Alexander Calder

Duchamp, selbst mit sich bewegenden Ready-Mades beschäftigt, tauft Alexander Calders bewegte Konstruktionen Mobiles. Taktil bewegt oder durch den Luftzug in Bewegung gesetzt, schafft Calder eine neue Kunstkategorie, die den dreidimensionalen Bewegungsraum und kinetische Energie sowie Zeit und Raum thematisiert.

Alexander Calder wird am 22. Juli 1898 in Lawton, Pennsylvania geboren. Großvater und Vater sind regional bekannte Bildhauer. 1915 beginnt Calder ein Maschinenbaustudium am Stevens Institute in Hoboken, New Jersey, das er 1919 mit Diplom abschließt. In den folgenden vier Jahren arbeitet Calder als technischer Zeichner, Ingenieur und berichtet und skizziert Sport- und Zirkusereignisse für die Zeitschrift National Police Gazette. In dieser Zeit entstehen auch erste Landschaftsbilder. 1923 beginnt er für zwei Jahre ein Kunststudium an der Arts Students League in New York, dort erscheint 1925/26 sein Skizzenbuch Animal Sketching.

1926 übersiedelt Calder nach Paris, nimmt ein Atelier und besucht bis 1927 die Académie de la Grande Chaumiere. Er pflegt lebenslang eine Freundschaft mit Miró, kollegial verbunden ist er mit Piet Mondrian, Max Ernst, Marcel Duchamp, Alberto Giacometti und Hans Arp. Nach einer kurzen Phase streng konstruktivistischer Arbeiten beginnt er 1927, mit gebogenen Drähten kleine, experimentell bewegbare Skulpturen zu bauen. 1930/31 entsteht aus einer Reihe kleiner Holzfiguren ein Zirkusensemble. Das Zirzensische ist auf den verschiedensten Ebenen ein Generalthema in der Kunst Calders. Ebenfalls 1931 hat er mit starren Drahtkonstruktionen seine erste Einzelausstellung in der Galerie Percier in Paris. Das kubistische Prinzip des Achsenwechsels, der Prismatisierung der Formen übersetzt Calder bis 1934 konsequent in die Skulptur und reflektiert zugleich den Zeit-Raum-Aspekt, indem er Blechformen beweglich über Fäden und Stangen um eine zentrale Achse als Träger miteinander verbindet. Duchamp, selbst mit sich bewegenden Ready-Mades beschäftigt, tauft Calders bewegte KonstruktionenMobiles. Dieses Wort für autonome Beweglichkeit und Bewegbarkeit findet sich bis dahin in kunstgewerblichen Dekorationsstücken wie Weihnachtsschmuck oder Kinderspielzeug. Uhrwerke mit beweglichen Figurinen, Jahrmärkte mit ihren Kettenkarussellen, Windfahnen, Automatenhomunculi des 18. Jahrhunderts, Zirkusakrobatik, der zeitgenössische Tanz, die zeitgenössische Stahlskelettarchitektur und nicht zuletzt der Film sind Calders Inspirationen. Seine biomorphen Blechformen sind erkennbar von der Formwelt Mirós beeinflusst.

1931 ist Calder Mitglied der Pariser Gruppe »Abstraction-Création« und arbeitet auch mit dem Konstruktivismus verpflichteten starren Metallkonstruktionen, die jedoch immer sphärische Räume erstellen und so wie die Mobiles ein autonomes Raumvolumen umfassen. Hans Arp gibt diesen Skulpturen den Namen Stabiles. Ab 1939 perfektioniert Calder die Scharniere seiner Mobiles durch Eisendrahtschlaufen und Metallstangen, die skulpturale Form selbst ist aus Blech geschnitten und meist in den drei Grundfarben Rot, Gelb und Blau bemalt sind, was zur fahnenartigen Signalwirkung der Mobiles beiträgt. Calder setzt seine Blechformen an Achsengestängen nicht nur exakt ausbalanciert, frei stehend in den Raum, sondern montiert seine Mobiles auch an Decken, wo die Formen wie fremde Vögel oder Trapezkünstler den Luftraum kompositorisch choreographieren und elegant, weil lautlos schwebend, durchgleiten. Calder experimentiert in den Anfängen mit motorgetriebener Bewegung, gibt dieses mechanistische Element jedoch auf zugunsten des stillen Gleitens seiner kinetisch reagierenden Formelemente. Bei aller mechanischen Montage zerlegen Calders Mobiles den Luftraum nicht in die eine Bewegung protokollierende Kompartimente, sondern erzeugen, je nach kinetischem Schub, sich immer wieder neu konstituierende simultane Bewegungsabläufe und Raumvolumina. Mit diesen kann das Spielerische, Aleatorische von Blättern im Wind, windbewegtes Gras oder das schwerelos erscheinende Treiben von Fischschwärmen assoziiert werden.

Neben seinen bewegten und starren Skulpturen erarbeitet Calder zahlreiche Bühnenbilder, er zeichnet und lithographiert. 1953, längst beauftragt mit teils haushohen Großplastiken, zieht er in ein Atelier in Saché bei Tours. Mit seinen Mobiles, taktil bewegt oder durch den Luftzug in Bewegung gesetzt, schafft Calder eine neue Kunstkategorie, die den dreidimensionalen Bewegungsraum und kinetische Energie sowie Zeit und Raum thematisiert. 1966 erscheint Calders Autobiographie. Zurück in den USA arbeitet er in seinem Atelier in Roxbury / Connecticut.

Alexander Clader stirbt am 11. November 1976 in New York.

Literaturauswahl

When we were young. New Perspective on the Art of a Child: Ausst.-Kat. Philipps Collection, Washington DC, hg. v. J. Fineberg, Berkley 2006

Und es bewegt sich doch …: Von Alexander Calder und Jean Tinguely bis zur zeitgenössischen »mobilen Kunst«: Ausst.-Kat. Museum Bochum, hg. v. H.-G. Golinski u.a., Bochum 2006

The surreal Calder: Ausst.-Kat. Menil Collection, Houston, hg. v. M. Rosenthal, New Haven 2005

Giménez, C. (Hg.): Calder. Gravity and Grace, London 2004

Calder / Mio: Ausst.-Kat. Fondation Beyerle, Riehen, hg. v. E. Hutten-Turner, O. Wick, Leipzig 2004

Baal-Teshuva, J.: Alexander Calder 1898 — 1976, Köln 2002

Rower, A.S.C.: Calder, New York 1998

Alexander Calder 1898 — 1976: Ausst.-Kat. Musée d’Art Moderne Paris, hg. v. S. Page, Paris 1996

Alexander Calder. Die großen Skulpturen, der andere Calder: Ausst.-Kat. Bundeskunsthalle Bonn, hg. v. D. Abadie, P. Hulten, Bonn 1993

Bildrechte: Calder Foundation New York / Foto Stiftung Lehmbruck Museum Bildrechte: gemeinfrei, Foto: Peter Hinschläger Foto: Tobias Roch, Hagen Bildrechte: VG Bild Kunst, Bonn 2014

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