es ist der Beginn provokanter Zerstörungsaktionen von Pianos, von Musikaufführungen und raumbezogener Aktionen. 1969 organisiert er das erste Internationale Festival of Non-Art, Anti-Art und gewinnt zunehmend auch international an Renommee.

Ben Vautier wird am 18. Juli 1935 in Neapel geboren. Die Familie lebt ab 1939 in der Türkei und lässt sich nach Aufenthalt in verschiedenen Ländern – Ägypten, Italien, Schweiz – schließlich 1949 in Nizza nieder. Dort besucht Vautier die Schule, arbeitet schießlich in einer Buchhandlung als Fensterputzer und Laufbursche. 1955 begegnet Vautier dort Yves Klein.

Ab 1958 betreibt Vautier einen kleinen Laden für Schallplatten, Bücher und Schreibwaren in Nizza, bald einen Schallplattenladen, der ebenso zum Mittelpunkt seiner künstlerischen Aktivitäten wie zur Galerie wird und schon wegen seiner mit einer Vielzahl von Objekten und Schreibschriftkommentaren überzogenen Fassade und Inneneinrichtung Aufsehen erregt. Bald ist der Laden Treffpunkt junger Kreativer in der Region. Hier verfasst Vautier einen langen Brief an Daniel Spoerri, in dem er seine »Theorie des Neuen und Allmöglichen in der Kunst« (Ausst.-Kat. 2001) entwickelt, und der ihm später als Manuskript seiner ersten Zeitschriftenausgabe dient.

Angeregt durch Yves Klein, Marcel Duchamp und die Nouveaux Réalistes entwickelt Vautier einen an Dada angelehnten künstlerischen Stil, der sich auf die Kombination einer Vielzahl von Einzelobjekten wie die Synthese verschiedener künstlerischer Gattungen gründet. Dem geschriebenen Wort kommt in seinen Arbeiten ein besonderer Stellenwert zu. In Anlehnung an die »Readymades« Duchamps entstehen zusammengefügte Objekte, die auch an die Maschinen Jean Tinguelys erinnern. Sie weisen bereits jenes elementare »Material« Wort und die typischen Beschriftungen auf, mit denen Vautier in greller Schreibschrift später Anweisungen und Erklärungen gibt, und die zu seinem Markenzeichen werden: »Ich suche die Wahrheit«, »Ben ist wichtiger als niemand« oder »Alles ist Kunst« sind Beispiele für die plakativen, ebenso skurrilen wie programmatischen, selbstbewusst-egozentrischen Erklärungen des Künstlers »Ben«. Von der Idee getragen, die Künstlersignatur bewirke die Signifikanz eines Werkes, signiert Vautier aktionsartig alles, »was er nicht ist« (Ausst.-Kat. 2001) – Gegenstände, auch die Werke anderer Künstler oder auch seinen eigenen Körper, um 1962 schließlich kategorisch zu erklären, nun nichts mehr signieren zu wollen.

1959 gründet Vautier die Zeitschrift »Ben Dieu«, im folgenden Jahr findet im sogenannten »Laboratoire 32« im ersten Stock seines Geschäftes die erste Einzelausstellung »Rien et tout« statt. In makabrer Weise wird in der Zeitung mit einer fingierten, »Ben est mort« betitelten Todesanzeige für die Ausstellung geworben, während das post scriptum darauf verweist, dass das Plattengeschäft weiterhin geöffnet ist.

1962 tritt Vautier auf Initiative von George Maciunas der Fluxus-Bewegung bei, gehört bis 1970 zu den führenden Mitgliedern der Fluxus-Bewegung. Er arbeitet an Happenings und Performances, Schriftbildern und Signaturen, theoretischen Schriften (Lettres à Daniel Spoerri, 1962) und eigenen Ausstellungsprojekten (Gallery One, London, 1962) und präsentiert sich und seine Arbeiten auf den internationalen Fluxus-Festivals. Bereits elementarer Bestandteil der Bewegung, avanciert Vautier zugleich zum Mentor der jungen »Figuration libre«, der er 1981 in dem anlässlich einer Ausstellung Hervé di Rosas und Robert Combas in »Flash Art« erschienenen Artikel ihren Namen gibt. 1963 gründet Vautier nach einem Konzertabend George Maciunas in Nizza das »Théâtre Total« – es ist der Beginn provokanter Zerstörungsaktionen von Pianos, von Musikaufführungen (Nam June Paik) und raumbezogener Aktionen. Bald beteiligt sich Vautier an den ersten Happenings in Frankreich, u.a. mit einer »Publikumsbeobachtungsaktion« in seinem Stück »Public« auf dem »Festival de la Libre Expression« 1964, inszeniert aber auch eigene Aktionen an der Schwelle von Happening und Ausstellung. 1969 organisiert er das erste Internationale Festival of Non-Art, Anti-Art und gewinnt zunehmend auch international an Renommee.

1972 ist Vautier auf der Documenta 5 (Kunst ist überflüssig) und anderen internationalen Ausstellungen vertreten. Im gleichen Jahr gibt er seinen Laden in Nizza auf, der 1975 durch das Pariser Centre Pompidou angekauft und dessen Fassade 1994 dort ausgestellt wird. Vautier beschließt, sich von nun an nur noch der Kunst zu widmen und bestätigt dies 1973 mit der Dekonstruktion des Bildes – einer aus 176 Schildern bestehenden Arbeit, die alles enthalten soll, was Malerei ist.

In den 80er Jahren arbeitet Vautier vornehmlich an Acrylbildern, in die er sowohl Schrift wie Comic-Elemente aufnimmt. Zweifelnd steht er der Kunst gegenüber, kündigt immer wieder das Ende seiner künstlerischen Arbeit an. Er wendet sich zugleich früheren Interessen zu: In einer Buchpublikation plädiert er für eine multi-ethnische Welt (»Die erste ethnische Internationale«, 1986). Dennoch arbeitet er auch in den 80er Jahren künstlerisch weiter, richtet im Rahmen verschiedener Ausstellungen Räume ein (u.a. »Wie bei mir«, 1987; »Sous le soleil exactement«, 1988).

Die folgenden Jahre werden durch verschiedenartige Werkgruppen bestimmt: Weiterhin in Nizza lebend, entwickelt Vautier etwa die Serie der Totems (ab 1988), Skulpturen, die sich aus unterschiedlichen, zu Pfählen montierten Gebrauchsgegenständen zusammensetzen oder Materialassemblagen von vogelähnlicher Gestalt, die Oiseaux (ab 1991). Aber auch Kompilationen aus früheren, seit den 1960er Jahren entwickelten Ben-Objekten mit Beschriftungen und auf verschiedene Bildträger montiert, entstehen. 1990 ist Vautier mit einer Fluxus-Wand auf der Biennale präsent. Die künstlerische Arbeit wird weiterhin von kritischen Kommentaren und Veröffentlichungen in seiner Zeitschrift begleitet, die sich u.a. 1990 auf den Golfkrieg oder auch das Elitedenken der Pariser Intellektuellen beziehen. Auch neue Buchpublikationen (»L’Ethnisme de A à Z«, 1991) entstehen neben kritischen Ausstellungsprojekten, mit denen sich Vautier auch auf den Imperialismus der Busch-Ära bezieht. Seit 1996 nutzt er auch das Internet zur Publikation seiner Werke, Statements und Texte.

Ben Vautier lebt in Nizza.

Literaturauswahl

Ben Vautier – ist das Nichts wichtig?: Ausst.-Kat. Staatl. Museum Schwerin, Museum Ludwig Koblenz, hg. v. Kornelia Berswordt-Wallrabe, Schwerin 2001

Ben Vautier: Ausst.-Kat. Neues Museum Weserburg, Bremen 1998

Ben Vautier, Les Citations: Ausst.-Kat. Musée National d’Art Moderne, Centre Georges Pompidou, Paris 1991

Ben Vautier, zu viel Kunst: Ausst.-Kat. Städtische Galerie, hg. v. K.M. Fischer, Erlangen 1985/87

s. auch: www.ben-vautier.com

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