Antoni Tàpies

Auf sehr großen Formaten verteilt Antoni Tapiés ein Form- Farbrelief, oft mit einer Wulstform umfasst, das im Sinne von naturalistischer Wand- und Putzalterung mit Graffiti, Zeichen, die in die Farbmasse gekratzt und geschabt sind, strukturiert ist. Entweder mit Kreidezeichen – oft das Kreuz – oder mit collagierten Alltagsgegenständen (u.a. Hemden, Socken, Geldscheinen, Schnüren) pointiert und komplettiert er seine Materialbilder.

Antoni Tàpies wird am 13. Dezember 1923 in Barcelona geboren. Er absolviert dort von 1926 bis 1931 die Deutsche Schule und das Gymnasium der Piaristen. 1934 setzen erste Zeichen- und Malversuche ein, angeregt durch das Kunstmagazin »D’Ací i D’Alla«, das Tàpies mit der zeitgenössischen Kunst, besonders der Metropole Paris bekannt macht. In der Zeit des spanischen Bürgerkrieges, sein Vater ist aktiv im katalanischen Regionalparlament, beginnt Tàpies als Autodidakt konsequent zu zeichnen und zu malen. Er vertieft diese Studien während eines 2-jährigen Sanatoriumsaufenthalts 1940/42 mit Kopien nach Porträts von van Gogh und Picasso. Er wendet sich der Lektüre von Thomas Mann, Heinrich Wölfflin, Ibsen, Nietzsche und Oswald Spengler zu. In der Musik entwickelt er seine Vorliebe für die Komponisten der Romantik. Trotz dieses kunst- und geistesgeschichtlichen Selbststudiums beginnt Tàpies 1943 ein Jurastudium in Barcelona, das er 1946 abbricht. Daneben ist er 1944 für zwei Monate Kunststudent der Academia Nolase-Valls.

1945 entstehen erste collagierte Bilder, wobei Tàpies orientiert an Max Ernst, Joan Miró aber auch Dubuffet und Fautrier, sowohl mit Grattagen arbeitet, als auch seiner Farbe Materialien (Erde) beimischt und einfache Gebrauchsmaterialien wie Schnüre, alte Zeitungsausrisse und geknülltes Klopapier montiert. Die Reliefstrukturen der Bilder von Tàpies reflektieren per se den Aspekt des Räumlichen. So sind bereits die ersten Werke Farb- und Materialreliefs von brauner, beigefarbener, erdig gebundener Tonalität, die naturalistische Formen (Physiognomien, Vogelkörper u. a.) und symbolische Zeichen (Kreuz- und Sternkreuzzeichen) aufweisen. 1947 nimmt Tàpies an der Ausstellung des Oktober-Salons in Barcelona teil und gründet 1948 mit befreundeten Malern und Literaten die Gruppe »Dau al Set«, die auch ein gleichnamiges Magazin publiziert. Besonders befreundet ist er mit dem Lyriker dieser Gruppe – Joan Brosse. Tàpies porträtiert ihn naturalistisch als Halbfigur vor dunklem Grund. Er arbeitet 20 Jahre an diesem Gemälde (1950 — 1970), so trägt es markante Spuren seiner künstlerischen Entwicklung. Jedoch wird das Bild Brossas auch von einem collagierten Schwamm überlagert, Körpermitte und Kopf des Gezeigten sind dagegen mit expressiv gestischen Kreidestrichen und –wischungen versehen. Neben Brossas Kopf erscheint ein für Tàpies typisches Zeichenrudiment, das als multiplizierendes X-Zeichen ebenso Hinweis auf mathematischen Formelschatz wie zugleich Kürzel eines Kreuzes lesbar ist. Der obere Rand wird flankiert von den in Kreide geschriebenen Jahreszahlen »1950 — 1970«.

Nach einer kurzen Reflektionsphase, in der sich Tàpies dem Surrealismus zuwendet, manifestiert sich 1950 in seiner ersten Einzelausstellung in Barcelona sein eigentlicher Stil. Auf sehr großen Formaten verteilt er ein Form- Farbrelief, oft mit einer Wulstform umfasst, das im Sinne von naturalistischer Wand- und Putzalterung mit Graffiti, Zeichen, die in die Farbmasse gekratzt und geschabt sind, strukturiert ist. Entweder mit Kreidezeichen – oft das Kreuz – oder mit collagierten Alltagsgegenständen (u.a. Hemden, Socken, Geldscheinen, Schnüren) pointiert und komplettiert er seine Materialbilder. Die Materialreliefbilder, mit ihrer kontemplativ-meditativen Farbgestalt, die scheinbar oft mühsam durch die Formatränder in ihrer Form gehalten werden, erzeugen eine sonore Monumentalität der Farbaussage und –wirkung.

1951 lebt Tàpies mit einem Stipendium für ein Jahr in Paris und lernt dort Picasso, Braque und Dalí kennen. Er veröffentlicht erste Theorien zu seiner Kunst, die seine Verwurzelung gleichermaßen in fernöstlicher Philosophie wie dem zeitgenössischen Existentialismus zeigen. Ab 1952, mit seiner Teilnahme an der Biennale in Venedig, wächst in jährlicher Ausstellungskontinuität seine internationale Anerkennung: New York, Chicago 1953, Düsseldorf 1957, spanischer Pavillon der Biennale 1958. Ein Jahr darauf erscheint eine erste Monographie von Michel Tapié über ihn, dazwischen finden immer wieder Werkschauen in Barcelona und Paris statt. Der Architekt Josep Antoni Coderch entwirft und baut 1963 für Tàpies das Atelier- und Wohnhaus in der Calle Zaragoza, Nr. 57 in Barcelona, in dem der Künstler nun ständig lebt und arbeitet. Über Tàpies Arbeit werden Filme gedreht (1967 Ralf Wuhlin/ schwed. Fernsehen, 1969 Clovis Prevost/ Maeght-Foundation). Mehrfach auf der Kasseler Documenta vertreten (II, 1959; III, 1964; IV, 1968 und VI, 1977), hat er dort 1964 einen kompletten Raum zur Verfügung. Seit dem Bürgerkrieg polititsch engagiert, gehört Tàpies zu den Gegnern Frankos und wird 1966 bei einer Versammlung von Antifrankisten verhaftet.

1970 wendet Tàpies sich der Skulptur zu. Zeichnungen, Druckgrafik, besonders Lithografien nehmen ebenso weiterhin einen Teil seiner Arbeit ein wie die kunsttheoretischen Schriften, unter denen »La pràtica de l’art« von 1970 und »L’art contra l’estetica von 1974 von besonderer Bedeutung sind. Tàpies Werke, die Farbe zum Träger gegenständlichen Ausdrucks machen und in ihrer schieren Maßstäblichkeit monumental sind, tragen in sich immer einen meditativen Stilllebencharakter zeitgemäßer Ästhetik und erstellen so eine Spiritualisierung der künstlerischen Materie.

Antoni Tàpies stirbt am 06. Februar 2012 in Barcelona.

Literaturauswahl

Die Skulptur der Maler. Malerei und Plastik im Dialog: Ausst.-Kat. Stiftung Frieder Burda, Baden-Baden, hg. v. J.L. Prat u.a., Ostfildern-Ruit 2008

Antoni Tàpies. Zeichen und Materie: Ausst.-Kat. Stiftung Schloß Moyland, hg. v. R. Manheim u. B. Catoir, Bedburg-Hau 2007

Tàpies: Ausst.-Kat. Hôtel des Arts Toulon, Toulon 2006

Tápies in Perspektive: Ausst.-Kat. Museu d’Art Contemporani Barcelona, hg. v. M. Dávila, Barcelona 2004

Tàpies. Werke auf Papier 1943 — 2003: Ausst.-Kat. Kunsthalle Emden, hg. v. A. Sommer u. A. Franzke, Emden 2003

Kliege, M.: Funktionen des Betrachters: Modelle der Partizipation bei Joseph beuys und Antoni Tàpies, München 1999

Catoir, B.: Gespräche mit Antoni Tàpies, München 1997

Antoni Tàpies. Bilder, Skulpturen, Zeichnungen 1981 — 1997: Ausst.-Kat. Kestner-Gesellschaft, hg. v. B. Catoir, Hannover 1997

Franzke, A.: Tàpies, München 1992

 

Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014

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