Beate Passow

(Ent-) Kontextualisierung und Gegenbild dienen gleichermaßen der kritischen Kommentierung wie Mahnung gegen das Vergessen – der »Gegenwartsbewältigung«, wie Passow sagt (1995), und eben nicht der Vergangenheitsbewältigung.?Passows Fotografien und Fotoserien betreiben ein Spiel medialer Ver-rückung und Verzerrung.

Beate Passow wird 1945 in Stadtoldendorf/ Niedersachsen geboren. Sie besucht 1969 — 75 die Akademie der Bildenden Künste in München, studiert dort bei Mac Zimmermann Malerei und erhält anschließend verschiedene Arbeitsstipendien in München, Bonn, Paris, Budapest und Stuttgart. An Gruppenausstellungen ist Passow seit Ende der 1980er Jahre beteiligt (»Bezugspunkte 38/88«, Steirischer Herbst, Graz,1988), Einzelausstellungen finden seit 1990 u.a. in der Städtischen Galerie im Lenbachhaus, Kunstforum München, im Museum am Ostwall Dortmund und Haus der Kunst München (1995), im Schindlerhaus MAK, Center for Art and Architecture Los Angeles (1999) oder im Jüdischen Museum Wien (2005) statt.

Passows überwiegend im Medium der Fotografie angelegte oder durch sie vermittelte Arbeiten lassen zentrale Themen erkennen: Seit ihrer ersten Arbeit im öffentlichen Raum – dem vergoldeten Hochsitz gegenüber dem Münchner Prinz-Carl-Palais, »von dem aus man im übertragenen Sinn auf den passionierten Jäger Franz-Josef Strauß ›zielen‹ konnte« (Passow 1995) – beschäftigt die Künstlerin sich mit der Präsenz kollektiver Zeichen, kultureller Codes und den Symbolen der Erinnerung im öffentlichen Raum. Ihre fotografischen Werke und Installationen widmen sich kulturellen Phänomenen, aber auch der Erinnerung an Nationalsozialismus und Völkervernichtung, an Auschwitz und Krieg. Das Projekt Wunden der Erinnerung, das Passow 1993 — 1995 gemeinsam mit Andreas von Weizsäcker in sieben europäischen Ländern durchführt, kennzeichnet ihr Anliegen der »Spurensuche«: Diese gilt dem Erhalt jener zum Teil unscheinbaren Markierungen, die sich als Hinweise auf die Vergangenheit erhalten haben: durchschossene Bücher eines Stadtarchivs in Tschechien, Einschusslöcher an einem Eisenbahnbrückenkopf in den Niederlanden, Bombensplitter in Bäumen in Belgien. Auch mit der Fotoarbeit Zähler = Nenner (1995 — 98), die Nummerntätowierungen auf den Armen der letzten Überlebenden des KZ Auschwitz in Serie erfasst, trägt Passow Spuren der NS Zeit zusammen. In ihrer seriellen Anordnung formieren sich diese Zeichen zu einer zugleich irritierenden wie bedrückenden Formation der Gewalt. (Ent-) Kontextualisierung und Gegenbild dienen gleichermaßen der kritischen Kommentierung wie Mahnung gegen das Vergessen – der »Gegenwartsbewältigung«, wie Passow sagt (1995), und eben nicht der Vergangenheitsbewältigung.

Passows Fotografien und Fotoserien betreiben ein Spiel medialer Ver-rückung und Verzerrung, das von der Installation ausgeht. Beispielsweise der 1993 in einer Münchner Geschäftshausvitrine ausgestellte KZ-Häftlingsanzug mit Preisangabe stellt nicht nur eine provokante Form der Auseinandersetzung mit dem Verblassen der Einnerung dar. Dem Ausblenden aus dem Bewusstsein begegnet Passow mit der medialen Fehlpräsentation, der Absurdität einer Zur-Schau-Stellung im öffentlichen Raum und im kommerziellen Kontext. Die Fotoserien zeugen von vergleichbaren medialen Strategien: Die fotografisch vermittelten Installationen, in denen Passow beispielweise mit eingefrorenen Büchern eine subtile Anspielung auf Zensur und Bücherverbrennung macht (Quelle Privileg, 1999) oder sich auch mit aktuellen Formen des Faschismus auseinandersetzt, arbeiten mit verschiedenen Realitätsebenen. Eng miteinander verbunden, schaffen sie absurde Bildkonstellationen: White Pride von 2000 erreicht dies durch die Konfrontation des Privaten – der Fotografie eines einladend geöffneten Spinds eines offenkundig faschistischen Parteimitglieds – mit dem Öffentlichen – der dokumentarfilmisch anmutenden Fotocollage von Arno Brekers bis in die 1980er Jahre entstehenden Portraitsbüsten seiner Anhänger im Hintergrund. Auch Bildserien wie Bundesbrüder von 2001 erzielen ihre ebenso absurde wie treffende Wirkung durch die Konfrontation verschiedener Bildrealitäten in der Fotografie: Die Serie erfasst die mit Augenschutz und Säbel posierende Mitglieder schlagender Verbindungen als Allegorien traditioneller Berufsgruppen – Kaufmann, Arzt, Richter etc. Vor den bildfüllenden Hintergründen der auf den Kopf gestellten Blätter eines Totentanzes Holbeins wird die Absurdität der Gegenwart gleich mehrfach im historischen Rückbezug desavouiert.

In den letzten Jahren weicht das Interesse an deutscher Geschichte und Gegenwart stärker gesellschaftspolitischen Themenfeldern in internationaler Perspektive:Lotuslillies – Maos Erbinnen (2000) erfasst in dokumentarischer Weise die letzten, in der südchinesischen Provinz Yunnan lebenden Frauen, deren Füße gemäß historischem Schönheitsideal bandagiert verkleinert wurden. Passows Fotoserien fokussieren, so beispielsweise unter dem Titel Mode und Bewusstsein (2006), auch kulturell konnotierte Verschleierungstaktiken im öffentlichen Raum, in Deutschland: Burka-Trägerinnen auf Motorrad, in Kirche oder Cafe.

Beate Passow lebt und arbeitet in München.

Literaturauswahl

Beate Passow, Miles and More: Ausst.-Kat. Städtische Galerie Erlangen im Museumswinkel, hg. v. H. Weskott, München/ Erlangen u.a. 2006

Beate Passow – Lotuslilies: Ausst.-Kat. Städtische Kunstsammlungen Augsburg u.a., Heidelberg 2003

Beate Passow / Andreas v. Weiszäcker: Wunden der Erinnerung, ein europäisches Projekt, hg. vom Institut für Moderne Kunst, Nürnberg 1995

Beate Passow – Verzweigte Zeit: Ausst.-Kat. Museum am Ostwall, hg. v. R. Pahlke, Dortmund 1995

Beate Passow, Arteigen: Ausst.-Kat. Stadtmuseum München, Städtische Galerie Cham, München 1994

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger

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