Andy Warhol

»Maschinen haben weniger Probleme, ich möchte eine Maschine sein« lautete Warhols an Marcel Duchamp angelehnte Devise, mit der der Pop Künstler den Ausstieg aus der Kunst erklärt.

Andy Warhol alias Andrej Warhola wird 1928 als Sohn tschechoslowakischer Einwanderer in Pittsburgh geboren. 1945 nimmt er das Studium des Design am Carnegie Institute of Technology in Pittsburgh auf. Nach dem Abschluss 1949 übersiedelt er nach New York und ändert seinen Namen. Dort arbeitet er freiberuflich als Grafiker und Illustrator für Zeitschriften und Magazine wie u.a. »Life«, »Vogue« oder »Harper’s Bazaar«, erhält in den Folgejahren verschiedene Design-Preise. 1953 — 55 ist er als Bühnenbildner für ein Zimmertheater tätig, das Dennis Vaughan leitet. Nach der Rückkehr von einer Weltreise entstehen 1960 in New York die ersten Gemälde mit Pop-Motiven, Coca Cola-Flaschen, Comic-Figuren, 1962 gefolgt von den ersten Dollarnoten- und Suppendosen-Bildern, ersten Star-Darstellungen und der Katastrophenserie.

Im Gegensatz zu Claes Oldenburg oder Roy Lichtenstein integriert Andy Warhol von Beginn an seine künstlerische Arbeit der Pop Art in das kommerzielle Umfeld, auf das sich auch seine Motive beziehen: Die Bildwelt der Werbung und Populärkultur, Hollywoodstars, Comic- und Cartoon-Motive, wie Micky Maus oder Superman in der grellen Reklamefarbgebung bestimmen Warhols Zeichnungen, bald die Siebdrucke in Auflage, mit denen er sich distanziert Gebrauchsgegenständen, Produkten und Bildvorlagen aus den Massenmedien zuwendet. Seine Techniken und künstlerischen Methoden – die Nahsicht, starke Form- und Farbkontraste, schematische Formvereinfachung oder der serielle Motiv- wie Bildcharakter – stellen eine enge Verbindung zum früheren Werbegenre her.

»Do it yourself« – das auch als Bildtitel verwendete Motto (Do it yourself (Beach), 1962) mag Warhols Bildstrategie für »jedermann«, seine Anlehnung an Ausmalbücher ebenso andeuten wie Mona Lisa, 30 are better than one, eine 30-fach vervielfältigte Postkarte von 1963. In ironischem Ton greift er hier ein zentrales Thema und Prinzip seiner Arbeit auf: das Spannungsfeld zwischen Original und Reproduktion, die Reproduzierbarkeit und Medialität der Kunst – Themen, die er auch mit seinen Unfall-Bildern (u.a. Plane crash, 1962) behandelt. Ähnlich verfährt Warhol mit seinen bald als Pop Art-Ikonen rezipierten Bildern der Hollywood-Filmstars Marilyn Monroe, Elvis etc., aber auch mit den zum Teil seriell angelegten und erstmalig 1962 in der Ferus-Gallery in Los Angeles präsentierten Bildern der Campbells’s Soup Cans, die die Waren- bzw. Produktwelt des Alltags in mindestens 86 Tafelbildvarianten verstärkt ins Zentrum rücken. Warhol stellt die künstlerische Produktion in Abrede – die zur Ware mutierte Kunst produziert sich seinem Verständnis nach selbst, der Künstler wird obsolet. »Maschinen haben weniger Probleme, ich möchte eine Maschine sein« lautet Warhols an Marcel Duchamp angelehnte Devise, mit der der Pop Künstler den Ausstieg aus der Kunst erklärt.

1963 bezieht Warhol sein legendäres zweites Atelier, die »Factory« in Manhattan, das gleichermaßen zum Treffpunkt wie zur Experimentalbühne der New Yorker Kunst- und Musikszene wird. Hier entstehen 1964 die legendären Brillo Boxes, mit denen Warhol seine Auseinandersetzung mit Produkten und Waren in den Objekt-Bereich erweitert. Mit Film- und Polaroidkamera erfasst er in der »Factory« systematisch die Besucher, dokumentiert das Geschehen im Atelier. Zahlreiche Video- und Filmarbeiten und die mit seinem Assistenten Gerard Malanga und dem Fotografen Billy Name konzipierten Spielfilme entstehen. Die wegen ihrer Realitätszitate mit Ready-mades verglichenen Arbeiten erweitern das Spektrum künstlerischer Ausdrucksweisen erheblich und geben wichtige Impulse gleich für eine Reihe bild-, film- und medienkünstlerischer Verfahren: Der statische auf Personen und Gegenstände gerichtete Kamerablick der oft schnittlosen, die Perspektive der heutigen Webcams vorwegnehmenden Videos (Sleep, 1963; Eat, 1964; Empire, 1964), aber auch voyeuristische Momente in Produktionen wie Blow Job, von 1964 oder The Chelsea Girls, 1967 und absurde Handlungsabläufe und Dialoge in den gemeinsamen Filmarbeiten mit Drehbuchautor Ronald Tavel kennzeichnen diesen Werkabschnitt. Lightshows u.a. für die Gruppe »Velvet Underground«, multimediale Shows (Exploding Plastik Inevitable, 1966), die Herausgeberschaft seiner Zeitschrift Inter/VIEW (1969) oder die Arbeit als Theaterautor (Pork, 1971) zählen überdies zu den multimedialen Arbeitsfeldern Warhols in dieser Zeit.

Als 1968 ein Attentat auf Warhol verübt wird, bei er schwer verletzt wird, enden seine Regiearbeiten schlagartig. Er wendet sich stärker dem Tafelbild zu, nimmt Porträtaufträge an (Peter Ludwig, 1980; Hubert Burda, 1983) und betätigt sich als Gesellschafts- und Reportagefotograf. Mit verschiedenen Aufträgen z.B. aus der Automobilindustrie (BMW M1 Art Car, 1979), als Gast in Werbe- und Fernsehproduktionen, dem eigenen »Andy Warhol Television«, der Gestaltung von Plattencovern (z.B. für Diana Ross, »Silk Electric«, 1982; Aretha Franklin, »Aretha«, 1986) oder auch seiner Zeitschrift knüpft Warhol wieder stärker an frühere Strategien der Werbung an. Äußerst erfolgreich vermarktet er sich und seine Werke in den 70er und 80er Jahren, worin die Kunstkritik bisweilen eine Trivialisierung oder Verflachung der ehedem kritischen Auseinandersetzung mit Populärkultur und Mediengebrauch sieht und mit Warhols Rückzug aus der Kunstszene zusammenbringt.
Warhols künstlerische Zusammenarbeit, v.a. mit Vertretern der jüngeren Künstlergeneration wie Keith Haring, Jean-Michel Basquiat und Francisco Clemente in den 1980er Jahren geht z.T. auf Anregung des Galeristen Bruno Bischofsberger zurück, der die gemeinsame Präsentation der Künstler strategisch plant. Doch entsteht mit den »Collaborations« zugleich eine figurative Malerei, die einerseits durch die Synthese der künstlerischen Techniken, Handschriften und gegenseitige Kommentierungen, andererseits durch den gemeinschaftlichen Herstellungsprozess an die frühere Ausrichtung von Warhols Arbeit anknüpft und erneut am Originalitätsanspruch des Künstlers rüttelt. So entstehen in den 80er Jahren knapp 100 Gemeinschaftsarbeiten (Ten Punching Bags, 1985 — 86), die Firmenlogos, Zeitungstexte und Werbemotive aufgreifen und diese in wechselnder Reihenfolge kommentieren.

Warhols Werke finden über Ausstellungen enorme Verbreitung: Ausgehend von Galerien-Ausstellungen in New York in den 1950er und 60er Jahren (Bodley Gallery, Leo Castelli, Ileana Sonnabend) werden sie seit Mitte der 60er Jahre im Rahmen von Museumsausstellungen international gezeigt, sind 1968 im Moderna Museet in Stockholm, 1971 in der Tate Galery in London, 1980 im Stedelijk Museum Amsterdam präsent. Auf der Biennale in Venedig ist Warhol mit Unterbrechung zwischen 1968 — 1995 vertreten, an der Documenta nimmt er 1968, 1977 und 1982 teil. In jüngerer Zeit werden Warhols Werke u.a. 2004 im Düsseldorfer Museum Kunst Palast oder im Kunstmuseum St. Gallen, 2007 in der Albertina in Wien gezeigt.

Andy Warhol stirbt 1987 in New York City.

Literaturauswahl

Kuhl, I.: Living Art, Andy Warhol, München 2007

Warhol, A.: Die Philosophie des Andy Warhol von A bis B und zurück, Frankfurt/M. 2006

Goldsmith, Kenneth (Hg.):Interviews mit Andy Warhol / [Hrsg.]. Andy Warhol. Kippenheim-Schmieheim 2005

Andy Warhol. Das Spätwerk: Ausst.-Kat. Museum Kunst Palast, hg. von Mark Francis, München u.a. 2004

Andy Warhol, Prints. A Catalogue Raisonné, hg. v. F. Feldman u. C. Defendi, 4. Auflage, München 2003

The Andy Warhol Catalogue Raisonné 1948 — 1987, hg. v. G. Frei u. N. Printz, London 2002

Andy Warhol. The Last Supper: Ausst.-Kat. Staatsgalerie Moderner Kunst, München 1998

Feldman, F.; Schellmann, J. (Hg.), Andy Warhol. Prints: Ausst.-Kat. New York 1997

Andy Warhol. Retrospektive: Ausst.-Kat. Deichtorhallen Hamburg, hg. v. Z. Felix, Stuttgart 1993

Coplans, J.; Baudrillard, J.: Andy Warhol. Silkscreens from the Sixties, München 1990

Andy Warhol. Cars. Die letzten Bilder: Ausst.-Kat. Kunstmuseum Bern, hg. v. W. Spies, Stuttgart 1990

Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014 Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum

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