Alexej von Jawlensky

1909 gründet Jawlensky zusammen mit Kandinsky, Werefkin, Münter, Kubin und Adolf Erbslöh die »Neue Künstlervereinigung München«. Immer wieder widmet er sich neben den Porträts der Landschaftsmalerei, so auch 1911 bei seinem Besuch in Prerow, wo er selbst äußert: »(…) Ich malte dort in sehr starken, glühenden Farben, absolut nicht naturalistisch und stofflich (…). Dies war eine Wendung in meiner Kunst.«

Alexej von Jawlensky wird am 13. März 1864 in Terschok im russischen Gouvernement Twer geboren. Er ist das vierte von sechs Kindern. Jawlenskys Kindheit ist bis ins Jahr 1881, bedingt durch die Position des Vaters als Oberst beim Militär bestimmt durch dessen zahlreiche Versetzungen und die jährlichen Sommeraufenthalte auf dem Familiengut Kuzlowo. Im Jahr 1874 übersiedelt die Mutter mit den Kindern nach Moskau, um ihnen eine standesgemäße Ausbildung zu gewähren. Alle Söhne sind für die Militärlaufbahn bestimmt, die auch Alexej 1881 mit Eintritt in die Moskauer Kadettenschule aufnimmt. Doch besucht Jawlensky 1882 die »Allrussische Industrie- und Kunstausstellung« und ist begeistert von der dort gezeigten Malerei. Ständige Besuche der Tretjakow-Galerie folgen. Dort kopiert und schult sich selbst im Zeichnen soweit, dass er in der Schule auffällt. 1885 wechselt Jawlensky in die dritte Alexander-Militärlehranstalt und hält zugleich Kontakt zum Maler Nikolaj Rackov, bei dem er ein Zimmer mietet und durch den er auch die Brüder Botkin kennen lernt, die Jawlenskys Interesse an der zeitgenössischen russischen und europäischen Kunst, besonders der französischen Moderne wecken.

Um seine militärische und künstlerische Ausbildung zu vereinen, betreibt Jawlensky seine Versetzung nach St. Petersburg, was ihm 1890 gelingt. Er besteht die Aufnahmeprüfung der dortigen Akademie und beginnt in der »Kopfklasse« nach Antikenabgüssen zu zeichnen. Zunehmend befreundet sich Jawlensky mit zeitgleich in St. Peterburg arbeitenden Malern, darunter Ilja Repin, der ihn 1892 mit der bereits arrivierten Malerin Marianne von Werefkin (1860 — 1938) bekannt macht. Jawlensky und Werefkin pflegen von da an einen mehr als 30 Jahre währenden künstlerischen Austausch. Den Sommer 1895 verbringt er mit ihr auf dem Gut Blagodat ihres Vaters. Dort trifft er auch Helene Werefkin (1881 — 1965), die ihn lebenslang als Geliebte und Modell und als Mutter seines 1902 geborenen Sohnes begleitet. 1896 reicht Jawlensky, begründet mit gesundheitlichen Schwierigkeiten, bei Zar Nikolai III. sein Entlassungsgesuch ein, dessen Erfolg Jawlenskys vollständige Hinwendung zur Malerei ermöglicht.

Im Herbst 1896 übersiedelt er nach München. Auch Werefkin und Werefkin besuchen hier die Mal- und Zeichenschule von Anton Azbé, Jawlensky lernt dort 1897 auch Wassily Kandinsky kennen, dem er lebenslang verbunden ist. Nahezu jährlich reist Jawlensky zu seiner Familie nach Russland und kann seine Malerei präsentieren. 1899 beendet er seine Studien und gründet selbst eine Malschule in München. In diesen Jahren entstehen farbharmonische Stillleben, deren Malweise von Azbé und Lenbach beeinflusst ist. In München trifft er auch Alfred Kubin.

1902 treten figurale Kompositionen in den Vordergrund, zu denen Helene und deren Schwester Modell stehen. 1903 auf einer Europareise mit Werefkin, besucht Jawlensky erstmals Paris. Die Sommer verbringt Jawlensky in den oberbayerischen Alpen, wo nun auch Landschaften entstehen. Im Pavillon de Russe im Pariser Salon d’Automne ist Jawlensky 1905 und 1906 mit Gemälden vertreten. Koloristisch und kompositorisch orientiert sich Jawlensky an den in Paris gesehenen Werken von Paul Cézanne, Paul Gauguin, Vincent van Gogh und Henri Matisse. Für seine typischen schwarzen Konturen ist das Werk von Georges Rouault entscheidend, mit dem er sich intensiv auseinander setzt. Seine tonale Malerei geht nun über in einen stark farbigen, expressiven Farbauftrag, die Formen bleiben einfach. Seit 1907 malt Jawlensky auch gemeinsam mit seinem Sohn Andreas, doch bleibt er den Abstraktionen Kandinskys oder den russischen Suprematisten fern.

In Murnau kommt es 1908 zu einer losen Zusammenarbeit der Künstlerpaare Kandinsky/ Münter und Jawlensky/ Werefkin. Jawlenskys Kolorit verlässt sukzessive die sachbezeichnende Bindung an das reale Objekts und gewinnt – ähnlich Nolde und Klee, die er bei Veranstaltungen des Blauen Reiters kennen lernt – zunehmend symbolische Qualitäten. 1909 gründet Jawlensky zusammen mit Kandinsky, Werefkin, Münter, Kubin und Adolf Erbslöh die »Neue Künstlervereinigung München«.Immer wieder widmet er sich neben den Porträts der Landschaftsmalerei, so auch 1911 bei seinem Besuch in Prerow, wo er selbst äußert: »(…) Ich malte dort in sehr starken, glühenden Farben, absolut nicht naturalistisch und stofflich (…). Dies war eine Wendung in meiner Kunst.«

1913 ist Jawlensky auf der von Herwarth Walden organisierten Futuristen- und Expressionistenausstellung in Budapest und Lemberg (Lwow/ Ukraine) mit 41 Gemälden vertreten. 1914 sehen sich Werefkin und Jawlensky wegen des Kriegsausbruches zur Emigration gezwungen und übersiedeln nach St. Prex am Genfer See, wo erneut Landschaften entstehen. Jawlensky lernt dort den Anthroposophen und Kunsttheoretiker Rudolf Steiner, aber auch Künstler wie Ferdinand Hodler, Hans Arp, Hugo Ball, Wilhelm Lehmbruck und den Verleger und Galeristen Paul Cassirer kennen. Ab 1917 beschäftigt sich Jawlensky mit Serien seiner Abstrakten Köpfe. Diese Folgen von Farbmasken stellen sein vielfach variiertes Spätwerk und gleichsam Markenzeichen dar, deren markante holzschnittartige schwarze Balken den Buntfarbenauftrag rahmen. Die psychologische Wirkdimension der Abstrakten Köpfe ist kennzeichnend. Sie pendelt je nach gewählter Farbkomposition vom schläfrig Kühlen bis zum hitzig Erregten. Mit Ausnahme der Heilandsgesichter stellen die abstrakten und konstruktiven Köpfe meditative Variationen eines weiblichen Gesichts dar. Erst mit fortschreitender Krankheit Jawlenskys, die schließlich zur Unbeweglichkeit führt, werden diese auch von der außereuropäischen Kunst inspirierten Maskengesichter von geraden Pinselzügen dominiert und oft weit vom Blatt- oder Bildrand beschnitten.

1921 trennen sich Werefkin und Jawlensky endgültig. Er lässt sich in Wiesbaden nieder, heiratet dort Helene Nesnakomoff. Die Malerin, Kunsthändlerin und Sammlerin Emmy Galka Scheyer, die Jawlensky 1916 in Lausanne kennen gelernt hatte, nimmt nun die Geschicke der Künstler in die Hand. Sie vereint die Künstler Jawlensky, Kandinsky, Klee und Feininger zur »Blauen Vier« und lanciert Ausstellungen und Verkäufe besonders in den USA. Mit den ab 1927 krankheitsbedingt wachsenden finanziellen Problemen Jawlenskys geht auch sein Rückzug aus der Öffentlichkeit einher. Die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 führt überdies zum Ausstellungsverbot für Jawlensky, der ab 1937 von den Machthabern als »entartet« diffamiert wird. Unterstützt durch die Wiesbadener Kunstgewerblerin Lisa Kümmel entstehen noch abstrakte Gesichter, die der Künstler als seine Meditationen bezeichnet. Kümmel notiert nach Diktat auch Jawlenskys Lebenserinnerungen und erledigt seine Korrespondenz in dieser Zeit. Auch die Wiesbadener Bildhauerin und Kunsthändlerin Hanna Bekker vom Rath, die 1929 die »Vereinigung der Freunde der Kunst von Alexej Jawlensky« gründet, hilft dem Künstler in der heiklen finanziellen Situation.

Seit 1938 ans Bett gefesselt, stirbt Jawlensky am 15. März 1941 in Wiesbaden. Seit 1988 erforscht das Alexej-von-Jawlenksy-Archiv in Lorcarno sein Werk.

Literaturauswahl

1908 — 2008: vor 100 Jahren: Kandinsky, Münter, Jawlensky, Werefkin in Murnau: Ausst.-Kat. Schloßmuseum Murnau, bearb. v. B. Salmen, Murnau 2008

Alexej von Jawlensky: Heilandsgesicht, Ruhendes Licht 1921: Ausst.-Kat. Museum Wiesbaden, hg. v. J. Daur u. V. Rattemeyer, Berlin 2006

Fäthke, B.: Der Held vom Kabuki-Theater: Jawlenskys Vorbilder kamen aus Japan, in: Weltkunst 76, 2006, 5, 16 — 18

Devat’jarova, J., Z.: Alexej von Jawlensky in Russland: Quellen: Moskau, St. Petersburg, in: Bild und Wissenschaft, 2, 2005, 55 — 69

Fäthke, B.: Jawlensky und seine Weggefährten in neuem Licht, München 2004

Belgin, T.: Alexej von Jawlensky, Eine Künstlerbiographie, Heidelberg 1998

Alexej von Jawlensky zum 50. Todesjahr, Gemälde und graphische Arbeiten: Ausst.-Kat. Museum Wiesbaden 1991

Alexej Jawlensky 1864 — 1941: Ausst.-Kat. Städtische Galerie im Lenbachhaus, München 1983

www. jawlensky.ch

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